Professor Drosten, halten Sie bitte Kurs - offener Brief von Ex-Chefredakteur Reiner Korbmann

07.04.2020
 

Er war lange Jahr Chefredakteur von Chip und Bild der Wissenschaft, bis er Science&Media gründete. Reiner Korbmann hat einen offenen Brief an den Virologen Christian Drosten geschrieben. Korbmann will Drosten darin ermutigen, weiterzumachen und sich nicht aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Ein exzellenter Wissenschaftler und großartiger Kommunikator will sich mitten in der Corona-Krise aus der Öffentlichkeit zurückziehen (kress.de berichtete): Es wäre ein immenser Schaden für die Rolle der Wissenschaft in dieser Gesellschaft. Ein Offener Brief mit zwei Bitten soll ihn ermutigen, weiterzumachen.

Sehr geehrter Herr Professor Drosten,

Sie haben in den vergangenen Wochen Großartiges geleistet. Sie haben mit Ihrer wissenschaftlicher Sachkenntnis zum SARS-CoV-2-Virus, ebenso wie mit Ihrem breiten Verständnis für gesellschaftliche Prozesse, ihrer mitmenschlichen Empathie und Ihrer spürbaren Betroffenheit, Millionen Menschen erreicht. Sie haben sie überzeugt und mitgenommen auf einem Weg, den eigentlich keiner gern gehen wollte. Sie und Ihre Kollegen haben mit ihren Empfehlungen dazu beigetragen, dass in Deutschland politische Entscheider parteiübergreifend zusammen mit der großen Mehrheit der Bevölkerung in der Bekämpfung der Corona-Pandemie eine Strategie verfolgen, die Hoffnung gibt, mit einem "blauen Augen" davonzukommen.

Sie haben in unserer Gesellschaft mehr bewegt, als dies allgemein von einem Wissenschaftler erwartet wird. Als Journalist und Kommunikator, der seit über 40 Jahren an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft arbeitet, kann ich das beurteilen. Jetzt fühlen Sie sich von den Medien schlecht behandelt, jetzt wollen Sie sich zurückziehen.

Meine Bitte an Sie: Ziehen Sie sich bitte nicht zurück. Halten Sie Kurs, verlangsamen Sie nicht die Fahrt. Die Wissenschaft liefert entscheidende Fakten, gerade jetzt, wenn es darum geht, eine Exit-Strategie nicht nur nach wirtschaftlich und demokratisch, sondern auch nach medizinisch sinnvollen Kriterien zu finden und die Bevölkerung dabei mitzunehmen.

Meine zweite Bitte: Bitte vermeiden Sie Verallgemeinerungen bei Ihrem Urteil über Medien. "Die Medien" sind so vielfältig wie "die Wissenschaft". Journalisten sind keine Engel, aber die meisten bemühen sich in dieser Krise ernsthaft, die Fakten und die unterschiedlichen Meinungen angemessen darzustellen. Allerdings verführt der erbitterte Wettbewerb im Medienbereich, ganz besonders auch mit dem Internet (Social Media), immer wieder zu Verzerrungen der Wirklichkeit. Nehmen Sie das nicht persönlich, dies spiegelt den Verteilungskampf um Deutungshoheit, um Vorteile und um Einfluss in der Gesellschaft wieder, wo es eben nicht nur um Fakten geht. Versuchen Sie, dies an sich abperlen zu lassen. Die persönliche Größe haben Sie. Oder aber auch, Sie suchen den Rat von erfahrenen Wissenschaftskommunikatoren.

Kurzum: Wissenschaftliche Fakten und ihre Einordnung in die gesellschaftliche Realität sind in dieser Krise von außerordentlicher Bedeutung. Es wäre ein großer Verlust und ein bedeutender Schaden für die Politik, für das Land und für alle betroffenen Bürger, wenn Sie als großartiger Vermittler sich zurückhalten. Wir alle brauchen Ihren Rat und den Ihrer Kollegen, ganz besonders jetzt, wenn bald wieder der Aufstieg aus dem Krisental beginnt.

Voller Hochachtung, mit besten Grüßen

Reiner Korbmann
Wissenschaftsjournalist, Wissenschaftskommunikator

Hintergrund: Der offene Brief ist zuerst im Blog "Wissenschaft kommuniziert" erschienen. Verantwortlich ist Reiner Korbmann, Inhaber von Science&Media, Büro für Wissenschafts- und Technikkommunikation mit Sitz in München.

Zur Person: Reiner Korbmann begann seine journalistische Laufbahn 1969 als Redakteur bei dpa und wissenschaftlicher Korrespondent. Er arbeitete danach für den stern im Medizinressort und war Chefredakteur bei Umschau in Wissenschaft und Technik. Sechs Jahre führte er im Anschluss die Redaktion von Chip. Von 1989 bis 2000 wirkte er als Chefredakteur von Bild der Wissenschaft. Seit 2001 ist Rainer Korbmann Inhaber von Science&Media, Büro für Wissenschafts- und Technikkommunikation. 

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