Stellenabbau: Warum noch bleiben, wenn alle anderen gehen?

 

Überall werden Redaktionen weitgehend umstrukturiert und Stellen abgebaut. Das ist anstrengend auch für diejenigen, die bleiben dürfen. Mediencoach Attila Albert über fünf Fragen, die sich jeder stellen sollte, der weiterarbeitet, während alle anderen um ihn herum gehen.

Kürzlich besuchte ich wieder einmal eine Redaktion, die gerade durch eine weitgehende und schmerzhafte Umstrukturierung ging. In einigen Teams stand fast jede Woche ein neuer Ausstand im Outlook-Kalender. Manche Kollegen verabschiedeten sich nach 20, 30 oder mehr Jahren im Unternehmen. Einige hatten im Büro geweint, andere freudestrahlend von einem guten Abfindungsangebot berichtet und direkt zusammengepackt. Die Produktion mußte trotz allem weiterlaufen. Es standen sogar zusätzliche ehrgeizige Projekte an.

Wer in so einer schwierigen Situation bleibt, stellt sich zumindest insgeheim viele Fragen. War es vielleicht doch ein Fehler, die angebotene Abfindung nicht zu nehmen? Aber was hätte ich danach gemacht? Klar ist auch, dass der Umbau weitergehen wird, vielleicht sogar zum Dauerzustand wird. Bin ich das nächste Mal dran? Wie lange soll ich noch durchhalten und wann wird es Zeit, auch selbst ein neues berufliches und persönliches Kapitel aufzuschlagen? Die folgenden fünf Fragen können Ihnen bei der Reflektion helfen.

1. Ist das noch der Job, für den Sie gekommen sind?

Es ist ganz normal und für viele sogar ein Wunsch, dass sich ihr Arbeitsinhalt immer wieder einmal verändert. Beispiel: Sie sind als Reporter gekommen, danach Redakteur geworden, weil Sie geregelte Arbeitszeiten wollten. Inzwischen arbeiten Sie als Teamleiter, weil Ihnen Themenplanung und Redigieren liegen. Inhaltliche Abwechslung, ein hierarchischer Aufstieg mit höheren Gehalt oder ein gewünschter Ortswechsel (z. B. von der Außenredaktion in die Großstadt-Zentrale) sind Gründe, Veränderungen zu begrüßen und von ihnen zu profitieren.

Manche empfinden ihre Entwicklung aber genau umgekehrt: Sie fühlen sich seit Jahren zu Aufgaben gedrängt, die sie bestenfalls "auch interessant" finden, aber eigentlich gar nicht wollen. Im Coaching nennen klassische Journalisten hier vor allem organisatorische oder technische Aufgaben: Das Einpflegen von Print-Texten anderer Kollegen ins Online-CMS, das Anlegen von Newslettern oder das Bestücken der Homepage im Schichtdienst. Wenn Sie Arbeitsinhalte oder -stil grundsätzlich anders haben wollen, ist es Zeit zu gehen.

2. Wie lange machen Sie bereits zu viele Kompromisse?

Seien wir ehrlich: Die meisten Medienprofis arbeiten nicht nur aus Spaß an der Sache und für ihre Selbstverwirklichung. Das eigene Leben, Kinder und oftmals auch Partner müssen finanziert werden. Miete, Baufinanzierungen oder andere Kredite sind zu bezahlen. Man will sich zudem gelegentlich auch etwas gönnen: Auto, Urlaubs- und Kurzreisen, Kino- und Restaurantbesuche, neue Kleidung, das aktuelle Handy. Das bedeutet: Kaum einer kann einfach hinschmeißen, schon aus finanziellen Gründen. Jeder macht Kompromisse.

Auch hier geht es daher vor allem darum, das richtige Maß zu finden. Wie oft müssen Sie Ja zu etwas sagen, das Sie eigentlich ablehnen? Und wie lange geht das schon so? Welche Aspekte dabei relevant sind, entscheiden Sie. Typische Beispiele aus der Coaching-Praxis: Ihnen widerspricht die politische Ausrichtung des Titels, seit der neue Chefredakteur da ist. Sie können sich als Pendler nicht damit anfreunden, daß Sie jetzt regelmäßig um 7 Uhr beim Frühdienst sein müssen. Es nervt Sie, daß Sie kaum noch aus dem Newsroom dürfen. 

3. Welche Chancen entgehen Ihnen durch Abwarten?

Der einfachste Weg ist anfangs immer, gar nichts zu tun. Bis zu einem gewissen Grad kann das auch sinnvoll sein: Zuerst mehr Informationen sammeln, sich die Veränderungen ansehen, Optionen erwägen, dann entscheiden. Problematisch wird es, wenn sich das zu einem jahrelangen Verschleppen auswächst: "Ich warte erst mal ab", "Ich schaue mir das mal an", "Mal sehen, wie es weitergeht" ohne Ziel und Endpunkt. Denken Sie hier nicht nur an die Risiken eines Wechsels, sondern auch daran, welche Chancen Ihnen so entgehen.

In der Zeit, in der Sie womöglich unglücklich "abwarten", könnten Sie bereits woanders an Ihrer Zukunft arbeiten: In einem neuen Team, mit einem spannenden Projekt, angestellt oder selbstständig. Sie könnten mehr Spaß haben, Ihre Arbeit als sinnvoller empfinden, mehr Freizeit nutzen, nicht mehr pendeln, vielleicht mehr verdienen. Ob Abfindungsangebote in Zukunft noch so großzügig ausfallen werden, ist ein weiterer Aspekt. Bedenken Sie also, wenn Sie nicht gerade kurz vor der Rente stehen, immer auch den Preis des Zögerns.

4. Was gefällt Ihnen noch am aktuellen Job?

Ein Grund des Zögerns ist, dass keine Situation ausschließlich schrecklich ist. Viele Aspekte passen vielleicht sogar noch so gut wie am ersten Tag. Sie sind stolz auf den Titel, für den Sie arbeiten. Sie interessieren sich für die Themen, über die Sie schreiben. Ihr Vertrag ist gut. Viele Veränderungen eröffnen Ihnen spannende neue Felder (z. B. mehr Web-TV mit Ihnen vor der Kamera). Werden Sie sich möglichst klar darüber, was Ihnen am aktuellen Job noch immer gut gefällt. Am besten schreiben Sie es sich sogar einmal als Liste auf.

Das bedeutet nicht, dass Sie wegen der guten Aspekte zwingend für immer da bleiben müssen. Sie wissen damit aber genau, was Sie bei einem internen oder externen Wechsel beibehalten oder sogar ausbauen wollen. Umgekehrt hilft Ihnen diese Klarheit dabei, unpassende Angebote schnell und ohne großes Bedauern abzusagen. Beispiel: Sie wollen wieder mehr draußen recherchieren. Ein Angebot, bei dem Sie eine Führungsposition im Newsroom bekämen, ist dann zwar ehrenvoll, würde Sie aber in eine Sackgasse führen.

5. Wenn Sie abwarten wollen: Worauf warten Sie?

Wie beschrieben, gibt es viele Gründe, zunächst gar nichts zu tun. Persönlich würde ich die Grenze bei sechs bis 18 Monaten ziehen. Diese Zeit ist meist nötig, um sich Freiräume zu verschaffen (z. B. Dispo ausgleichen, Weiterbildung beenden), aber auch, um ausreichend neue Angebote zu erhalten. Gerade in Führungspositionen kann jede Bewerbungsrunde schnell ein halbes Jahr dauern und am Ende vielleicht zu keinem Vertrag führen. Sie brauchen also Geduld, selbst wenn Sie sich entschlossen haben, sich zu verändern.

Gleichzeitig sollten Sie sich ein Zeitlimit setzen. Wenn Sie abwarten wollen: Worauf warten Sie? Beispiele könnten sein: Sie geben einem neuen Chef sechs Monate Zeit, um zu sehen, ob sich das Redaktionsklima verbessert. Sie nehmen sich vor, erst noch innerhalb eines Jahres einen offenen Kredit abzuzahlen, um danach geringere Lebenshaltungskosten zu haben. Eher zermürbend sind dagegen wesentlich längere Zeiträume: "Wenn die Kinder in zehn Jahren aus der Schule sind...", "Wenn wir erst das Haus abbezahlt haben..."

Die fünf Fragen sind keineswegs so zu verstehen, dass sie unweigerlich zur Entscheidung führen sollen, den Job zu wechseln. Für manchen kann es sinnvoll sein, noch viele weitere Jahre in der Redaktion zu bleiben. Andere werden nach einem systematischen Überlegen entscheiden: "Ich kündige, und zwar zum nächstmöglichen Termin. Jeder weitere Tag kostet mich einfach zu viel." Ihr Ziel sollte es sein, Ihre eigene Lage klar zu sehen und selbstbestimmt zu entscheiden - anstatt es anderen oder den Umstände zu überlassen.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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