7 Tipps für einen besseren Corona-Journalismus

 

Das Thema Corona ist schon jetzt größer als 9/11 - dies zeigen die Daten von Media Tenor. Deshalb ist es für Journalisten wichtiger denn je, nicht die alten Fehler zu wiederholen, sagt Gastautor Roland Schatz.

Menschen reagieren auf das, was sie sehen. Deshalb sind Journalisten um ihre Aufgabe nicht zu beneiden: jeden Tag treffen sie Entscheidungen dafür, worauf die Mehrheit der Bevölkerung reagieren kann. Krankenschwestern wie Altenpfleger und alle anderen Berufstätigen verlassen sich auf diese besondere Qualität, die Medien - nicht nur in Zeiten von Krisen -  zu leisten haben.

In den letzten Wochen haben die Verantwortlichen bei ARD und ZDF bewusst eine Entscheidung getroffen: Dem Vorgang Corona gaben sie die höchsten Aufmerksamkeit, sprich die höchsten Intensität an Berichten - siehe Grafik in der Bildergalerie. Sogar mehr, als sie damals bei 9/11 berichteten. Sie bereiten Report um Report, Interview um Interview vor, damit die Deutschen sich ein Bild vom Zustand des Landes bilden können. In dieser Aufgabe sind die Journalisten niemandem verpflichtet, nur ihren eigenen Kriterien. Kein Politiker, kein Unternehmer, kein Wissenschaftler kann und darf ihnen Auflagen machen. Zum Glück.

Nun traf Corona niemanden unvorbereitet: von Rinderwahnsinn über Bird Flu, Schweinegrippe und Ebola hat es in den vergangenen 25 Jahren ausreichend Herausforderungen gegeben, über Gefährdungen im Bereich Gesundheit und Viren zu informieren. Allen bisherigen Fällen war eines gemeinsam: die Intensität der Berichterstattung als auch die Balance der präsentierten Quellen entsprach (spätestens) im Nachhinein nicht den selbst gestellten Maßstäben des Journalismus: bevorzugt wurde über Prognosen berichtet, die besonders dramatisch waren - die jedoch die Realitäten bei weitem nicht abbildeten. Ähnliches muss (nicht erst im Nachgang) zur Finanzkrise 2008 sowie der Griechenland-Krise festgestellt werden. Die Bewegung "Constructive Journalism", die nicht Probleme dramatisiert, sondern auch Lösungen aufzeigt, ist schon allein aus diesem Grund in den vergangenen Jahren stark gewachsen.

Um so mehr stellen sich in diesen Tagen die (alten) Fragen, auf die wir neue, konstruktive Antworten haben sollten:

1. Warum werden nicht alle Daten der Johns Hopkins Statistik gezeigt: also Infiziert - Gestorben - Genesen? Bei Corona zeigt etwa das Heute Journal erst seit Mittwoch die Zahl der Genesenden. Die ersten Wochen wurden nur die Infizierten und Toten genannt. Es sollte jetzt Standard in allen Redaktionen werden, nicht nur Tote zu zählen, sondern auch Genesene.

2. Warum wird die Zahl der Todesfälle nicht eingeordnet mit der einzig relevante Orientierungsgrösse: die Zahl der Todesfälle ingesamt. Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes (2018) sterben in Deutschland jeden Tag durchschnittlich 2.600 Menschen. Auf EUROMOMO werden diese Zahlen Woche für Woche für alle Europäischen Länder akribisch aufgeführt, wieviel Menschen pro Land pro Woche gestorben sind. Bis zur Woche 10 im Jahr 2020 ist für kein einziges Land eine Auffälligkeit zu sehen. Solche Zahlen mögen auf den ersten Blick zynisch erscheinen. Auf den zweiten Blick ordnen sie ein.

3. Warum müssen die Menschen erst Zeitungen wie die NYT oder FAZ lesen, um eine andere aussagekräftige Übersicht zu erhalten: wie entwickelt sich die Ansteckung pro Tag pro Land? Es sollte auch prominent berichtet werden, dass in China oder Südkorea die Neu-Infizierten deutlich oder ganz zurückgegangen sind.

4. Warum werden vor allem im Fernsehen die immer gleichen Wissenschaftler gezeigt? Prof. Steeck von der Uni Bonn (immerhin DAS Zentrum für Corona-Forschung nicht nur in Deutschland) sagte der FAZ vor wenigen Tagen, dass er (bei aller Vorsicht) für das gesamte Jahr 2020 keinen relevanten Unterschied in der Sterbequote erwartet.

5. Warum wird nicht die Expertise von möglichst vielen Virologen in den Nachrichtensendungen genutzt? Wenn Corona die größte aller Krisen ist, wird nicht die Reduktion von Erkenntnis zum Fortschritt beitragen. Die Lösung liegt in der Vielfalt nicht in der Einfalt.

6. Prognosen sind immer besonders schwierig. Es wurden ausreichend Hinweise publiziert, dass die den Prognosen zugrunde liegenden Algorithmen mit größter Vorsicht zu genießen sind. Dennoch wird bei der erwarteten Dauer der Corona-Krise überwiegend über "mehrere Monate oder Jahre" berichtet.

7. Und nicht zuletzt: weil Journalismus eben unabhängig von Regierung ist, muss nicht jeder Satz einer Kanzlerin eins zu eins übernommen werden: so wie schon zur Griechenland-Krise ihre Behauptung "Bricht der Euro, bricht Europa" von wenigen Historikern sowie Wirtschaftswissenschaftlern geteilt wurde.

Wir erleben gerade, dass intensive Berichterstattung dazu führt, dass nur noch dieses eine Thema gesehen werden kann. Der perfekte Nährboden für Self-Fullfilling Prophecies. Vergessen wir also für die nächsten Wochen nicht, dass es auch noch andere Themen gibt.

Damit Journalismus auch nach Corona weiter seinen Standards nachkommen kann, könnte es helfen, die oben gestellten Fragen eher früher als später überzeugend zu beantworten. Insbesondere in Zeiten, in denen die Feinde der Demokratie so gerne und so oft von "Fake-News" sprechen.

Zum Autor: Roland Schatz ist in der fünften Generation Journalist. Schatz gründete 1993 das Medienforschungs-Institut Media Tenor und leitet es seitdem.  

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