Wie Medienprofis den Coronavirus-Stress aushalten

 

Sorge um die eigene Gesundheit, Anzeigenkunden und Verkaufsstellen weg, Herausforderungen bei der Berichterstattung und im eigenen Leben: Der Coronavirus stresst Medienprofis. Wie Sie mit der zusätzlichen Belastung umgehen können, sagt Mediencoach Attila Albert.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell man sich an ungewöhnliche, nie selbst erlebte Umstände gewöhnt. Das Leben muss auch in der Coronavirus-Krise weitergehen, das gilt auch für die Medienprofis. Gleichzeitig ist der Stress hoch. Sorge um die eigene Gesundheit, den Job, die aktuelle Produktion bzw. Aufträge bei Freien. Dazu die praktischen Fragen: Wer betreut die Kinder, ist es noch sicher, mit Bus oder Bahn zur Recherche zu fahren - oder auch neben einem Kollegen im Auto, wenn doch der Abstand zwei Meter sein soll?

Jeder ist auf irgendeine Weise betroffen. Gleichzeitig gibt es unterschiedliche Wege, damit umzugehen. Sie entscheiden darüber, wie gut jemand die unvermeidbaren Belastungen in einer Krisenzeit wie derzeit verarbeitet. Mindestens "funktioniert", im besten Fall trotz allem eine gute Zeit hat - Freude an der Arbeit und am eigenen Leben. Für manche klingt diese Idee unvorstellbar oder zynisch, für andere selbstverständlich. Wie gehen Sie selbst mit dem Corona-Stress um? Dazu heute einige Anregungen, denn jeder Alltag ist davon berührt.

Sparrunden und unangenehme Leser-Kritik

Die Redaktionen dagegen sind jeden Tag aufs Neue überwältigt von den Ereignissen, der unklaren Lage sowohl für die Berichterstattung wie bezogen auf die eigene Lage. Wer kann als Reporter raus, ist überhaupt noch jemand im Newsroom? Auf den eigenen Webseiten und Social-Media-Profilen sind viele zudem Diskussionen mit Lesern ausgesetzt, warum nicht jeder Corona-Beitrag kostenlos sein könne. Ich weiß nicht, wie viele erneute geduldige Erklärungen ich dazu gesehen habe, vor allem von Regional- und Lokalzeitungen. 

Verlagsmanager stellen fest, dass die Anzeigenschaltungen weitgehend eingebrochen und viele Verkaufsstellen geschlossen sind, diese Umsatz so auch wegfällt. In unangenehmen Meetings, nicht selten jeder über Skype aus seiner Wohnung, sind eilige Budgetkürzungen zu beschließen. Aber wo kann man überhaupt noch sparen? Zwar steigen gleichzeitig die Abo-Aufträge, weil viele gelegentliche Leser aus Sicherheitsgründen nicht mehr aus dem Haus wollen. Gleichzeitig ist nun die Lieferung die Herausforderung, da Zusteller fehlen. 

Freie Mitarbeiter stellen fest, dass ihnen die Kunden wegbleiben. Das betrifft den freien Texter ebenso wie den Anzeigenverkäufer auf Provisionsbasis. Zwar liest man von einigen großherzigen Vermietern, die eine Monatsmiete oder mehr erlassen wollen. Aber für die meisten laufen die Kosten weiter, die Einnahmen dagegen manchmal nicht. Soll man die Selbstständigkeit ruhen lassen, ganz aufgeben - oder sich einen Zwischenjob suchen, weil völlig offen ist, wann alles wieder normal wird, wenn überhaupt? Wenn ja, wo bewerben?

Denn selbst Vorstellungsgespräche sind schwierig geworden. Die erste Runde ist noch problemlos über Skype möglich, wenn nur jeder in seiner Wohnung ausreichend stabiles WLAN hat. Doch welche Firma stellt jemanden ein, den sie nie persönlich gesehen hat? Ein Bewerber erzählte mir: "Wir vereinbarten zuerst, dass wir uns zu einem Meeting treffen, die Fenster weit offen stehen lassen und uns alle zwei Meter auseinander setzen. Aber als die Bestimmungen weiter verschärft wurden, haben wir uns auf unbestimmte Zeit vertagt."

Gelegenheit, Neues zu lernen und kreativ zu werden

Erstaunt bin ich, wie oft mir Coaching-Klienten in diesen Tagen erzählen, dass sie noch nie über Videokonferenz gearbeitet haben. Im Unternehmen war es nicht erforderlich, oft auch nicht erlaubt (der "Datenschutz" muss für vieles herhalten). Privat war WhatsApp dann doch meist genug. Nun plötzlich sehr technische Fragen: Skype, Google Hangouts oder doch lieber Zoom? Wieso geht das in Firefox nicht, wieso dürfen wir Chrome nicht installieren? Teilweise müssten erst Gesetze geändert werden, aber abwarten kann nun keiner.

Mit all dem umzugehen ist auf vielerlei Weise möglich und, je nach Ansatz und Einstellung, unterschiedlich anstrengend und erfolgreich. Hier sind einige besonders häufige Reaktionen und welche Strategie in diesen Fällen sinnvoll sein könnte.

  • Wenn Sie sich verängstigt und von den Ereignissen überwältigt fühlen: Sorgen Sie für ausreichend Entspannung, seien Sie nicht nur auf schlechte Nachrichten fixiert. Das kann schon ein Spaziergang sein, Kaffee und Kuchen zum Mitnehmen, ein Disney-Plus-Abo. Schöpfen Sie neue Kraft, um wieder aktiv zu werden.

  • Wenn Sie spüren, dass Sie mit Wut und Kritik reagieren: Limitieren Sie Ihre Zeit auf Social Media, wenn Sie merken, dass Sie hauptsächlich auf andere schimpfen. Wer alles unvernünftig ist, wer etwas falsch gemacht hat. Lenken Sie Ihre Kraft in sinnvolle Aktivitäten, indem Sie z. B. anderen praktische Hilfe anbieten.

  • Wenn Sie bemerken, dass Sie sich ständig in Alltagsfluchten zurückziehen, z. B. Online-Shopping und Netflix: Gönnen Sie sich etwas, viel ist aktuell sowieso nicht möglich. Aber nutzen Sie Ihre Kraft auch, um grundlegend Ihre eigene Lage und mögliche Auswege zu überdenken. Was könnten Sie aktuell anpacken?

  • Wenn Sie sich vor allem um andere kümmern und selbst vernachlässigen: Es ist gut und ehrenhaft, für andere dazusein. Aber lassen Sie sich nicht moralisch erpressen, dass Sie jetzt nicht auch an eigene Bedürfnisse denken dürften. Helfen Sie gern, aber immer freiwillig und entsprechend Ihren eigenen Ressourcen.

Eine Krise ist für viele ein neuer Anfang. In den letzten Tagen habe ich überall erstaunliche Kreativität und Anpassungsfähigkeit gesehen. Alle Sportstudios sind zu? "Men's Health" bietet Live-Training als Instagram-Stream. Keine Veranstaltungen mehr? Das Zürcher Stadtmagazin "Züritipp" wird zum Wohnmagazin. Fast alle Geschäfte geschlossen? Auch Medienprofis können kochen, und nicht nur Nudeln mit Tomatensoße, schneiden ihren Partner und Kindern selbst die Haare, reparieren beschädigte Kleidung. Lassen Sie sich also nicht ängstigen und entmutigen, entdecken Sie gerade jetzt, was so alles in Ihnen steckt.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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