Warum PR-Report-Chefredakteur Daniel Neuen seiner kleinen Tochter dankt

09.04.2020
 

Der Ausnahmezustand als Augenöffner, die Pandemie als Besinnungstherapie - und eine Anregung für die Besten der Branche. Von Chefredakteur Daniel Neuen aus dem aktuellen PR Report.

Ein Ladengeschäft an einer Straßenecke in Düsseldorf. Drinnen ist alles duster und still, aber ich bilde mir ein, eine kurze Regung wahrgenommen zu haben. Kann das sein angesichts von Kontaktverboten und Ladenschließungen? Ich wandele am Schaufenster entlang und entdecke, dass die Eingangstür einen Spalt geöffnet ist. Ein Zettel klebt daran: "Bitte klopfen." Ich kneife die Augen zusammen, linse angestrengt durch die Glastür. Tatsächlich: Im Dunkeln bewegt sich jemand. Zweimal schlage ich vorsichtig meine Knöchel gegen das Glas. Kurz darauf geht die Tür auf, gerade so weit, dass ein Kopf herausragt. "Guten Tag", sage ich. "Verkaufen Sie mir etwas?" Die Antwort: "Was brauchen Sie?"

 
Der Einkauf in der kleinen Buchhandlung in meinem Stadtteil verläuft in den Corona-Tagen derart konspirativ, dass ich mich in die Zeit der Prohibition versetzt fühlte. Aber ich war doppelt dankbar: Für das Shopping-Erlebnis und für die gedruckte Zerstreuung. Ohnehin bin ich durch die vergangenen Wochen vielen Menschen zu Dank verpflichtet. Noch mehr als sonst. Und ich bin sicher, viele von Ihnen sind es auch. Eine unvollständige Liste.

Ich bin meiner Tochter dankbar. Viele Seiten der gerade erschienenen PR Report-Ausgabe ("Das Virus und wir" - schon jetzt als E-Paper verfügbar, für Abonnenten kostenlos) entstanden am Schreibtisch in unserem Schlafzimmer. Ich war also meistens zu Hause, aber irgendwie auch nicht. Das Kind hat sich mit dieser Merkwürdigkeit ziemlich gut arrangiert - und hatte auch schnell raus, dass hektisches Winken bedeutet, dass Papa telefoniert. (PS: Ich bin auch dem Paketboten dankbar, der das große Lego-Raumschiff gebracht hat, mit dem ich mir ein paar zusätzliche ruhige Stunden kaufen konnte.)

Wir sollten den IT-Profis danken, die es ermöglicht haben, dass so viele ins Homeoffice wechseln konnten. Die Laptops beschafft und eingerichtet, Kollaborationssoftware installiert und jeden noch so panischen Anfall gelassen ertragen haben, falls doch irgendwo was hakte.
 
Wir sollten dankbar sein für das Internet. Wie sonst hätten wir in den vergangenen Wochen arbeiten können? Die Schulaufgaben unserer Kinder bekommen? Kontakt gehalten zu Eltern, Großeltern, Freunden, Kollegen? Klar, auch bei Corona rollte eine Fake-News-Welle. Aber dadurch wurde klar: Ein Rückzug von Unternehmen und Behörden aus Social Media ist undenkbar - oder sollen sie etwa einfach zusehen, wie sich die Infodemie unwidersprochen ausbreitet?

Wir sollten den "klassischen" Medien danken, von denen uns viele nach bestem Wissen und Gewissen informieren. Quoten und Klickzahlen waren immens - weil die Menschen offenbar Journalisten vertrauen, wenn es darauf ankommt. Das sollte die PR-Branche nicht vergessen, wenn irgendwann langsam der Alltag wieder einkehrt.

Und weil wir es nicht oft genug tun können: Wir müssen all den Leistungsträgern danken, die das Land am Laufen halten, die unser Leben sichern - und die nicht unser Glück haben, sich im Homeoffice-Kokon einzulullen. Der Ausnahmezustand hat ja vielen von uns die Augen geöffnet, was "systemrelevant" wirklich heißt.
 
Eine Idee zur Wiedervorlage "nach Corona", wenn die Zeiten hoffentlich wieder besser, Köpfe und Kapazitäten frei sind: Wie wäre es, wenn sich ein paar der Klügsten und Kreativsten der Branche zusammentun, um mit der Kraft der Kommunikation zu helfen, die Lage dieser Unverzichtbaren dauerhaft zu verbessern? Wie wäre es mit einer Kampagne für Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger, Altenpflegerinnen und -pfleger, Apothekerinnen und Apotheker, Lkw-, Busfahrerinnen und Bahnfahrer, Feuerwehrleute und Polizistinnen, Kassiererinnen und Regaleinräumer, Müllmänner und Reinigungsfrauen?
 
Danksagungen wie meine und Applaus im Bundestag sind ja ganz nett. Mehr Geld und weniger Überstunden sind besser.
 
Ihr Daniel Neuen

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Sie können den neuen PR Report in unserem Shop kaufen. Der PR Report erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Daniel Neuen.

Lesen Sie im neuen PR Report:
 
Das Virus und wir: PR-Profis in Zeiten der Pandemie - wie sie kämpfen, was sie erleben, was ihnen Hoffnung macht.

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