Köpfe-Interview: Was Focus-Online-Chefredakteur Florian Festl aus der Corona-Krise zieht

 

Solidarität und Nachbarschaftshilfe in Zeiten der Krise: Mit #CoronaCare vernetzen BurdaForward und Focus Online viele Bundesbürger. Im Köpfe-Interview berichtet Focus-Online-Chefredakteur, wie sein Team die Aufgabenlast stemmt und was man für die Redaktionsarbeit "danach" lernen kann.

kress.de: Herr Festl, die Hilfsaktion #CoronaCare wurde maßgeblich aus Ihrer Redaktion heraus initiiert und mit geprägt. Wie viele Telefonate benötigten Sie eigentlich, um dafür den Bundesgesundheitsminister als eine Art virtuellen Schirmherr zu gewinnen?

Florian Festl: Der Gedanke hinter #CoronaCare begeistert die Menschen. Viele bekannte Persönlichkeiten möchten Teil der Aktion werden und ihren Beitrag leisten. Als größtes Nachrichtenportal in Deutschland verfügt Focus Online natürlich über ein ausgezeichnetes Netzwerk in Berlin und auch ich stehe persönlich in regem Austausch mit vielen Politikern und regierungsnahen Kreisen. Deshalb hat es auch bei Jens Spahn nicht viele Telefonate gebraucht. Schnell kam seine Zusage und ein Video, in dem er als Bundesgesundheitsminister seine Unterstützung erklärt. Das freut mich sehr. Was mit der Vernetzung einzelner Menschen für Selbsthilfe-Aktionen begann, hat sich binnen Wochen zu einem Projekt entwickelt, das unserem Land entscheidend helfen kann, die Corona-Krise zu bewältigen.

"Wir wollen die konstruktiven Kräfte der Gesellschaft stärken – auf individueller, aber auch auf sozialer und wirtschaftlicher Ebene."

kress.de: Jens Spahn hat sich in einem ersten Videobeitrag auf Focus Online aktuell direkt an die Unterstützer gerichtet. In welcher Form und Folge ist mit weiteren solchen Direktansprachen und Informationen aus erster Hand zu rechnen?

Florian Festl: Ich weiß nicht, ob sich Jens Spahn nochmal direkt zu unserer Aktion äußern wird, zumal ich denke, dass er derzeit gut beschäftigt ist. Er sagt in seiner Video-Botschaft etwas Entscheidendes: "Wir brauchen einander mehr denn je." Das trifft den Kern von #CoronaCare. Wir wollen die konstruktiven Kräfte der Gesellschaft stärken – auf individueller, aber auch auf sozialer und wirtschaftlicher Ebene. Die extreme Situation provoziert extreme Reaktionen. Neben Erosion, Depression und Isolation entsteht Raum für Aufbruch, Erneuerung und Zusammenhalt. Diese Solidarität geht über Parteigrenzen hinaus. Zuletzt etwa signalisierte die Linken-Abgeordnete Sarah Wagenknecht ihre Unterstützung für unser Projekt. 

kress.de: Die Reichweite, die das von Focus Online in kurzer Zeit geknüpfte neue Netzwerk aufgebaut hat, ist beeindruckend. Man kann sich vorstellen, wie hoch der Verwaltungs- und Organisationsaufwand neben dem Tagesgeschäft ist. Wie viele Ressourcen und Mitarbeiter bindet die Corona-Hilfsaktion eigentlich aktuell in Ihrer Redaktion?

Florian Festl: Seit dem Start Mitte März haben wir allein auf Focus Online sieben Millionen Visits im #CoronaCare-Umfeld erreicht. Dazu kommen Millionen weiterer Aufrufe in unseren Social-Media-Channels, durch Live-Streams und auf Partner-Seiten. #CoronaCare trug wesentlich dazu bei, dass Focus Online im März mit 33,6 Millionen monatlichen Nutzern erstmals in seiner Geschichte reichweitenstärkstes aller von der AGOF gelisteten Portale war. Wir rangieren damit erneut vor News-Seiten wie Bild oder Spiegel und erstmals vor dem Reichweitenriesen ebay Kleinanzeigen. Für die Hilfsaktion arbeitet ein festes Team von 15 Leuten, das sich rund um unser Konstruktiv-Ressort gebildet hat. Involviert sind zudem 50 weitere Mitarbeiter, Tendenz steigend.

"Die Redaktion verfügt über gut gepflegte Telefonbücher."

kress.de: Der Aktion haben sich rasch auch prominente Unterstützung aus Politik, Gesellschaft und Unterhaltungsbranche angeschlossen. Wie sehr konnte Ihr Team dabei auf gute Medienkontakte zurückgreifen?

Florian Festl: Hier greifen zwei Dinge ineinander. Die Redaktion verfügt über gut gepflegte Telefonbücher. Zugleich macht es uns die Idee von "Deutschland hilft sich" leicht. Die Prominenten überlegen nicht lange, wenn sie davon hören. Sie sind sehr schnell mit ganzem Herzen dabei.

kress.de: Die Notwendigkeit, umfangreich, sachlich und viele Lebensbereiche betreffend über die Corona-Krise zu berichten, fordert auch Ihre Redaktion stark. Wie schwer fiel es, die bisherigen gewohnten Abläufe auf die neuen Anforderungen umschalten?

Florian Festl: Die Focus-Online-Mutter BurdaForward versteht die Corona-Berichterstattung und unsere Hilfsaktion #CoronaCare als Impuls, um ein historisch großes Thema Marken-übergreifend zu treiben. Focus Online, Chip, unser Börsen-Portal Finanzen100 und NetMoms bündeln jetzt ihre Kräfte. Zusammen mit der News-Exzellenz und Gesundheits-Expertise von Focus Online ergeben die permanente Geld-Beratung von Finanzen100, die starke Verbrauchernähe von Chip und die Familien-Perspektive von NetMoms das aus meiner Sicht kompletteste Angebot im Markt für diese geschichtsträchtige Phase. 

kress.de: Welche Art von Berichterstattung mussten Sie – auch mit neuen Fachkräften – intensivieren, welche Ressorts fahren Sie derzeit ein wenig zurück?

Florian Festl: Ich arbeite seit 15 Jahren im Online-Journalismus. Die derzeitige News-Lage übertrifft in ihrer Dauer und Wucht alles, was ich in dieser Zeit erlebt habe. Unser News-Desk und gerade die Ressorts Gesundheit, Politik, Finanzen und unser Konstruktiv-Team sind zusammen seit Wochen über die Maßen gefordert, um die Menschen in Deutschland rund um die Uhr informiert zu halten. Verstärkt werden sie von Kollegen aus dem Sport oder der Unterhaltung, deren Themen derzeit weniger im Zentrum stehen. Übergreifend verstehen wir als News-Portal diese Krise und die aus ihr resultierenden Verwerfungen als Auftrag, unser Geschäft gravierend neu zu denken. Ich bin überzeugt, dass sich gerade neue User-Bedürfnisse und Märkte entwickeln.

"Ohne Reichweite ist alles nichts im werbefinanzierten News Publishing."

kress.de: Das Bedürfnis, sich vor allem online schnell und umfassend zu informieren, sorgt in einigen Medienhäusern für einen kräftigen Reichweiten-Schub. Wie viel Rückenwind gibt diese Aufmerksamkeit Ihrer Redaktion, die ja vermutlich selbst keineswegs frei von Ängsten und privaten Unannehmlichkeiten weiterarbeiten muss?

Florian Festl: Ohne Reichweite ist alles nichts im werbefinanzierten News Publishing. Aber Reichweite ist nicht alles. Die tiefere Motivation für unsere tägliche Arbeit liegt nicht im Traffic. Sie liegt im Ziel, durch verlässliche Informationen Orientierung zu geben und durch konstruktiven Content das Leben der Menschen in Deutschland zu verbessern. Die flexible Gestaltung der Arbeitszeit und das Arbeiten aus dem Home Office sind bei uns schon lange Normalität und waren auch vor Corona jedem Mitarbeiter möglich. Seit gut drei Wochen arbeitet nun das ganze Team dezentral, das ist natürlich dennoch eine neue Herausforderung. Zum Glück haben wir direkt zu Beginn eigens für die Herausforderungen der Remote-Arbeit ein eigenes Team engagierter Kollegen aufgebaut. So konnten wir auch herausfordernde Situationen, sei es die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Job, die Organisation des technischen Equipments oder eben den Umzug eines kompletten News-Desks in die Home Offices sehr gut meistern.

kress.de: Mit spektakulären Headlines kann man auch Bauernfängerei betreiben. Wie stark mussten Sie als Chefredakteur Ihre Redaktionsteams noch einmal für die Gefahren durch die unkritische Weiterverbreitung von Corona-Fakenews sensibilisieren?

Florian Festl: Die Corona-Lage bietet unentwegt Raum für Verschwörungstheorien jeglicher Art. Ich sehe unsere Aufgabe darin, die am stärksten verbreiteten Fake-News zu entlarven und vor ihnen zu warnen. Wir setzen der Angst Fakten entgegen. Die Redaktion ist mit Dutzenden wissenschaftlichen Experten im ständigen Austausch, um die User in dieser volatilen Situation immer auf Stand zu halten.

"Es gibt eigentlich nichts, was nicht geht im Home Office."

kress.de: Eine Redaktion unter Krisenbedingungen zu steuern, ist eine enorme Leistung und ein Belastungstest. Welche Schlüsse für das Arbeiten – etwa durch plötzlich wie selbstverständliche Home-Office-Lösungen – können Sie schon für eine Zeit „danach“ ableiten?

Florian Festl: Es gibt eigentlich nichts, was nicht geht im Home Office. Komplexe kommunikative Situationen wie der Live-Austausch an einem News-Desk lassen sich mit Technologie genauso abbilden wie ein Feierabendbier oder eine Karaoke-Party. Während sich die Mitarbeiter räumlich entfernen, rücken sie emotional zusammen. Dennoch freue ich mich sehr darauf, eines Tages wieder physisch mit meinen Leuten zusammenzustehen, um die Themen des Tages zu spuren.

"Wir liefen los wie ein Sprinter, um zu merken, dass wir am Beginn eines Marathons stehen."

kress.de: Viele Ihrer Mitarbeiter und sicher auch Sie selbst dürften in der aktuellen Nachrichtenlage auf Anschlag arbeiten. Wie schaffen Sie es, für sich selbst wenigstens ab und an Freiräume zu finden, um die Batterien wieder aufzutanken.

Florian Festl: Das Außergewöhnliche normalisiert sich bei anhaltend hohem Traffic. Wir liefen los wie ein Sprinter, um zu merken, dass wir am Beginn eines Marathons stehen. Wer dieses Rennen bestehen will, braucht Auszeiten und Urlaube. Da ich wegen der Ausgangsbeschränkungen im Moment leider nicht Tennis spielen kann, ist es bei mir persönlich tatsächlich das Laufen, das mir einen Ausgleich bringt. Die nötige Ruhe, um wieder aufzutanken, finde ich draußen in der Natur - in meinem Jagdrevier und bei Ausflügen mit der Familie.

kress.de: Letzte Frage: Was ist Ihr sehnlichster Wunsch-Plan für den ersten freien Arbeitstag nach der Normalisierung?

Florian Festl: Einen wirklich sehnlichen Wunsch für diese Tage habe ich nicht. Dafür lebe ich zu stark im Moment. Aber ein Biergartenbesuch an einem sonnigen Sonntag bei guter Gesellschaft wäre erquickend. Am besten noch in diesem Jahr.

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