Was haben Zeitungen und Zeitschriften mit dem Milchpreis zu tun?

 

Aus Zeitungen oder Zeitschriften wird nicht automatisch ein Milchgeschäft, selbst wenn du es mit dem Preis von Milch versuchst. Lesen Sie die neuesten Erkenntnisse des kress-Verlegers und Sohns eines Salzburger Bergbauern-Buben, Johann Oberauer.

Suchen Sie schon länger nach einer Erklärung, warum ein Milchgeschäft planbarer als Journalismus ist? Da kann ich Ihnen vielleicht helfen. Bei unserem internen Chefredakteurstreffen Anfang Januar hatte Annette Milz, Chefredakteurin von "medium magazin", Stolzes zu berichten: Ihr Titel mit dem Relotius-Aufdecker Juan Moreno erreichte im Januar bei Twitter 90.000 Views. Sie können sich vorstellen, wie mein Verlegerherz zu pochen begann. "90.000 mal 12 Euro" rief mein Hirn ungefragt und bezog sich dabei auf den Heftpreis des "medium magazins". Und ohne das Ergebnis dieser Hirnrechnung abzuwarten, plapperte meine Zunge das gleich auch noch laut raus. Annette Milz darauf postwendend: "So darf man das nicht rechnen, niemand würde den Preis eines ganzen Heftes bezahlen, wenn man sich nur für die eine Geschichte interessiert." Was die Frankfurter Kollegin vermitteln wollte, verstand ich als Sohn eines Salzburger Bergbauern-Buben sofort: Wegen eines Liters Milch kauft niemand die ganze Kuh. "Dann lass uns doch einen Euro verlangen und sei es für das ganze Heft", antwortete ich trotzig, noch immer den Preis für einen Liter Milch im Kopf.

Damit nahm die Geschichte mit der Milch und dem 1-Euro-Heft seinen Lauf. Vergangene Woche zogen wir gezielt nochmals das Thema hoch, nicht an Juan Moreno, der in Deutschland "Journalist des Jahres" geworden war. Sondern an den 10 besten Politikjournalistinnen und -journalisten Deutschlands, die in der gleichen Ausgabe von "medium magazin" ebenfalls genannt waren. Wir publizierten natürlich nur einen Ausschnitt des Beitrages und boten an: Wenn du die komplette Geschichte lesen willst, zahle einen Euro und du bekommst sogar das ganze Heft. Super Angebot, finden Sie nicht?

10.000 Klicks hatte die Geschichte allein bei kress.de in nur 24 Stunden und der Tweet dazu erreichte zwar nicht 90.000, aber doch 40.000 Views. Plus Tausende Interaktionen. Beeindruckende Zahlen, fanden wir einstimmig - mit glasigen Augen an unserer Webshop-Kasse wartend.

Frage an Sie: Wie viele Hefte haben wir für einen Euro verkauft? 40.000? 4.000? 400? Gar nur 40? Alles falsch. Vorab: Nur 285 Leute sind zur Tür unseres Webshops reingekommen. Und davon wiederum hat nicht mal jeder Zehnte gekauft. Nur lächerliche 25 von ursprünglich 50.000 oder mehr, die sich für die Geschichte interessiert hatten. Was am Abend in der Kasse lag, können Sie leicht nachrechnen: ganze 25 Euro. Etwas mehr, als zwei Ausgaben zum Normalpreis gekostet hätten. Unsere Gesichter wurden nochmals länger, als wir die Zahlen von einer anderen Aktion erfuhren: Mit einem simplen Newsletter hatten wir auf dasselbe Heft aufmerksam gemacht und rund 200 Exemplare zum Preis von je 12 Euro verkauft. Die meisten Bestellungen kamen in den ersten sechs Stunden. Ergebnis: 2.400 Euro.

Wenn ich Sie jetzt nicht frustriert, sondern angefixt habe, dann sollte ich Ihnen noch etwas über den European Publishing Congress in Wien erzählen. Dieser wird sich nämlich in Kürze intensiv unter anderem mit diesem Thema beschäftigen. Ich habe Peter Hogenkamp eingeladen. Der ehemalige Digitalchef der "NZZ" hat heute in Zürich ein eigenes Start-up und berät Unternehmen und Medien. "Ohne Newsletter geht gar nichts", sagt Hogenkamp. Sieben Erfolgsfaktoren hat er im Laufe seiner langjährigen Praxis ermittelt, die für Medienmacher hoch spannend sind und die er uns am Kongress in Wien vorstellen wird. Wer übrigens Lust hat, kann dabei auch eine vertiefende Masterclass besuchen und eigene Aufgaben mit Hogenkamp'schen Lösungen abgleichen.

Fehlen nur mehr die Facts. Also: European Publishing Congress 2020, 26.-28. April, Schloss Schönbrunn. 50 Top-Referentinnen und -Referenten aus europäischen Medienhäusern, 500 Chefredakteure und Medienmanager als Besucher. Und erstmals vertiefende Masterclasses. Unter anderem mit Peter Hogenkamp und "Spiegel"-Entwicklungschef Stefan Ottlitz.

Und wie eingangs versprochen, will ich Ihnen nun auch nicht meine Erkenntnisse über das Milchbusiness vorenthalten: Wenn du Milch verkaufen willst, verkaufe Milch. Zum Preis von Milch. Das wird bei einem Euro auch gut funktionieren. Wenn du Zeitungen oder Zeitschriften verkaufen willst, verlange gerne 12 Euro. Das kann ebenfalls gut funktionieren. Aus einem Zeitungsbusiness wird jedoch nicht automatisch ein Milchgeschäft, selbst wenn du es mit dem Preis von Milch versuchst.

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