Wissenschaftler Christian Drosten fordert in der Corona-Krise: Politischer Journalismus muss sich zurücknehmen

12.03.2020
 

Der vom NDR produzierte Podcast "Corona-Virus Update" mit dem Virus-Forscher Christian Drosten findet derzeit viel Beachtung. In der aktuellen Folge geht es auch um Journalismus. Drosten findet die Fragen von politischen Journalisten im Moment kontraproduktiv. Zugleich nimmt er die Verlage in die Pflicht.

Kein Gesundheitsminister wie aktuell Jens Spahn und auch kein anderer Minister habe bislang mit so einem Problem arbeiten müssen, sagt Christian Drosten, der Leiter der Virologie in der Berliner Charité, im aktuellen Podcast Corono-Virus Update von NDR Info. Eine solche Herausforderung habe es in der Geschichte der Bundesrepublik nicht gegeben und darum sei jetzt nicht die Zeit für Schuldzuweisungen, betont der Wissenschaftler, der nach eigenen Angaben in intensivem Kontakt mit Jens Spahn und anderen führenden Politikern steht.

Eine Sache sei ihm in den letzten Tagen immer deutlicher geworden, so Drosten im NDR-Podcast: "Dass wir den politischen Journalismus hier jetzt auch mal ein Stück weit zurückfahren müssen und den Wissenschaftsjournalismus und den inhaltlich gerichteten Journalismus vortreten lassen müssen - in allen Medien." Das sei wichtig. Denn sonst werde zu viel öffentliche Zeit und öffentliche Aufmerksamkeit verschwendet. Und diese Zeit habe man nicht.

Gegenüber dem NDR-Medienmagazin Zapp bekräftigt der Chef-Virologe der Berliner Charité seine Kritik: "Ich sehe als Wissenschaftler, der mit Journalisten spricht und auch Pressekonferenzen miterlebt, sehr deutlich den Unterschied zwischen politischer Berichterstattung und Wissenschaftjournalismus. Ich nehme einen sehr deutlichen Unterschied in der Fragestellung wahr und ich finde es nicht nur neutral sondern auch kontraproduktiv, wie politische Journalisten im Moment fragen." Die Bundespressekonferenz zuletzt habe er als Zeitverschwendung empfunden. Es sei nur nach leeren Fußballstadien und dem CDU-Parteitag gefragt worden, anstatt inhaltliche, medizinische Fragen zu beantworten.

Drosten begrüßt es, dass es Tageszeitungen gibt, die sich Wissenschaftsredaktionen leisten. Diese seien teuer und müssten bezahlt werden und es sei vollkommen verständlich, dass die Zeitungen diese Berichterstattung nicht umsonst anbieten könnten. Drosten schlägt ein Bezahlmodell vor. Als Zielgruppe sieht der Virus-Forscher eine sehr interessierte, gebildete Bevölkerungsschicht in Deutschland, die ihrer sozialen Umgebung eine Multiplikator-Funktion ausüben könnten. Darum nimmt Drosten Verlage in die Pflicht, kreative Lösungen finden. Zum Beispiel, dass Interessierte diese wissenschaftlichen Berichte speziell bezahlen könnten, ohne eine Komplett-Abo der Zeitung abschließen zu müssen.    

Für Drosten hat der Wissenschaftsjournalismus in Deutschland und im deutschsprachigen Raum im Moment eine Systemfunktion.

Das Corona-Virus ist für Journalisten derzeit eine große Herausforderung, auch weil Medien in einer solchen Situation eine große Verantwortung tragen. Es geht um Ängste und Emotionen.

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt sieht in der Bild-Berichterstattung keine Panikmache: Begriffe wie "Angst" und "Sorge" in Überschriften beschrieben doch vielmehr die Unsicherheit der Menschen. "Das ist weit von Panikmache entfernt." Reichelt sieht gerade eine Situation, "die wir alle zu unseren Lebzeiten so noch nicht erlebt haben. Alltägliche Dinge wie das Fußballspiel zwischen Dortmund und Schalke finden plötzlich vor leeren Rängen statt", wird der Bild-Chef vom NDR-Magazin Zapp zitiert.

Ganz anders beurteilt Spiegel-Chefredakteurin Barbara Hans gegenüber Zapp die Berichterstattung. Sie sehe durchaus die Gefahr von Panikmache in den Medien. Ihr ist es wichtig, das Vokabular genau abzuwägen: "Es braucht bei diesem Thema keine Zuspitzung durch Worte. Im Vordergrund sollten die Fakten stehen."

Oliver Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus, meint, es brauche gar keine Zuspitzung, um Panik zu erzeugen: "Wenn jemand im Dunkeln durch einen Park läuft und ihm ständig jemand ins Ohr flüstert, er brauche keine Angst haben, wird er wahrscheinlich trotzdem Angst bekommen." Aus seiner Sicht machten die etablierten Medien einen ordentlichen Job in einer sehr unübersichtlichen Situation. Allein in den sozialen Medien werde Panik geschürt. Dort verbreiteten sich reißerische und oft falsche Informationen über das Coronavirus in höchster Geschwindigkeit.

Der Journalismus-Professor Florian Haumer sagt laut Zapp, dass er auch in Live-Tickern zum Corona-Virus Potential für Panik sehe: "Das erinnert mich an die Berichterstattung bei Wahlen, der sogenannte 'Pferderennen-Journalismus'. Ständig werden neue Wasserstandsmeldungen abgegeben. Das erzeugt natürlich Spannung und verkauft sich gut. Aber es erzeugt eben auch Panik."

Tipp: Das komplette, halbstündige Gespräch zwischen NDR-Redakteurin Anja Martini und Christian Drosten findet sich hier (Folge 12).

Hintergrund: Je weiter sich das Coronavirus in Europa ausbreitet, desto mehr wollen die Menschen darüber wissen. Auf dieses Informationsbedürfnis will NDR Info mit seinem neuen Coronavirus-Podcast reagieren, der jeden Tag ein Update zur Situation liefert. Montags bis freitags beantwortet Prof. Dr. Christian Drosten (Leiter der Virologie an der Berliner Charité) in Interviews Fragen zur aktuellen Situation, erklärt Zusammenhänge und schildert, wie er persönlich diese Tage erlebt. Die einzelnen Podcast-Folgen gibt es auch in Manuskript-Form.

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