TVNow-Chefs im Köpfe-Interview: Wir wollen der Local Hero unter den Streaming-Anbietern sein, das deutsche Abo

 

Deutschland bleibt zuhause, Streaming boomt: Die TVNow-Chefs Henning Nieslony und Henning Tewes erklären im Köpfe-Interview, mit welchen Programmstrategien, Gratis-Aktionen und Investitionen sie auf die Corona-Krise und den Start von Disney+ reagieren.

kress.de: Herr Nieslony, Herr Tewes, die Corona-Krise hat erzwungenermaßen zu einem Boom für alle Arten von Online-Diensten und auch zu einem Reichweiten-Ausschwung fürs Fernsehen geführt. Inwiefern spürt auch TVNOW aktuell kräftig Rückenwind?

Henning Nieslony: Wir alle erleben gerade eine völlig neue, nie da gewesene Situation. Menschen, Medien und Organisationen befinden sich im Corona-Krisenmodus. Dass in dieser Lage unsere Informationsangebote linear und digital extrem stark genutzt werden, ist der Verdienst aller Kolleginnen und Kollegen, die sich dieses Vertrauen bei den Zuschauern mit viel Herzblut seit vielen Jahren erarbeitet haben. So wird der März für die gesamte Mediengruppe RTL mit allen linearen Sendern und auch für TVNOW ein sehr starker Monat werden. Dort merken wir ebenfalls die hohe Nachfrage nach Informationen: Die Abrufe von "RTL aktuell" und die Nutzung der ntv-Inhalte haben beispielsweise in der Woche nach dem 13 März im Vergleich im Vormonat um über 70 Prozent zugenommen.

kress.de: Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Henning Nieslony: Um diesem Trend noch weiter Rechnung zu tragen, haben wir in der letzten Woche beschlossen, die Livestreams unserer Sender bis spätestens Ende Juni kostenlos zur Verfügung zu stellen. Neben News gibt es aber auch ein großes Bedürfnis nach guter Unterhaltung. Auch das merken wir gleichermaßen im Broadcasting und Streaming. So hatte "Let’s Dance" in der vorletzten Woche einen Staffelbestwert und "DSDS" den besten Wert seit Januar. Auch unser Premium-Bereich mit exklusiven Shows und Serien läuft gerade heiß. Um in dieser Zeit allen Kunden eine Freude zu machen, haben wir uns daher entschieden, Serien aus unserem Premium-Bereich wie "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" mit Patrick Dempsey oder das Reboot der 90er-Jahre-Kultserie "Beverly Hills 90210" vom 1. bis 9. April jeweils einen Tag lang kostenlos anzubieten.

"Wir haben uns als 'Main-Streamer' bewusst breit aufgestellt."

kress.de: News konsumieren die meisten Deutschen online, für ein Gefühl für Zusammengehörigkeit sorgen Fernsehsendungen auf den großen Sendern. Welches Bedürfnis deckt Ihr Streaming-Angebot derzeit am besten ab?

Henning Tewes: Wir haben uns als "Main-Streamer" bewusst breit aufgestellt und können dadurch viele Bedürfnisse befriedigen. Unser Angebot umfasst aktuell rund 34.000 Programmstunden - von Information, über Shows und Reality-Formate bis zu Serien, Dokumentationen und Sport. Das ist ein starker Wettbewerbsvorteil gerade gegenüber internationalen Streaming-Diensten, auch abseits der Corona-Krise.

kress.de: Wie schnell ist mit Formaten zu rechnen, mit denen auch TVNOW ad hoc auf die neuen Konsumenten-Anforderungen in Krisenzeiten reagieren kann?

Henning Tewes: Durch das Zusammenspiel mit unseren linearen Sendern haben wir von Anfang an zahlreiche Sondersendungen rund um das Corona-Virus anbieten können, haben aber auch mit eigenen Dokumentationen, wie zum Beispiel mit "Stunde Null" zur Corona-Krise, auf das gesteigerte Informationsbedürfnis unserer User reagiert. Das ist übrigens aktuell die meist abgerufene Doku bei TVNOW.

"Wir haben vor, vermehrt eigenproduzierte, lokale Fiction zu produzieren."

kress.de: In welchen Nischen und Marktlücken sehen Sie aktuell Ausbauchancen für TVNOW?

Henning Tewes: Mit unseren Reality-Formaten haben wir seit unserem Relaunch im Dezember 2018 schöne Erfolge gefeiert, so auch gerade mit der neuen Staffel unseres Dating-Formats "Temptation Island". In diesem Bereich sind wir Marktführer. Zukünftig – das haben wir bereits angekündigt – werden wir auch exklusive Fußballspiele anbieten. Mit dem Erwerb der TV-Rechte an der UEFA Europa League ab 2021 und der neuen UEFA Europa Conference League hat sich die Mediengruppe RTL vollumfänglichen Zugriff auf 282 Spiele gesichert, die im Free TV und auf TVNOW gezeigt werden können. Außerdem haben wir vor, vermehrt eigenproduzierte, lokale Fiction zu produzieren. Hier arbeiten wir gerade an einigen hochkarätig besetzten Formaten, vor und hinter der Kamera. Für Ende des Jahres oder spätestens im nächsten Jahr sind u.a. eigenproduzierte Serien von und mit Alexandra Maria Lara, Iris Berben, Christoph Maria Herbst, Ralf Husmann, Ferdinand von Schirach, Nico Hofmann, Oliver Berben und vielen weiteren einzigartigen Kreativen geplant. Hier müssen wir derzeit genau schauen, wann wir wegen des Corona-Virus mit den Drehs starten können. Der Schutz der Gesundheit aller Produktionsbeteiligten hat natürlich höchste Priorität.

kress.de: Nicht zuletzt CEO Bernd Reichart hat zuletzt angekündigt kräftig, in den Streaming-Dienst zu investieren. Wohin soll denn das meiste Geld fließen?

Henning Nieslony: Die Investitionen fließen immer in drei Bereiche – die Inhalte, die Marke und das Produkt. Bezüglich der Inhalte hat Henning Tewes ja gerade schon einen Ausblick gegeben. In die investieren wir jährlich rund eine Milliarde Euro und damit mehr als jeder internationale Anbieter in den deutschen Markt. Auch im Produkt werden wir dieses Jahr viele weitere Ausbaustufen zünden.

kress.de: Wie groß ist denn Ihre Sorge um mögliche Kapazitätsengpässe in den digitalen Netzen hierzulande?

Henning Nieslony: Es wurden bestimmte Auslastungsstufen definiert und entsprechende Maßnahmen mit den Netzbetreibern definiert. Das ist ein laufender Prozess und wir sind in einem engen Austausch. Im Fall eines Falles reagieren wir schnell und passen unser Produkt entsprechend an. Unserer Kenntnis nach ist es zurzeit aber noch genug Platz für TVNOW.

"Wir kennen die hiesige Produzentenlandschaft, unsere Zuschauer und ihre Lebenswelt besser als jeder internationale Anbieter."

kress.de: Im Abwehrkampf gegen Netflix und Amazon Prime setzen die deutschen Streaming-Angebote – wie allerdings auch die US-Marktriesen selbst – verstärkt auf lokalisierte Angebote. Wie wichtig ist das "Deutsche" bei TVNOW für den weiteren Markterfolg?

Henning Tewes: Absolut wichtig. Wir wollen der "Local Hero" unter den Streaming-Anbietern sein, das deutsche Abo. Dieses Ziel verfolgen wir sehr erfolgreich: mit regelmäßig über 5 Millionen Unique Usern im Monat sowie 1,44 Mio. Abonnenten zum Jahresabschluss zusammen mit den niederländischen Kollegen von Videoland sind wir der führende deutsche Streamingdienst im Markt. Für unsere User haben wir uns als "Main-Streamer" ausgerichtet und uns dabei auf lokale Inhalte für die breite Masse fokussiert. Diese Sendungen zu produzieren, ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil unserer DNA und wir feiern mit ihnen unsere größten Erfolge. Denn wir kennen die hiesige Produzentenlandschaft, unsere Zuschauer und ihre Lebenswelt besser als jeder internationale Anbieter. Und dadurch, dass wir hier vor Ort sind, können wir eben auch im Programm sehr schnell Entwicklungen selber gestalten.

kress.de: Mit Disney+ betritt aktuell ja ein weiterer mächtiger Anbieter den deutschen Markt. Welchem hierzulande mehr oder weniger etablierten Streaming-Spezialisten dürfte er Ihrer Meinung nach die größten Schwierigkeiten bereiten?

Henning Nieslony: Studien zeigen, dass es eine recht große Überschneidung zwischen Disney+ und Netflix gibt. Ob das hier auch so sein wird, werden wir sehen.

kress.de: Wie stark sehen Sie sich in Ihrem Wachstumspotenzial bei TVNOW durch Disney bedroht?

Henning Nieslony: Im letzten Jahr haben wir eine tolle Entwicklung gemacht, die alle Erwartungen übertroffen hat. Und es gibt noch viel Potenzial nach vorne. Der Markt wächst, unsere Kundenbasis wächst, unsere Nutzung wächst. Von daher sehen wir auch für uns noch viel Potenzial weiter zuzulegen – das ist auch unser klares Ziel.

"Disney hat zweifelsohne starke internationale Marken, aber die starken lokalen Marken haben wir."

kress.de: Von Star Wars und den Superhelden hin zu deutschen Reality-Formaten ist ein weiter Weg. Wie können Sie weiterhin mit TVNOW klare Kante zeigen?

Henning Tewes: Indem wir unseren eingeschlagenen Weg weitergehen. Disney hat zweifelsohne starke internationale Marken, aber die starken lokalen Marken haben wir – und auf die werden wir auch weiter setzen.

kress.de: Letzte Frage: Von den Joyn-Kollegen hört man immer wieder, dass man sich nur mit einem deutschen Schulterschluss gegen die Übermacht der amerikanischen Streaming-Riesen wappnen kann. Wann greifen Sie endlich nach der ausgestreckten Hand aus München?

Henning Nieslony: Ich sehe die aktuelle Situation anders. TVNOW hat einen klaren USP, exklusive Inhalte, ein tolles Produkt und eine stark wachsende Kundenbasis. Diese Position bauen wir selbstbewusst, flexibel und mit vielen eigenen Ideen aus. Und dafür gehen wir auch gerne Partnerschaften ein, wenn sie allen Beteiligten gleichermaßen helfen.

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