Warum Juan Moreno ein müder Don Quijote ist

12.02.2020
 

"Ich würde mein letztes Jahr niemandem wünschen", sagt der Relotius-Aufdecker Juan Moreno zu Hilmar Poganatz, der ihn für das medium magazin interviewt hat. Das komplette Gespräch ist auch im neuen Jahrbuch für Journalistinnen und Journalisten erschienen. Was Moreno auf die Frage, wie ein Zeichner ihn porträtieren sollte, antwortet.

Hilmar Poganatz hat Juan Moreno für das medium magazin zum Interview in Berlin getroffen. Moreno war gerade von Malta zurückgekommen, wo er für den Spiegel recherchierte. Er wirkte ziemlich müde, hustete häufig und trug selbst im Büro einen Schal. Auf die Frage, wie ein Zeichner ihn porträtieren sollte, antwortete Moreno: "Bleiben wir doch phänotypisch bei meiner Herkunft. Ich wurde in Spanien geboren, als Sohn andalusischer Bauern. Zeichnet mich als einen derzeit extrem, extrem müden Don Quijote." Für Moreno ist Quijote jemand, "der wenigstens versucht, für die richtige Sache zu kämpfen, und dafür viel auf die Nase bekommt".

Moreno wird teils vorgeworfen, seine Geschichte mit Relotius zu kommerzialisieren. Hätte ihm der Ruhm als Aufdecker des Betrugs nicht gereicht? "Der Gedanke, dass ich als Journalist, der einen Skandal aufgedeckt hat, seine Sicht der Dinge nicht öffentlich machen sollte, weil ich damit die Sache monetarisiere, ist einigermaßen absurd", sagt Moreno im medium-magazin-Interview. "Darf man über eine Hungersnot schreiben und ein Honorar verlangen? Kommerzialisiere ich damit nicht das Elend fremder Menschen?", fragt er weiter.

Juan Moreno ist von einer Jury des medium magazins zum Journalisten des Jahres gewählt worden. Trotzdem bezeichnet er Relotius rückblickend alles andere als einen Glücksfall: "Ich würde mein letztes Jahr niemandem wünschen." Rein beruflich sei es ein erfolgreiches Jahr gewesen. Er sei viel bekannter. Das merke er, wenn er irgendwo anrufe und sich um ein Interview bemühe. Es sei deutlich leichter geworden, an Gesprächspartner zu kommen. Er bekomme auch viele Informationen und Aktenkopien zugesteckt. Trotzdem: "Auch wenn ich mich über die Wahl zum 'Journalisten des Jahres' freue: Auf dieses Jahr hätte ich gerne verzichtet", betont Moreno.

Der drohenden Klage von Claas Relotius sieht er indes gelassen entgegen: "In der Sache selbst gibt es bisher lediglich Vorwürfe von jemandem, von dem sein Anwalt sagt, dass er offensichtlich krank ist - womit offensichtlich gemeint ist, dass sein Mandant Claas Relotius ein notorischer Lügner ist." Moreno findet es schade, dass manche Kollegen sofort auf den Versuch hereinfielen, ihn in diesen "Sumpf" herunterzuziehen. Ihn wundert, dass aus einem wirklich wichtigen Thema für die Branche ein Duell zwischen Relotius und Moreno gemacht werde: "Die Konstellation war: Claas Relotius gegen den Journalismus, gegen die Wahrheit, gegen die Leser, die er betrogen hat. Was machen die Betrügereien dieses Mannes mit einer Branche, die sich der Fake-News-Debatte stellen muss? Jetzt gibt es einen Spin der Geschichte, plötzlich heißt das Duell Relotius gegen Moreno."

Auf die Frage nach den wünschenswerten Lehren daraus antwortet Juan Moreno: "Ein falscher Schluss wäre ein Generalverdacht gegenüber Journalisten im Allgemeinen und Reportern im Speziellen. Wenn ich mit Kollegen spreche, gerade mit Freien, höre ich, dass das Misstrauen gewachsen ist. Richtige Konsequenzen aus Relotius' Betrügereien wären gewesen, jetzt mehr in die Recherche zu investieren, den Freien mehr Zeit zu geben, Reportern im Sinne des Vier-Augen-Prinzips stets einen Fotografen mitzuschicken, den Autoren mehr Zeit zum Verifizieren zu geben und das Ganze dann entsprechend zu bezahlen. Mein Eindruck ist, dass das nicht stattfindet."

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Das komplette Interview mit Juan Moreno ist auf 9 Seiten im Jahrbuch für Journalistinnen und Journalisten erschienen. Darin spricht Moreno auch über seine Motivation und seine Zukunft. Das Jahrbuch für Journalistinnen und Journalisten 2020 können Sie in unserem Shop kaufen. Dort finden Sie auch einen Überblick, was auf den fast 180 Jahrbuch-Seiten noch erschienen ist - was im Journalismus 2020 diskutiert wird.

Das medium magazin erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteurin ist Annette Milz. Das aktuelle Heft mit der Titelgeschichte Juan Moreno und den Jurybegründungen für die Journalistinnen und Journalisten des Jahres gibt es ebenfalls in unserem Shop zu kaufen.

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