Köpfe-Interview: Wie Chefredakteur Sven Pietsch ProSiebenSat.1 für Corona-Themen öffnet

 

Von wegen nur Topmodels und Joko-Klaas-Shows: Sven Pietsch, Chefredakteur von ProSiebenSat.1, holte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder für eine Corona-Live-Sendung an Bord und setzt auf umfassende News- und Informationsversorgung. Wie er sein Team durch harte Zeiten steuert, verrät er im Köpfe-Interview.

kress.de: Herr Pietsch, wir hoffen natürlich sehr, es geht Ihnen gut. Wie halten denn Ihre eigenen Nerven und die Ihrer Mitarbeiter aktuell der Anspannung und dem erhöhten Leistungsdruck stand?

Sven Pietsch: Erstaunlich gut. Wir haben uns sehr frühzeitig auf das ganze Thema vorbereitet, weil wir durch die Zahlen in Italien schon geahnt haben, dass hier etwas Großes auf uns zukommt. Es ist natürlich eine Dauerbelastung, sowohl durch die Quantität unserer Arbeit als auch durch die permanente Disruptivität, weil sich die Dinge sehr oft und sehr schnell ändern können, auch durch Krankheitsmeldungen oder Präventivmaßnahmen im eigenen Team. Wir arbeiten sehr viel und sehr strukturiert – und trotzdem kann man den Tag nicht planen. Deshalb haben wir natürlich momentan schon einen hohen Adrenalinspiegel, sind aber dadurch gleichzeitig extrem fokussiert darauf, was wir als Journalisten zu tun haben, nämlich unseren Job zu machen.

kress.de: Wie und wo sprechen wir uns denn aktuell: Wie organisieren Sie sich selbst im Sender derzeit konkret?

Sven Pietsch: Ein kleines Kernteam und ich sind nach wie vor täglich im Sender, räumlich weit voneinander getrennt. Es fühlt sich wie Homeoffice an, nur ohne "Home". Kleinere Meetings machen wir im Freien. Die großen Besprechungen laufen natürlich über Videokonferenzen. Die Arbeit und die Abläufe an sich haben sich eigentlich nicht so groß verändert, allerdings mit dem Unterschied, dass die Kommunikation pro Redaktion über die ca. 50 bis 70 Standorte der KollegInnen im Homeoffice läuft.

"Wir kriegen es erstaunlich gut hin."

kress.de: Die Corana-Krise wirft ja Themen- und Sendepläne komplett über den Haufen. Wie schwer fällt  es, aus dem Normalbetrieb auf das derzeit deutlich kurzschrittigere Planen von Magazinbeiträgen, Schwerpunkten bis hin zu Sondersendungen umzustellen?

Sven Pietsch: Es ist sehr fordernd. Aber man merkt auch den KollegInnen und Redaktionen an, dass es hier um die Essenz ihres Arbeitens geht, um journalistisches Tun und Handeln. Deshalb findet alles unter sehr hoher Eigenmotivation, Dynamik und Einsatz statt. Wir kriegen es erstaunlich gut hin – bis jetzt, muss man hier immer wieder sagen. Denn hier hängt natürlich sehr viel mit krankheits- oder präventionsbedingten Ausfällen zusammen.

kress.de: Was für ein organisatorischer Kraftakt steckte etwa hinter der ProSieben-Corona-Live-Sendung, bei der unter anderem Ministerpräsident Markus Söder zu Gast war?

Sven Pietsch: Der Kraftakt bestand in erster Linie darin, dass hier mehrere Gewerke zum ersten Mal zusammengearbeitet haben, die normalerweise eher autark ihr Genre bearbeiten.

kress.de: Wie viele Telefonate braucht man eigentlich, um als Chefredakteur Spitzenpolitiker und führende Wissenschaftler für einen Auftritt bei ProSieben zu gewinnen?

Sven Pietsch: Ehrlich gesagt: Das schwankt zwischen einem und sehr vielen. (lacht)

kress.de: Von öffentlich-rechtlichen Sendern oder den Newskanälen darf man sich Hau-Ruck-Umprogrammierungen ja eher erwarten. Wie schwer fällt es, bei einem eher auf Unterhaltung getrimmten Sender wie ProSieben dem Hebel auf Corona-Modus umzulegen?

Sven Pietsch: Sehr leicht, weil hier alle Gewerke sofort, fast in Echtzeit mitgezogen haben. So konnten wir sehr schnell Sondersendungen, verlängerte Nachrichten und weitere Formate umsetzen, egal ob auf ProSieben oder in SAT.1.

kress.de: Ausnahmesituationen kann man ja nur bedingt einüben. Auf welche der vielen Anpassungsleistungen Ihrer Mitarbeiter sind Sie derzeit besonders stolz?

Sven Pietsch: Auf die hohe Flexibilität und die unbegrenzte Einsatzbereitschaft jedes einzelnen Mitarbeiters – darauf können wir zählen.

kress.de: Fernsehjournalismus und vor allem die Arbeit im Studio oder bei Interviews leben von Nähe: Wie viele Abstriche müssen Sie derzeit machen, um trotz allem die Sendung zu stemmen?

Sven Pietsch: Wir müssen aus Sicherheitsgründen Abstriche machen, schaffen es aber doch mit besonderer Vorsicht und Sorgfalt gegenüber den Interviewpartnern, die relevanten Stimmen und Aussagen für unsere Berichterstattung zu bekommen.

"Nur eine kleine Kernmannschaft der Chefredaktion arbeitet im Sender."

kress.de: Wie sieht denn das Verhältnis von Kernmannschaften, die noch vor Ort im Sendegebäude und in den Studios sind, zu den Mitarbeitern Ihrer Teams im Home-Office-Einsatz aus?

Sven Pietsch: Nur eine kleine Kernmannschaft der Chefredaktion arbeitet im Sender. Alle aktuellen Redaktionen arbeiten so weit wie möglich im Homeoffice. Schnittplätze können von zuhause bedient werden und auch Regisseure und Sende-CvDs können Sendungen aus dem Homeoffice 'fahren'. Die Zahl der in den Redaktionen anwesenden KollegInnen ist auf ein Minimum reduziert. Sie halten strikte Regeln ein und arbeiten in Einzelbüros. Bei den täglichen Magazinen arbeiten wir in rotierenden Teams, die wöchentlich zwischen Redaktion und Homeoffice wechseln.

kress.de: Welche neuen Organisationsformen haben sich bewährt, wie halten Sie Kontakt zu den Mitarbeitern, die nicht vor Ort sind?

Sven Pietsch: Zahlreiche Telefon- und Videokonferenzen, ständiger Austausch untereinander sowie ein permanenter schriftlicher Informationsfluss sind unabdingbar.

"Tägliche Kommunikation, permanente Ansprechbarkeit und immer klare, transparente Lageeinschätzungen."

kress.de: Was ist Ihr aktuell bester Kniff, um die Moral im Team aufrecht zu erhalten?

Sven Pietsch: Tägliche Kommunikation, permanente Ansprechbarkeit und immer klare, transparente Lageeinschätzungen, was wir zu tun haben und was auf uns zukommt.

kress.de: Wie kann man als Führungskraft gegen Sorgen der Mitarbeiter, Lagerkoller zuhause oder im Büro und Überlastung anmotivieren?

Sven Pietsch: Man muss wissen, wie stark die Mitarbeiter belastet sind, und braucht ein offenes Ohr für die Sorge jedes einzelnen.

kress.de: Zusätzlich zu den Spannungen durch die Ausnahmelage im Land ist Ihnen bei ProSiebenSat.1 mit Max Conze jetzt auch noch der CEO von Bord gegangen. Wie sehr erhöhen diese Umbrüche die Unruhe im Haus?

Sven Pietsch: Wir sind als Journalisten auf die Berichterstattung fokussiert. Dabei hatten und haben wir die volle Unterstützung von Vorstand und Geschäftsführung.

kress.de: Letzte Frage: Was haben Sie und Ihre Redaktionen eigentlich für den ersten Feierabend der großen Entwarnung geplant?

Sven Pietsch: Es wäre schön, wenn wir schon daran denken könnten. Das trauen wir uns gerade noch nicht. Aber wenn es dann so weit ist, wird es ganz sicher mit bayerischen Hopfengetränken zu tun haben.

kress.de-TippSie arbeiten in der Medien- und Kommunikationsbranche? Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.de und legen in der Personen-Datenbank "Köpfe" ein Profil an. Ihren Köpfe-Eintrag können Sie mit einem Passwort bequem selbst pflegen und aktualisieren. Mit Ihrem Profil können Sie sich auf kress.de - beispielsweise mit Kommentaren - präsentieren und sind zudem - wenn gewollt - auch im Netz leicht auffindbar. Wir als Redaktion verknüpfen die Kopf-Profile mit Personalmeldungen und präsentieren am Wochenende die populärsten Köpfe der Woche.  

Alle Neuzugänge bei den "Köpfen" finden Sie hier.

Sie möchten Konstruktives über die Medien und Corona, exklusive Storys und aktuelle Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Kress Pro Magazin
2020/#02

Lesen Sie im aktuellen kress pro, dem Magazin für Führungskräfte bei Medien: Mit dpa-Chef Peter Kropsch steht die Agentur vor dem größten Umbau ihrer Geschichte. Was sich für die Kunden alles ändert. Dazu: Wie schlagen sich Steingarts Erben bei der Handelsblatt Media Group?

Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Kress Pro Magazin
2020/#02

Lesen Sie im aktuellen kress pro, dem Magazin für Führungskräfte bei Medien: Mit dpa-Chef Peter Kropsch steht die Agentur vor dem größten Umbau ihrer Geschichte. Was sich für die Kunden alles ändert. Dazu: Wie schlagen sich Steingarts Erben bei der Handelsblatt Media Group?

Inhalt konnte nicht geladen werden.