Faszinierend: Wie Julius Tröger für die Zeit komplexe Daten-Welten visualisiert

 

Julius Tröger, Head of Visual Journalism bei Zeit Online, kann, wovon viele Journalisten-Kollegen nur träumen können: Er analysiert mit seinen Teams gigantische Rohdaten-Volumina und leitet daraus knackige, grafisch überzeugende Geschichten aus, die sich auf Social Media bestens teilen und liken lassen.

kress.de: Herr Tröger, Head of Visual Journalism klingt als Titelbezeichnung sicher spannend, wenn man sich auf einem Abendtermin vorstellt. Trotzdem dürfte sich nicht gerade jeder Kollege sofort vorstellen können, wie Ihre Tätigkeiten bei der "Zeit" konkret aussehen. Wie stellen Sie sich in einfachen Worten vor?

Julius Tröger: Ich leite ein interdisziplinäres Team aus Programmierern, Journalisten und Designern. Wir kümmern uns um die Grafiken, Illustrationen und neue, visuelle Darstellungsformen bei Zeit Online.

kress.de: Ihr bisheriger Berufsweg ähnelt von außen betrachtet dem klassischen Aufstieg eines jungen Kollegen von einer Regionalzeitung über diverse Lern- und Erfahrungsstationen hin zu einer großen überregionalen Redaktion. Ab wann haben Sie gemerkt, dass Sie sich für eine etwas andere Form des Tageszeitungsjournalismus interessieren, und gab es so etwas wie ein Schlüsselerlebnis auf dem Weg zum Datenexperten?

Julius Tröger: Direkt nach meinem Studium durfte ich 2007 zusammen mit drei weiteren Kollegen die Online-Redaktion der Lokalzeitung Schwarzwälder Bote aufbauen. Wir haben viel experimentiert – von Webvideos bis Nachrichten-Podcasts. Wir mussten sogar unsere Bildergalerien selbst coden. Also lernte ich programmieren. Datenjournalismus habe ich ein paar Jahre später bei einem Meetup für Datenjournalisten in Berlin entdeckt. Danach stand für mich sofort fest, dass ich auch an dieser Schnittstelle von Journalismus, Daten und Code arbeiten möchte.

"Diese intensive Nerd-Hospitanz prägt meine Arbeit bis heute."

kress.de: Wo haben Sie im Rückblick am meisten gelernt?

Julius Tröger: 2012 habe ich einen Monat unbezahlten Urlaub genommen und bin für Praktika bei ProPublica und Guardian US nach New York gegangen. Bei Scott Klein und seinem Team bei ProPublica habe ich viel über Datenrecherche und -analyse gelernt. Bei Gabriel Dance und seinem Team beim Guardian US habe ich an aktuellen Interaktiv-Projekten mitgearbeitet. Diese intensive Nerd-Hospitanz prägt meine Arbeit bis heute.

"Mit Daten kann man ganz anders an ein Thema jenseits von Anekdoten herangehen."

kress.de: Was macht für Sie die Faszination der Aufbereitung von Daten aus, um daraus sehr ungewöhnliche Geschichten für interessierte Leser abzuleiten?

Julius Tröger: Mit Daten kann man ganz anders an ein Thema jenseits von Anekdoten herangehen. Man kann Tangenten aufzeigen, auf die man sonst nicht kommen würde. In der Kombination verschiedener Daten stecken häufig viele spannende Erkenntnisse. Außerdem lassen sich Geschichten oft sehr gut personalisieren. Bei unserem Datenprojekt "Die Millionen, die gingen" (LINK) können Nutzer die demografische Zusammensetzung und die Einwohnerentwicklung in ihrer Region nachverfolgen.

kress.de: Sie hätten es sich ja durchaus auch einfacher machen können: Woher kommt bei Ihnen die Disziplin, aber auch die Leidensfähigkeit, sich so tief in Themen und Recherche-Projekte einzuarbeiten, von denen so manch anderer Kollege vielleicht gleich zu Beginn die Finger gelassen hätte?

Julius Tröger: Natürlich besteht ein Großteil unserer Arbeit in der Bereinigung von Daten. Aber wir arbeiten da sehr gut im Team zusammen und teilen uns diese Arbeit auf. Wir haben ja alle bereits einiges an Erfahrung in dem Bereich und können meist ganz gut abschätzen, ob sich der Aufwand lohnt. Die Neugier hilft uns durch die Datenberge.

kress.de: Für Arbeiten bei Zeit Online wie Ihre Untersuchung zu den innerdeutschen Migrationsströmen, vor allem von Ost nach West, haben Sie sich mit Ihrem Team in einem Wust von Datensätzen eingearbeitet, die man erst einmal vergleichbar machen muss, um daraus Schlüsse abzuleiten. Wie kommen Sie auf Themen wie diese?

Julius Tröger: 2019 war das Jahr des Mauerfalljubiläums, in drei ostdeutschen Bundesländern wurde gewählt. Wir hatten uns dabei die einfache Frage gestellt: Wie viele Menschen sind damals eigentlich gegangen – und wohin? Und was hat das genau mit den verlassenen Regionen gemacht? Wir wussten, dass das Statistische Bundesamt Daten zu allen Umzügen innerhalb Deutschlands hat. Diese haben wir dann auch bekommen, mussten sie aber wochenlang aufbereiten.

kress.de: Ihre Tätigkeiten bei der Zeit setzen sicher ein völlig neues Zusammenarbeiten an der Schnittstelle von Daten-Recherche, IT, Wissenschaft und Design voraus. Wie bringen Sie solche Teams zusammen, und wo liegen in der Abstimmung bei meist ja sehr langwierigen Projektarbeiten die größten (Verständigungs-)Schwierigkeiten?

Julius Tröger: Es hilft sehr, dass wir alle in einem großen Raum zusammensitzen. Daher sind schnelle Absprachen möglich. Wir kommunizieren während Projekten nicht nur über Slack und Trello, sondern wir treffen uns auch regelmäßig persönlich. Dass alle immer auf demselben Informationsstand sind, erfordert viele Absprachen. Darin besteht meiner Meinung nach die größte Herausforderung.

"Journalisten müssen nicht programmieren können."

kress.de: Wie viel muss aus Ihrer Sicht ein Journalist, der seinen Job zeitgemäß versteht, heutzutage von Programmier-Codes verstehen?

Julius Tröger: Journalisten müssen nicht programmieren können. Ich muss mich ja auch nicht in anderen Fachthemen auskennen. Es hilft aber natürlich immer, gegenüber dem Fachgebiet des anderen aufgeschlossen zu sein. Oft entstehen so die besten Geschichten. Die Ideen zu unseren Projekten kommen zu 50 Prozent aus unserer Abteilung und zur anderen Hälfte von Kollegen aus anderen Ressorts.

kress.de: Hinter den Arbeiten, mit denen Sie bei Zeit Online auffielen, steckt eine lange Vorbereitung. Wie gut werden Sie denn von den Lesern auch tatsächlich angenommen und damit wertgeschätzt?

Julius Tröger: Wir setzen bei den meisten Projekten stark darauf, dass unsere Leserinnen und Leser mitnehmen können, was etwas konkret für sie bedeutet. Wir lassen sie ihre Erkenntnisse leicht bei Social Media teilen. Wie etwa bei unserem Projekt "Darüber spricht der Bundestag" (LINK), in dem wir alle Reden des Bundestags nach einzelnen Wortverläufen durchsuchbar machen oder unserem Artikel "Viel zu warm hier" (LINK), der den Temperaturanstieg seit 1881 in der eigenen Gemeinde zeigt.

kress.de: Mit Ihrem Datenprojekt zur Auswertung von Bundestagsreden haben Sie sogar Wissenschaftler auf die Arbeit Ihres Teams neugierig gemacht und neue Kooperationen geschlossen. In wie weit können solche Projekte Ihrem Haus auch frische Leserschichten und sogar neue Geschäftsmodelle erschließen?

Julius Tröger: Wir arbeiten sehr viel mit Wissenschaftlern zusammen. Meistens benötigen wir bei großen Datenprojekten die Einschätzung von Experten auf dem jeweiligen Feld. Immer öfter veröffentlichen Forscher auch Rohdaten, die ihren Studien zugrunde liegen. Daraus können wir dann mehr machen, als nur über die Studie selbst zu berichten. Diese Zusammenarbeit ist immer sehr angenehm, weil Wissenschaftler sich natürlich auch freuen, wenn auf der anderen Seite jemand sitzt, der die gleiche Datenanalysesoftware und ähnliche Methoden nutzt. Es ist ein Austausch auf Augenhöhe. Umso mehr freut uns, dass wir jetzt auch immer öfter von uns erhobene oder bereinigte Daten der Wissenschaft zur Verfügung stellen können. Amerikanische Eliteuniversitäten wie Stanford oder Harvard forschen neuerdings mit von uns recherchierten Datensätzen. (LINK) Auch Sozialwissenschaftlern von der University of Oxford und Forschern deutscher Universitäten haben wir unsere Daten bereitgestellt. Außerdem untersuchte die EU-Kommission mithilfe unserer europaweiten Wahldaten, wie das Wahlverhalten in einer Region mit dem Anteil der dort lebenden Migranten zusammenhängt. (LINK)

kress.de: Wie legen Sie Ihre Themen fest? Wie erreicht man Ihre Neugierde?

Julius Tröger: Wir haben eine riesige Liste an Ideen. Die entstehen natürlich häufig bei aktuellen Anlässen. Außerdem telefonieren wir ganz klassisch viel mit Ämtern, Wissenschaftlern oder anderen Quellen und halten uns auf dem Laufenden, ob es irgendwo neue Daten gibt. Besonders neugierig werden wir immer, wenn es heißt, es gebe Daten, die könnten aber nicht herausgegeben werden.

kress.de: Welches Großprojekt schwebt Ihnen als nächstes vor?

Julius Tröger: Gerade arbeiten wir an einem neuen Schwerpunkt, gemeinsam mit dem im vergangenen Jahr gegründeten Ressort X (LINK). Das zentrale Element werden wieder exklusive Daten, diesmal von der Bundesagentur für Arbeit, sein.

"Ein großes Feld ist Algorithmic Accountability."

kress.de: Gibt es Themen, die in der deutschen Presselandschaft schon lange vernachlässigt werden, und die man etwa mit modernem Datenjournalismus endlich mal fundiert angehen sollte?

Julius Tröger: Ein großes Feld ist Algorithmic Accountability: Wie können wir überprüfen, wie etwa Scoring-Verfahren oder Gesichtserkennung wirklich funktionieren – und wie sie vielleicht von Firmen gegen die Gesellschaft eingesetzt werden. In Deutschland beschäftigt sich die NGO Algorithmwatch bereits länger mit dem Thema und in den USA wurde mit The Markup eine eigene Redaktion dazu gegründet.

kress.de: Letzte Frage: Gibt es denn – am hoffentlich verdienten Feierabend – auch Momente, in denen Sie sich komplett von der Welt der Zahlen, Datensätze und Analysen lösen können?

Julius Tröger: Die gibt es sehr oft. Mit zwei kleinen Kindern bin ich in meiner Freizeit mit der Familie bestens mit ganz anderen Dingen ausgelastet!

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