Ich hasse Meetings. Sie auch?

 

Konferenzen per Video haben gerade in der Coronavirus-Krise eine wichtige Funktion. Sie bringen Menschen zusammen. Warum bei Meetings trotzdem gilt - weniger ist mehr - schreibt kress pro-Chefredakteur Markus Wiegand.

Wenn Sie in Deutschland versuchen, zu den normalen Bürozeiten eine Führungskraft zu erreichen, können Sie sicher sein: Sie oder er stecken in einem Meeting. Tageskonferenzen, Wochenbesprechungen, Kick-off-Meetings, Conference-Calls. Gespräche, Gespräche, Gespräche.

Wer in der Meeting-Falle sitzt, kennt die Versuchsanordnung: Blasse Konferenztische, Kekse von mittlerer Qualität, irgendwer hat irgendwas bei der Einladung falsch verstanden. Dann haben alle eine Meinung, aber niemand eine gute Idee. Daher: Vertagung des Problems in bilaterale Gespräche. Und auf zum nächsten Meeting.

Im Internet finden sich seitenweise Tipps, wie Meetings besser gelingen können. Meetings im Stehen, Meetings mit Vorbereitung. Meetings mit Protokoll, Meetings mit Zeitrahmen. Dabei brauchen Sie nur einen einzigen Tipp zu beherzigen: Sorgen Sie für weniger Meetings.

Wenn Sie ganz vorne dabei sein wollen, können Sie regelmäßige Meetings auch ganz abschaffen. Meistens geht es doch ohnehin nur ums Schaulaufen (Gut gemacht!) oder um Schauprozesse (Wie konnte dieser Mist passieren?). Das Wochenmeeting ist dabei der beste Freund des cc-Mails: Frisst Zeit, verwirrt, bringt aber nur selten was.

Weniger ist mehr, lautet meine Erfahrung. Dies ist die 42. Ausgabe von "kress pro". Für keine einzige gab es eine Redaktionskonferenz. In der Regel spricht der Chefredakteur (in Person von Meetinghasser Wiegand) mit den Autoren einzeln. Fertig.

Jetzt werden Sie vielleicht einwenden, dass Sie nicht mit allen Mitarbeitern einzeln sprechen können, weil Ihr Laden viel größer ist als dieses Heftchen "kress pro". Das mag sein. Aber glauben Sie mir: In Meetings mit vielen gleichzeitig zu sprechen, funktioniert auch nur sehr eingeschränkt. Es sei denn, Sie sind Pfarrer oder im Wahlkampf.

Und vergessen Sie bitte auch nicht, was dieser Meetingwahn kostet. Wenn sich 20 Redakteure jede Woche eine Stunde hinsetzen und philosophieren, bezahlen Sie aufs Jahr gerechnet mehr als eine halbe Stelle nur für Meetings. Wenn man nur 10 Prozent der ritualisierten Rudelmeetings killt und die Zeit der verbliebenen Kaffeekränzchen ebenfalls um 10 Prozent einschränkt, spart man schon 19 Prozent der Meetingkosten. Jährlich wiederkehrend. Nehmt das: ihr McKinseys und Schicklers!

Im Titelinterview für diese Ausgabe haben wir mit dpa-Chef Peter Kropsch gesprochen. Er hat nicht nur gesagt, was sich künftig bei der Agentur alles ändert, sondern hat eine interessante Erkenntnis nach mehr als 25 Jahren im Geschäft geteilt. Seine These: Bei den normalen Workflows in Medienhäusern versandet immer noch viel zu viel Zeit, die nicht effektiv genutzt wird. Wir brauchen diese Zeit aber, um Spielräume freizuspielen und Ideen auszuprobieren. "Dafür müssen wir die Strukturen schaffen", fordert Kropsch. Die Realität sieht heute oft noch anders aus: Es wird (zu) wenig ausprobiert, aber viel drüber gesprochen.

Der dpa-Chef ist übrigens ein typischer Vertreter seiner Gattung. Diese Agenturmenschen sind meist unkompliziert und pragmatisch. Vermutlich weil es im schnellen Geschäft mit Nachrichten einfach nicht anders geht. Das zeigt sich auch bei der Meetingkultur. Während meiner Lehr- und Wanderjahre arbeitete ich mal drei Monate im Hauptstadt-Büro der dpa mit. Da gab es jeden Morgen eine Stehkonferenz, die maximal 15 Minuten dauerte. Die Frage: Wer macht was bis wann? Ging alles zack, zack.

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Der Text ist das Editorial zur kress pro-Ausgabe 2/2019, die vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie erschienen ist. Bitte kaufen Sie die aktuelle kress pro-Ausgabe in unserem Shop. Neben dem Titelinterview mit dpa-Chef Peter Kropsch gibt es darin ein Ranking über die mächtigsten Strippenzieher in der Medienpolitik, ein Gespräch mit Joyn-Chefin Katja Hofem und ein Case über das erfolgreiche Magazin "Zeit Verbrechen".

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kress pro - das Magazin für Führungskräfte in Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

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