Mein Vertrag ist so gut - kann ich nie mehr den Job wechseln?

 

Viele langjährig angestellten Medienprofis stehen vor einem Dilemma. Ihr alter Vertrag ist so gut, dass er in der heutigen Branchenlage nicht wieder zu bekommen wäre. Aber bis zur Rente abwarten und bis dahin unglücklich sein? Mediencoach Attila Albert über Schritte in eine neue Zukunft.

Seit mehr als 20 Jahren arbeitete die Redakteurin einer Tageszeitung bereits beim selben Medienhaus. Ihren Vertrag von einst hatte sie noch immer und verdiente nach diversen Beförderungen und Gehaltserhöhungen seit langem rund 88 500 Euro jährlich (tarifliche Gehaltsgruppe V bb mit Zulagen). Eine gute Summe angesichts dessen, dass sie keine Leitungsfunktion hatte. Allerdings lag die letzte Erhöhung auch Jahre zurück. Die Arbeit langweilte und frustrierte sie. Dazu war wegen Personalabbau ständig mehr zu tun.

Gelegentlich hatte sie sich anderswo beworben, aber entsetzt festgestellt, dass sie bei einem neuen Arbeitgeber realistisch ein Drittel weniger verdienen würde. Zudem hätte sie das Risiko einer Probezeit. Ob eine neue Stelle wenigstens inhaltlich eine Verbesserung wäre, war da noch nicht einmal sicher. Gleichzeitig konnte sich nicht vorstellen, weitere 20 Jahre - nämlich bis zur Rente - zu bleiben. Angesichts immer neuer Umstrukturierungen schien es zunehmend auch unwahrscheinlich, dass das überhaupt möglich wäre.

Oft realistisch, dass dieser Vertrag nicht wiederkommt

Viele langjährig angestellten Medienprofis stehen vor diesem Dilemma. Ihr alter Vertrag ist so gut, dass er heute wohl nicht wieder zu bekommen wäre. Mit Mitte 40 bis Anfang 50 sind sie gleichzeitig noch zu jung und die Arbeit zunehmend zu anstrengend, um das Problem über weitere Jahre auszusitzen. Zwar könnte man warten, bis der Arbeitgeber eventuell beim nächsten Stellenabbau in eine Abfindung anbietet. Aber gerade die leistungsfähigsten Mitarbeiter werden von solchen Angeboten oft ausgenommen, weil sie bleiben sollen.

Was also tun? Zuerst zum typischen Fehler in dieser Situation. Wer vor allem auf das Gehalt schaut und eventuelle Angebote hauptsächlich unter diesem Gesichtspunkt vergleicht, wird sich nie bewegen können. Der Ansatz ist verständlich wegen der alltäglichen finanziellen Verpflichtungen: Partner, Familie, Miete oder Hauskredit. Er führt aber in eine Sackgasse. Außer bei einem Sprung mehrere Hierarchiestufen hinauf oder den Umzug in eine Region mit höherem Gehaltsniveau ist es eher unwahrscheinlich, woanders gleich viel oder gar mehr zu verdienen. Zudem im letzteren Fall wiederum die Kosten höher wären.

Mindestens zwei Lebensbereiche verbessern

Überlegen Sie deshalb weitergehend: Warum wollen Sie sich überhaupt verändern? Was fehlt Ihnen am aktuellen Job, was frustriert, ärgert oder erschöpft Sie? Und im positiven Sinne: Welches Leben schwebt Ihnen vor, wie sollte Ihr Alltag im besten Falle aussehen? Meist ist ein beruflicher Wechsel nur sinnvoll und auch attraktiv, wenn er mindestens zwei, besser drei Lebensbereiche aus der nachfolgenden Liste verbessert.

  1. Beruf und Karriere: Sie steigen hierarchisch auf (z. B. vom Chefreporter zum Ressortleiter) oder können zu einem angesehenen Arbeitgeber wechseln.

  2. Persönliche Finanzen: Sie verdienen mehr oder können Ihre Kosten senken, z. B., weil Sie oder Ihr Partner nicht mehr pendeln müssen (Fahrten, Zweitwohnung).

  3. Persönliche Entwicklung: Sie können etwas Neues lernen, das Sie interessiert, noch einmal herausfordert oder Ihnen die Freude am Arbeiten zurückbringt.

  4. Beziehung und Familie: Sie haben mehr Zeit für Ihren Partner und die Kinder. Etwa durch geregelte oder kürzere Arbeitszeiten, keine Nacht- oder Wochenenddienste.

  5. Enge soziale Beziehungen: Es ist Ihnen wieder möglich, sich Ihren Freunden und Hobbys zu widmen. Meist möglich durch kürzere Arbeitszeiten und -wege.

  6. Gesundheit und Alter: Sie sind weniger gestresst und finden wieder die Zeit und Kraft, Sport zu machen, ausreichend zu schlafen und sich gesund zu ernähren.

  7. Spaß und Lebensfreude: Sie sind entspannter, lachen mehr, fühlen sich gut. Auch das Umfeld ist hier ein Faktor, je nach Wunsch z. B. Großstadt oder mehr Natur.

  8. Lebenssinn und Spiritualität: Die neue Arbeit kommt Ihnen sinnvoller vor. Sie haben den Eindruck, Ihre Lebenszeit für einen guten Zweck zu verwenden.

Wenn sich nur ein Lebensbereich verbessert, ist es meist sinnvoller, beim alten Vertrag zu bleiben. Die Risiken eines Wechsels lohnen sich nicht. Wenn Sie aber zwei oder mehr Bereiche verbessern können, sieht die Gesamtrechnung gleich ganz anders aus. Eventuell verdienen Sie weniger, aber möglicherweise brauchen Sie auch weniger Geld und haben zudem eine höhere Lebensqualität. Schon allein, nicht mehr pendeln oder jeden Sonntag in der Redaktion sein zu müssen, ist für viele Paare und Familien eine enorme Verbesserung.

Ein Karriere-Coaching beginnt oft mit dem Wunsch, eine neue Stelle zu finden - aus Frust, Erschöpfung, Enttäuschung. Schon im ersten Gespräch zeigt sich fast immer, dass bisherige Bewerbungen nur selten Erfolg hatten und oft beim Gehaltsgespräch ein Ende fanden. Wer weiter denkt und sich sein neues Leben ganzheitlich vorstellt, entkommt diesem Dilemma. "Wie will ich eigentlich leben" schließt die Frage nach dem nötigen und gewünschten Einkommen ein. Es fasst sie aber weiter, so wie ein gutes Leben tatsächlich eben ist.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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