Kann man im Job wirklich befreundet sein?

 

Viele Redaktionen geben sich betont jung und unkompliziert. Aber auch in traditionellen Medienhäusern sind private Kontakte im Team üblich. Doch kann man mit Kollegen überhaupt wirklich befreundet sein? Mediencoach Attila Albert über manchmal schwierige Beziehungen am Arbeitsplatz.

Eine Chefreporterin hatte sich noch während ihres Volontariats mit einer anderen jungen Journalistin angefreundet. Sie bewarben sich später bei derselben Redaktion und wurden beide genommen. Es gefiel ihr, mit ihrer Freundin gemeinsam in einem Team zu arbeiten. Sie verbrachten weiterhin auch einen Teil ihrer Freizeit gemeinsam. Eines Tages erfuhr sie jedoch, dass sich ihre Freundin um die freiwerdende Ressortleiterstelle beworben hatte, ohne ihr etwas davon zu sagen. Sie fühlte sich hintergangen. Mehr noch ärgerte sie die Vorstellung, dass ihre Freundin sich offenbar als ihre potentielle Vorgesetzte sah.

Ein Fotochef war mehr als 20 Jahre im selben Medienhaus tätig. Er hatte im Laufe der Zeit zu vielen Kollegen ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut. Auch zu seinem aktuellen Chefredakteur, den er einige Jahre zuvor noch als Jungredakteur kennengelernt hatte. Eines Tages eröffnete ihm dieser völlig überraschend, dass es zukünftig einen neuen Fotochef geben werde - den bisherigen Stellvertreter. Man wolle sich verjüngen, er solle es nicht persönlich nehmen. Es blieb nur noch, die Abfindung auszuhandeln. Den älteren Kollegen enttäuschte vor allem, dass niemand ihn vorgewarnt hatte und keiner offen für ihn eintrat.

Nicht von betont unkomplizierter Firmenkultur täuschen lassen

Kann man am Arbeitsplatz überhaupt wirklich befreundet sein? Wer nie eine Enttäuschung erlebt hat, wird das für eine Selbstverständlichkeit halten. Insbesondere in Umgebungen, die sich eine betont junge und unkomplizierte Startup-Atmosphäre geben. Da gehört das "Du" ebenso dazu wie gemeinsame Aktivitäten in der Freizeit. Auch der Chef soll am besten ein guter Freund sein, dem man alles anvertrauen kann. Wer schon manche Rivalität oder gar Intrige erlebt hat, wird skeptischer herangehen sein. Ausgerechnet einem Kollegen allzu private Informationen anvertrauen? Hier einige Punkte, die Sie bedenken könnten.

●      Genießen Sie freundschaftliche Kontakte am Arbeitsplatz. Sie können den beruflichen Alltag auf vielfache Weise bereichern und angenehm machen. Selbst engere Bindungen sind oft sehr schön. Etwa die Patenschaft für das Kind eines Kollegen übernehmen oder der Trauzeuge eines Kollegen werden.

●      Bleiben Sie gleichzeitig realistisch. Selbst im harmonischsten Umfeld sind Sie weiterhin an einem Arbeitsplatz, müssen etwas leisten und werden dafür bezahlt. Freundschaften sind ein schöner Nebeneffekt, aber nicht der Grund Ihres Zusammenkommens. Bewerten Sie diesen Aspekt daher nicht zu hoch.

●      Lassen Sie sich insbesondere in betont lockeren Umfeldern nicht täuschen. Hierarchien gibt es immer. Wenn ein Freund Ihr Vorgesetzter wird, dann wird er manchmal anders entscheiden müssen, als er das privat vielleicht gern täte. Erwarten Sie daher nicht zu viel. Sich selbst, aber auch dem anderen zuliebe.

●      Rivalitäten sind normal. Vor allem, wenn Sie beide in derselben Karrierephase sind. Sie kämpfen eventuell beide um dieselben Informanten und Rechercheergebnisse, Plätze im Blatt bzw. Heft oder Programm, Beförderungen und neuen Jobs. Sehen Sie es wie einen sportlichen Wettkampf, nicht als persönlichen Angriff gegen Sie.

●      Wenn Sie den Eindruck haben, es gebe einen Konflikt, sprechen Sie das in einem ruhigen Moment an. So viel sollte Ihnen die Freundschaft wert sein. Klären Sie einen eventuellen Verdacht (z.B. beim gemeinsamen Chef schlecht über Sie geredet). Oft stellen sich Missverständnisse heraus, ansonsten haben Sie zumindest Klarheit.

●      Im Einzelfall kann es der Freundschaft zuliebe besser sein, dass einer die Redaktion oder gar das Unternehmen wechselt. Oft lässt sich das sogar mit dem nächsten Karriereschritt verbinden. Sehr ähnlich, wie es oft bei Liebesbeziehungen im Job gehalten wird. Das erlaubt Ihnen wieder einen unbeschwerten Umgang.

Bedenken Sie auch am Arbeitsplatz immer, dass sich vieles nicht zurücknehmen lässt. Haben Sie erst einmal ganz offen beispielsweise über Ihre Eheprobleme oder Schulden gesprochen oder waren in Anwesenheit eines Kollegen stark betrunken, wird man Sie mit anderen Augen sehen. Vor allem gilt das, wenn Sie Karriere-Ambitionen haben: Bei aller Freundschaft spielen Sie dann plötzlich in einer anderen Liga und müssen andere Interessen vertreten. Deshalb: Keine Angst vor Professionalität - und alles andere nach Feierabend.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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