Die Doppelspitze in der Medienbranche: Himmel und Hölle zugleich

 

Ist sie nun gut oder schlecht, die Doppelspitze in der Medienbranche? Ist sie ein Zeichen von Wankelmut oder von Weisheit? Ist sie Mode oder Modernität? Sie ist vor allem eines: anspruchsvoll. Neue Kolumne von Christian Lindner in kress pro. 

Spüren Sie ihn auch schon - diesen zeitgeistigen Drang zur Bildung einer Doppelspitze, auch bei Ihnen im Unternehmen?

In der Politik werden Solisten an der Spitze rar. Grüne, Linkspartei und AfD haben schon länger nicht nur zwei Flügel, sondern auch zwei Vorsitzende. Auch die SPD hat sich jüngst ein Führungs-Duo hart ercastet. Und letztlich hat ja auch die CDU neuerdings zwei Frauen an ihrer Spitze.

Auch in der Wirtschaft gibt es Doppelspitzen - nicht als Notlösung oder für die Quote: Viele Familienunternehmen spiegeln ihre Stämme in den Chefetagen, Start-ups werden oft von gegensätzlich begabten Duos gegründet und aufgebaut.

Selbst die Medienbranche, dieser Zoo für Alpha-Tiere, ist doppelspitziger, als es das Kopfschütteln vieler Leitartikler über die zwei an der SPD-Spitze vermuten ließ. In etlichen Verlagen führen Duos die Geschäfte erfolgreich, der Stern hat Print und Web in seiner zweiköpfigen Chefredaktion vermählt, Tagesspiegel und Süddeutsche sind auch wegen ihrer Doppelspitze in der Redaktion so gut unterwegs, und die FAZ mögen wir uns ohne ihre Herausgeber-Herde gar nicht vorstellen.

Ist sie nun gut oder schlecht, die Doppelspitze? Ist sie ein Zeichen von Wankelmut oder von Weisheit? Ist sie Mode oder Modernität?

Sie ist vor allem eines: anspruchsvoll. Sie kann viele Vorteile haben, steigert aber die Komplexität des Arbeitens, Kommunizierens und Entscheidens - für alle Beteiligten, vom Betriebsrat bis zu den Gesellschaftern. Die Hauptlast einer Doppelspitze aber tragen die zwei Spitzen selbst.

Ja, beide Chefs können sich die Verantwortung teilen. Sie sind nicht so einsam da oben wie ihre solitären Kollegen. Ihre Fähigkeiten können sich ergänzen. Sie können ihre Arbeit nach Begabung und Neigung aufteilen. Sie können Rollen wechseln: Einen Monat Blatt und Website machen, danach Zeit für Konzepte und Strategie. Und Mann und Frau an der Spitze - auch das kann befruchtend sein.

In Wahrheit aber ist eine Doppelspitze Himmel und Hölle zugleich. Wer allein an der Spitze eines Verlages oder einer Redaktion steht, hat es auch nicht leicht. Wer das aber zu zweit stemmt, muss ungleich besser kommunizieren als jeder alleinige Machtinhaber.

Eine Doppelspitze funktioniert in sich selbst auf Dauer nur auf Basis klarer Vereinbarungen und völligen Vertrauens. Damit das gewahrt bleibt, müssen sich beide Chefs extrem viel austauschen, rückkoppeln, abgleichen. Selbst dann, wenn sie sich bestens verstehen: Im Alltag sind so viele operative Entscheidungen zu treffen, dass dies selten im Duo geht, meist aber das Duo angeht. Beide sind also dazu verdammt, bei jeder Entscheidung das Denken des Partners im Hinterkopf mitlaufen zu lassen, sein Interesse an einer Einbindung blitzschnell abzuwägen und den Partner immer wieder rasch auf Stand zu bringen.

Hinzu kommen die lieben Mitarbeiter: Jeder sucht sich gerne "seinen" Chef. Sie verweisen maliziös auf die Entscheidung des anderen, und vor allem beobachten sie genau, wie einig sich die beiden Chefs zu sein scheinen. Spürt die Mannschaft einen Dissens in einer Sachfrage, lähmt das sofort. Merken die Mitarbeiter gar, dass im Spitzenduo generell Dualismus herrscht, greifen Verunsicherung und - der Mehltau für jedes Medienhaus - Abwarten um sich. Der typische Redakteur oder Verlagsmitarbeiter will einen Leuchtturm, an dem er sich orientieren kann - höchstens. Zwei große blinkende Türme mag er gar nicht.

Wer also eine Doppelspitze etabliert, muss noch mehr als bei der Entscheidung für nur einen Geschäftsführer oder Chefredakteur prüfen, ob auch die menschlichen Fähigkeiten stimmen. Ein machthungriges Alpha-Tier kann keine Doppelspitze leben. Ein Bauchmensch und ein Kopf-Typ können sich perfekt ergänzen, je nach Konstellation aber auch schwächen.

Eine Doppelspitze muss passen - zum Haus, zur Kultur des Unternehmens, zur Aufgabe. Eine bequeme Lösung ist sie nur scheinbar. In Wahrheit ist eine Doppelspitze die Hohe Schule der Menschen- und Unternehmensführung.

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Die Kolumne "Personalfragen" von Christian Lindner ist in der aktuellen Ausgabe von kress pro erschienen. Sie können die kress pro/Ausgabe 1/2020 in unserem Shop kaufen.

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