Daniel Bouhs: Wer kann, sollte unbedingt jetzt für Journalismus Geld ausgeben

30.03.2020
 

"Medien werden gebraucht. Das ist die einfache Botschaft dieser Tage", sagt Medienjournalist Daniel Bouhs in einem Radio-Beitrag. Warum Medien für ihn in Corona-Zeiten aber nur scheinbar Krisenprofiteure sind. 

"Das Bedürfnis der Menschen nach Orientierung in Corona-Zeiten ist riesig: Die Nachrichtensendungen und Talkformate gerade im öffentlich-rechtlichen Fernsehen finden so viel Zuspruch wie selten zuvor. Das Radio informiert über alle wichtigen Entwicklungen, klärt auf und bietet Lebenshilfe. Und auch die Zeitungen - überregionale, regionale, lokale - liefern ihrem Publikum relevante Informationen. Zugleich trifft der weitgehende Stillstand des öffentlichen Lebens vor allem die Printmedien hart - etwa, weil Anzeigen ausbleiben", sagt Daniel Bouhs bei NDR Kultur in der Radiosendung "Gedanken zur Zeit".

"Medien scheinen Krisenprofiteure zu sein. Der genauere Blick aber offenbart: Viele sind auch so bedroht wie nie." Klar, der Rundfunkbeitrag sorge in solchen Zeiten für Sicherheit - und damit auch für eine Absicherung der journalistischen Grundversorgung. Hier drohe vielmehr, dass Corona auch in den Sendern die Mannschaften zu sehr schwäche, so Bouhs, der als freier Medienjournalist arbeitet. Er verweist auf Österreich, wo einige Journalistinnen und Journalisten zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus der Sendetechnik ihre eigene "Corona-WG" eröffnet haben. Der ORF führte eine Isolierstation ein, wie bei einem Krankenhaus. Dort lebt nun ein Kernteam, damit es sich gar nicht erst draußen anstecken kann (kress.de berichtete).

Soweit sei noch kein Sender in Deutschland, weiß Bouhs im NDR. Die Tagesschau habe - wie viele Redaktionen - zunächst mehrere Teams aufgebaut, die räumlich getrennt voneinander arbeiteten, teils sogar zurückgezogen zu Hause. Arte habe bereits mehrere Tage lang seine Nachrichtensendung gestrichen. Es gäbe zu viele Coronafälle in den eigenen Reihen. Auch erste Radiosender in der ARD hätten Programm zusammenlegen müssen. "Und wir stehen erst am Anfang der Pandemie."

Bouhs sieht aber vor allem den Journalismus bedroht, der sich durch Verkauf des eigenen Produkts und durch Werbung finanziere. "Zur Unsicherheit über die gesundheitliche Lage kommt nämlich der wirtschaftliche Niedergang dazu: Unternehmen und Kulturinstitutionen haben im großen Stil Anzeigen storniert. Die Betreiber von Supermärkten etwa, heißt es beinahe verzweifelt in Verlagen, bräuchten keine Schnäppchen-Prospekte mehr drucken und verteilen zu lassen. Ihnen würden auch so die Regale leergekauft. Und wo kein Konzert, wo keine Lesung und wo kein Sportereignis stattfindet, da fällt auch die Werbung dafür aus. Gerade bei Lokalzeitungen macht Werbung oft noch immer etwa 40 Prozent aller Einnahmen aus, auch wenn sich das langsam, aber sicher zugunsten der Abobeiträge verschiebt, gerade im Digitalen", berichtet Bouhs.

Damit Zeitungen eine womöglich monatelange Krise durchstehen können, bräuchten sie Einnahmen. Bouhs betont: "Wer fordert, Verlage mögen ihre Berichterstattung dieser Tage doch vor ihre "Paywalls" holen, ihre Bezahlschranken, also kostenpflichtigen Angebote, mag dabei ein nobles Ziel verfolgen: dass die Gesellschaft aufgeklärt wird in schwierigen Zeiten. Doch riskieren jene, die das fordern, Totalausfälle im Lokaljournalismus oder dass sich am Ende der Staat im großen Stil an Verlagen beteiligen müsste, um sie zu retten - Journalismus ist dieser Tage immerhin auch offiziell systemrelevant."

Wer kann, sollte laut Bouhs also unbedingt für Journalismus Geld ausgeben: "Nur so können Verlage überleben, die nicht das Privileg und den Schutz des Rundfunkbeitrags genießen. Nur so schauen auch im Lokalen Journalistinnen und Journalisten hin, wie das Gesundheitssystem mit der gigantischen Herausforderung Corona klarkommt. Was es konkret heißt, wenn der Staat Grundrechte wie die persönliche Freiheit einschränkt. Und welche Folgen das hat für Betriebe und Kultureinrichtungen, für unser Leben insgesamt. In der Krise ist Solidarität gefragt, auch mit Medien. Gerade mit lokalen. Auch sie leisten derzeit Bemerkenswertes."

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