Chefredakteur Benjamin Piel: Krise ist, was wir daraus machen!

 

"Das Corona-Virus hat die Medienwelt in eine Situation zwischen Aufblühen und Krise gebracht. Was gerade passiert, fühlt sich paradox an", schreibt Benjamin Piel, Chefredakteur des Mindener Tageblatt, in seinem Gastbeitrag für kress.de. Fünf Beobachtungen, die für die Zukunft der Medien entscheidend sind.

Das Corona-Virus hat die Medienwelt in eine Situation zwischen Aufblühen und Krise gebracht. Was gerade passiert, fühlt sich paradox an. Einerseits gibt es eine Wertschätzung und ein Interesse des Publikums wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Andererseits brechen Werbemärkte in einer nie da gewesenen Geschwindigkeit weg, Kurzarbeit ist vielerorts die Folge (auch beim Mindener Tageblatt). Aus der Krise lässt sich vieles herauslesen, das für die Zukunft relevant ist. Fünf Beobachtungen.

Beobachtung eins: Es ist gut, wenn Medien ihre Rolle klären und leben. Sie sollen kritisch sein, möglichst viele Aspekte ausleuchten, hinter die Dinge schauen. In der Corona-Krise zeigt sich, wie schwierig das ist. Denn was bedeutet es, in dieser Phase kritisch zu sein? Dürfen sich Journalisten auf die Seite der Wissenschaft, der Virologen, stellen? Stehen die Medien in der Verantwortung zu erreichen, dass Menschen ihre Häuser nicht verlassen? Ist Distanz bedeutungslos im Kampf gegen ein Virus? Oder ist Abstandhalten jetzt besonders wichtig? Schaffen wir das gerade? Uns nicht gemein zu machen, nicht in öffentliche Betroffenheit zu versinken? Und vor allem: im Umgang mit einer Katastrophe "cool zu bleiben, ohne kalt zu sein", wie Tagesthemen-Moderator Hajo Friedrichs es formuliert hat?

Nein, ich glaube nicht, dass wir das immer schaffen. Aber ich empfinde es als notwendig, dass wir uns diese Fragen stellen. Vor allem auch, um der Welt und der Wissenschaft ihre Graustufen zu lassen. Denn die Virologen sind sich eben nicht so einig, was den Umgang mit dem Corona-Virus angeht. Doch der Mensch mag es gerne eindeutig. Bleib Zuhause! Das ist eingängiger als "Geh raus, aber...!" Und nicht immer gelingt es uns Journalisten, dieser Differenzierung genügend Raum zu bieten.

Natürlich auch, weil wir den Drang aller Menschen in uns spüren: der guten Sache zu dienen. Haben wir nicht eine Verantwortung, die Menschen dazu zu bringen, drinnen zu bleiben, damit sich das Virus bloß nicht ausbreiten kann? Ich finde: nein. Unsere Mission ist nicht, Menschen zu irgendetwas zu überreden - und sei es in bester Absicht. Unsere Aufgabe ist es, Menschen zu informieren, damit sie zu einer Entscheidung kommen können.

Nachdenklich gemacht hat mich im Nachhinein eine Anzeigenkampagne des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverlager (BDZV). Auf ganzen Zeitungsseiten stand gedruckt: "Wir bleiben zuhause." Diese Seite sollten Leser ausschneiden und von außen sichtbar in ihre Wohnungen hängen, als Statement, um auch andere vom Zuhausebleiben zu überzeugen (Disclaimer: Auch das Mindener Tageblatt hat an der Aktion teilgenommen). Nein, dort stand nicht die Aufforderung "Bleibt zuhause!" Trotzdem fühle ich mich im Nachhinein nicht uneingeschränkt wohl mit der Aktion. Denn sie verlässt die Ebene des Nur-Informierens und überschreitet die Grenze zum Aktivismus. Je weniger davon, desto besser für den Journalismus.

Beobachtung zwei: Alle Seiten eines Phänomens im Blick zu behalten ist eine Herausforderung, aber Kern journalistischer Arbeit - auch in der Krise. Das ist wichtig, weil die Stimmung schnell kippen kann. Erinnern wir uns ans Jahr 2015. Damals herrschte - tatsächlich oder nur scheinbar - eine grenzenlose Stimmung des Willkommens. Flüchtlinge kamen in Deutschland an und Menschen jubelten ihnen entgegen, versorgten sie mit Essen und Kleidung. Auf der einen Seite erinnere ich mich gerne daran, denn es waren Tage voller Menschlichkeit, Herzlichkeit und einem Gefühl, dass dieses Land viel bewegen kann, wenn Menschen dazu bereit sind. Doch machten viele Medien den Fehler, in dieser euphorischen Zeit selbst euphorisch zu werden. Das wurde zum Problem. Wären Journalisten nüchterner geblieben, wäre ihnen eher aufgefallen, dass die Stimmung langsam kippte. Doch viele Journalisten waren selbst so euphorisiert, dass sie vergaßen, kritische Fragen zu stellen, genau zu beobachten und die Situation überzuckerten, als es unter dem Guss schon längst bitter geworden war.

Diese Gefahr besteht nun erneut. Gerade schwimmen viele noch auf der Welle des Positiven, der Hilfe, des Herzlichen, des Menschlichen, das diese Krise auslöst. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Es ist gut, wenn Menschen sich gegenseitig unter die Arme greifen. Aber ich sorge mich, dass die Welle schnell brechen kann.

Sollte die Phase des wirtschaftlichen Stillstandes monatelang anhalten, sollte die Wirtschaft mehr und mehr aus den Fugen geraten, sollte die Arbeitslosigkeit unaufhaltsam steigen - dann könnte das Aufwachen folgen. Deshalb müssen wir genau hinhören, was die Menschen sagen und welche Sorgen sie sich machen. Es ist gut, wenn wir nicht in eine Haltung verfallen, die radikale Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus für alternativlos erklärt oder allen Einschränkungen mühsam erkämpfter Bürgerrechte zujubelt, als wäre es nicht ausgesprochen schmerzhaft, wenn Versammlungsfreiheit und Ähnliches eingeschränkt werden.

Beobachtung drei: Diese Krise ist ein Ausblick auf die Medienkrise, die uns noch bevorsteht. Vermarktungserlöse brechen nicht erst seit Corona weg - im Gegenteil. Sie bröckeln seit Jahrzehnten. Zeitungen waren mal dick wie Bücher vor Stellenanzeigen, Beilagen und Lebensmittelwerbung. Schleichend hat sich eine Umkehr ereignet: Die Vertriebserlöse, das Geld, das Menschen für ein journalistisches Produkt zahlen, ist der Umsatzkern geworden, nicht mehr die Werbung. Das war mal andersherum. Während Facebook, Google und YouTube vor Werbeumsätzen fast ersaufen, magern die Vermarktungsabteilungen der klassischen Medien ab. Diese Entwicklung wird fortschreiten, bis vermutlich wenig bis kaum mehr etwas übrig geblieben sein wird. Die Corona-Krise hat die Zeit um fünf bis zehn Jahre vorgespult. Was wir gerade erleben ist nicht ein heilbarer Ausnahmezustand, sondern das Bekanntmachen mit einer Welt, die früher oder später von Dauer sein wird: Vom Werbekuchen wird den klassischen Medien nur wenig bleiben.

Doch:

Beobachtung vier: Funktionieren kann es trotzdem. Und das ist das Mutmachende an den Krisen-Effekten. Haben sich Medien erledigt, weil es kaum noch Werbung darin gibt? Ist Journalismus ohne Termine im Lokalen gar nicht möglich? Ist mit dem öffentlichen Leben auch das Interesse an Medien zum Erliegen gekommen? Gerade nicht! Menschen entdecken den Wert von Journalismus neu. Sie brauchen verlässliche, orientierende, tief recherchierte Inhalte. Brauchen sie diese Alltagsbegleitung nur in dieser Krise? Nein, sie brauchen sie immer! Aber die Vielzahl der Medien liefert gerade besonders gut, weil sie gar keine andere Chance hat. Wir konzentrieren uns auf das Relevante und wir können es gut verkaufen.

Die Frage ist: Warum liefern wir nicht immer das für viele Relevante? Warum verzetteln wir uns so oft im Belanglosen? Warum sind wir nicht immer so erfrischend kreativ wie jetzt? Warum haben wir nicht immer so viel Mut und Willen, Neues auszuprobieren? Warum konzentrieren wir uns als Lokalmedien nicht immer so unnachgiebig aufs Lokale?

Mehr Hinwendung zu den Themen, die viele Menschen bewegen - sei es Stadtentwicklung, Straßenverkehr, Gastronomie, medizinische Versorgung oder die Wirtschaft vor Ort - sorgt dafür, dass wir uns unverzichtbar machen. Die Corona-Krise zeigt: Journalismus ist quicklebendig, wenn Journalisten verstehen, was Menschen brauchen, um die Welt um sich herum zu durchsteigen. Wenn sie diese Orientierung bei uns finden, sind sie auch bereit, Geld dafür ausgeben.

Nebenbei: Wer in dieser Krise Inhalte verschenkt, begeht einen Fehler. Wir entwerten unsere Arbeit, wenn wir sie nicht bezahlen lassen. Haben wir je Zeitungen verschenkt, wenn der Inhalt besonders wichtig war? Im Gegenteil, man freute sich, wenn der Kioskverkauf nach oben ging. Warum sollte das im Digitalen anders sein? Das Geschäft der Regionalmedien ist der Verkauf von Inhalten - in der Krise nicht anders als im Normalbetrieb. Haben Supermärkte Klopapier, Mehl oder Nudeln verschenkt, als die besonders gefragt waren? Im Gegenteil: Sie wurden teurer, den Marktregeln folgend.

Medien, die ihre Bezahlschranken wegen Corona aufheben, tun so, als sei es nicht Zweck der Medienhäuser, Geld zu verdienen, sondern die Öffentlichkeit schrankenlos zu informieren wie eine Behörde. Das ist ein Fehler, denn der Anspruch, wirtschaftlich selbstständig zu agieren, bedeutet im Umkehrschluss jene Unabhängigkeit, die staatliche Zuschüsse beenden würden. Das ist ein Lernprozess, der auch bei den Mediennutzern einsetzen muss. Das geschieht gerade, wenngleich schleichend - und so erweisen Häuser, die ihre Inhalte jetzt frei zur Verfügung stellen, der Branche einen Bärendienst, auch wenn kurzfristiger Applaus verlockend sein mag.

Beobachtung fünf: Wir schaffen die Krisenbewältigung jetzt, also schaffen wir sie auch auf langer Strecke. Ich bin begeistert von meinem Team und von der Leistungsschau, die Lokal- und Regionaljournalismus insgesamt gerade abliefert. Es macht Spaß, mit den Kollegen in dieser Krise zu arbeiten. Was hätte es schlimm werden können! Leute hätten sich den Videokonferenzen verweigern, hätten wehklagen oder gleich zusammenbrechen können. Und was passiert? Sie wachsen über sich hinaus, erfinden Serien und leben digitale Formate. Sie werden nicht müde, Themen weiterzudrehen und am Ball zu bleiben. Sie tun alles, um die Kunden auf Stand zu halten und nicht zu langweilen. Plötzlich funktioniert vieles, das vorher unmöglich erschien. Viele Journalisten haben in dieser Krise verstanden: Jetzt kommt es auf und an, jetzt müssen wir präsent sein!

Diese Krise musste nicht vermittelt werden, um verständlich zu sein. Die Medienkrise ist viel schwerer zu vermitteln, ist weniger greifbar. Es ist wie mit einem Hurrikane und dem Klimawandel. Den Hurrikane versteht jeder. Er zieht als Bedrohung heran und die Auswirkungen sind bald und verheerend sichtbar. Der Klimawandel ist schwerer zu begreifen. Er ist nicht weniger real als der Hurrikane, aber als lange Linie, die der Einzelne nur mit Aufwand im Blick behalten kann. So ist es auch mit der Medienkrise. Auflagenentwicklung, schrumpfender Werbemarkt, Bedeutungsverlust - das alles ist bekannt, bricht aber nicht herein wie ein Wirbelsturm.

Die Corona-Krise lehrt uns, dass wir Krisen nicht hilflos ausgeliefert sind. Krise ist, was wir daraus machen - sei es die Corona- oder die Medienkrise. Wir haben nicht alles in der Hand. Aber jetzt zeigt sich: mehr als wir glaubten!

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Zum Autor: Benjamin Piel volontierte bei der Schweriner Volkszeitung, war danach Redakteur der Zeitung und wechselte 2012 als Redakteur zur Elbe-Jeetzel-Zeitung in den Landkreis Lüchow-Dannenberg. Von 2015 an leitete er zusammen mit Jens Feuerriegel die Redaktion der Elbe-Jeetzel-Zeitung. Er schrieb außerdem als Autor für Die Zeit, Zeit Online und Spiegel Online und für das Kölner Gesellschaftsmagazin Froh!. Seit dem 1. Juni 2018 ist Piel Chefredakteur des Mindener Tageblatts. Unter seiner Leitung erhielt das MT zahlreiche Auszeichnungen beim European Newspaper Award. 2014 wurde Piel für seinen Beitrag Bettys erstes Mal in der Elbe-Jeetzel-Zeitung mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Der Autor berichtete darin "direkt und ohne falsche Scheu" über "Sexualbegleiter", die behinderten Menschen zu sexuellem Erleben verhelfen.

Ihre Kommentare
Kopf

Inga Sprünken

Redaktionsbüro is-text
Freiberuflerin

07.04.2020
!

Lieber Benjamin Piel, ganz herzlichen Dank für diesen tollen Beitrag - und vor allem für das Plädoyer für eine differenzierte Berichterstattung. Auch mich an diese Anzeigenkampagne stutzig gemacht. Ich zweifle inzwischen an der Objektivität vieler Medien - allen voran des Fernsehens. Unsere Aufgabe ist es doch, kritisch zu bleiben, zu hinterfragen, alle Aspekte zu beleuchten und alle zu Wort kommen zu lassen - und das jenseits von Einschaltquoten, Werbeanzeigen oder Intendanten mit Parteibüchern


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