Corona-Krise: Döpfners Ansage an die Branche

24.03.2020
 

"Shutdown. Stillstand. Pause. Mute. Kaum Kontakt. Atem anhalten. Ruhe. Vakuum. Nichts. Für kurze Zeit, wenige Wochen. Das können wir packen": Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner hat einen bemerkenswerten Kommentar zur Corona-Krise geschrieben. Er spricht darin über seine Zweifel, aber auch über seine Hoffnungen. Was sich Döpfner wirklich wünscht.

Er habe seit Tagen gezögert, etwas zu schreiben: "Weil ich Zweifel habe. Auch Angst, einen Fehler zu machen. Weil ich nicht sicher bin, was richtig ist. Weil ich als Asthmatiker ein sogenannter Risikopatient wäre. Und weil ich Verantwortung habe für 16.500 Mitarbeiter. Und für das, was ich mit einem Text wie diesem auslöse", so Mathias Döpfner in einem Kommentar in der Welt

Döpfner über seine Zweifel:

"Auch ich hänge an den Lippen der Virologen und Epidemiologen. Das Problem ist: Der eine sagt dies, der andere das. Und einig sind sie sich selten. Jeder glaubt an sich. Und gemeinsam sagen sie wenig. Die Regierung folgt. Vor allem den Experten vom Robert-Koch-Institut und von der Charité. Diese fast unbeschränkte Macht ist mir zu alternativlos. Denn es sind Experten ohne das Mandat des Wählers. Aber sie entscheiden indirekt, was die Regierung anordnet."

... über das Virus:

"Bei genauer Betrachtung wissen wir erschütternd wenig über das Virus. Laut einer Studie in 'Science' lag die Dunkelziffer der Corona-Fälle in China bei über 80 Prozent. Wie hoch ist sie in Europa, bei so geringer Testdichte? Was sagt dann eine Statistik über Mortalität? Manchmal denke ich an den Satz des Virologen Hendrik Streeck vom Uni-Klinikum Bonn, der sagt: 'Wäre uns das Virus nicht aufgefallen, hätte man vielleicht gesagt, wir haben dieses Jahr eine schwere Grippewelle.'"

... über seine Wut:

"Ich bin wütend, dass es ernst zu nehmende Menschen gibt, die China als Vorbild in der Seuchenbekämpfung sehen. Obwohl wir doch wissen, dass China eine Diktatur ist, die Menschen verfolgt, nur weil sie anderer Meinung sind. Die ihr Volk überwacht und mit einem Social-Scoring-System kontrolliert. [...] Soll China zu unserem Vorbild werden, weil es die Corona-Krise so totalitär gemeistert hat? Ich fürchte, wir begehen demokratischen Selbstmord aus Angst vor dem Sterben."

... über seine Einsicht:

"Nach allem Ringen und Zaudern und Zweifeln wird mir klar: Obwohl ich befürchte, dass die Folgen der Virusbekämpfung schlimmer sein könnten als die Folgen des Virus selbst (Rezession, Massenarbeitslosigkeit, Enteignungen, vielleicht Schlimmeres), glaube ich am Ende, dass diese Maßnahmen richtig sind. Je entschlossener, desto besser. [...] Shutdown. Stillstand. Pause. Mute. Kaum Kontakt. Atem anhalten. Ruhe. Vakuum. Nichts. Für kurze Zeit, wenige Wochen. Das können wir packen. Entscheidend an dieser Strategie ist, dass man ihr Ende bedenkt und ihr zügiges Ende plant."

... über die Zeit, wenn Sozialkontakte wieder erlaubt sind:

Für die Gesellschaft müsse gelten: "Raus aus dem wirtschaftlichen Winterschlaf, zurück in den Alltag. Und das so schnell wie möglich. Wir haben nicht viel Zeit. Denn sonst könnte der Verlust größer sein: unsere Gesellschaftsordnung, unser Lebensstil, unser freiheitlicher Lebenssinn. Wir hätten dann für etwas mehr Sicherheit und Gesundheit die Freiheit getauscht und die offene Gesellschaft zerstört."

... über Krisen:

"Es ist die erste echte Krise für mehrere deutsche Nachkriegsgenerationen. Krisen, das ist nichts Neues, sind oft die Katalysatoren des Fortschritts. Einige der größten Errungenschaften der Zivilisation sind nach Kriegen und Seuchen entstanden. [...] Krisen zwingen dazu, Dinge anders zu machen, neu zu denken. Sie fördern den Zusammenhalt. Ein gemeinsamer Feind, in diesem Fall glücklicherweise nicht ein anderes Land oder Volk, sondern das Virus, verbindet. Schweißt zusammen. Mobilisiert Energien. Krisen bringen wie unter einem Brennglas Schwächen, aber auch Stärken einzelner Menschen und Systeme hervor. Sie sind ein Charaktertest. Eine große Chance für unsere Persönlichkeit. Jeder kann in der Krise scheitern - durch Resignation. Oder über sich hinauswachsen - durch Mut und Gemeinsinn. Und Krisen können bewusster machen, was bewahrenswert und veränderungsbedürftig ist."

... über das Homeoffice:

"Wir haben oft davon gesprochen, dass man Büros, einen Arbeitsplatz eigentlich gar nicht mehr brauche. Die Arbeit, haben wir gesagt, könne überall stattfinden. Ein Handy, ein Laptop genüge. Nun merken wir, im Homeoffice sitzend, dass es doch nicht so leicht ist. Wir merken, wie unverzichtbar der direkte Dialog ist. Aber wir sehen auch, wie viele Reisen und Meetings man früher machte, die man sich sparen könnte. Gleichzeitig machen wir jeden Tag riesige Fortschritte, arbeiten noch mobiler und flexibler. Die schwierige Lage zwingt uns dazu. Die Corona-Krise als großer Beschleuniger der Digitalisierung kann dazu führen, dass wir in Zukunft einfach effizienter und besser zusammenarbeiten."

... über die Rolle der Medien in der Krise: 

"Journalisten sind - unter Inkaufnahme besonderer persönlicher Risiken - das, was sie schon lange nicht mehr waren. Unser Fenster zur Welt. Unser Filter der Wahrheit. Sie haben eine enorme Verantwortung. Und ich finde: Alles in allem werden sie dieser Verantwortung in beeindruckender Weise gerecht. [...] Am Auftrag der Journalisten darf sich aber auch in der Krise nichts ändern. Gerade dann nicht. Sie sollten weiter zweifeln und hinterfragen. Es braucht jetzt nicht nur Solidarität und Gemeinsinn, sondern auch Kritik. Und vor allem Vielfalt der Informationen und Meinungen. Wir brauchen keine zentralstaatliche Propaganda, sondern einen Wettbewerb kritischer Intelligenz. Vielleicht rückt durch die Krise auch der Wert von unabhängigem Journalismus wieder stärker ins Bewusstsein."

... über die Welt nach Corona:

"Wenn die Krise überstanden ist, wird vieles nicht mehr so sein wie vorher. Der wirtschaftliche Schaden wird groß sein. Ganze Industrien könnten verschwinden oder sich völlig verändern. Aber es werden auch neue Boombranchen entstehen. Wir werden anders arbeiten. Weniger reisen. Vielleicht rücksichtsvoller gegenüber der Umwelt sein. Respektvoller auch gegenüber Politikern, die verantwortungsvoll, nicht populistisch handeln. Wir werden anders miteinander reden und uns anders begegnen. Vielleicht dankbarer für vieles, was bisher selbstverständlich erschien. Wirtschaftlicher Aufschwung. Rauschende Partys. Bewusster Genuss. Gesellschaft und Geselligkeit - und vor allem Freiheit - werden wieder ein Geschenk sein."

... über seinen Wunsch:

"Das Lächeln wünsche ich mir wirklich. Vor allem in Deutschland. Es gibt kein Volk, das so wenig lacht wie die Deutschen. Vielleicht hinterlässt Corona uns ein Lächeln. Wenn es vorbei ist. Ein Lächeln der Dankbarkeit."

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