Mathias Döpfner: Dann würden Tausende Jobs zerstört

14.04.2020
 

Der Chef von Axel Springer hat eine klare Antwort darauf, ob Journalismus in Corona-Zeiten kostenlos sein sollte. Zugleich spricht Mathias Döpfner im Interview über die "sehr ernste Situation der Medien", malt zwei Krisen-Szenarien und sagt, warum man jetzt nicht das "unternehmerische Augenmaß" verlieren dürfe.

Gar nicht witzig findet Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner die derzeit populäre Forderung, wonach Verlage alle Berichte über die Coronakrise kostenlos zur Verfügung stellen sollten. Moderator Jan Böhmermann twitterte: "Tear down the fucking paywalls", also "Reißt die Bezahlschranken herunter."

"Freibier für alle kommt immer gut an. Das hieße, den Fehler zu wiederholen, den viele Verlage in den frühen Tagen des Internets gemacht haben", sagt Döpfner im Interview mit dem aktuellen Spiegel. Es gebe in dieser Krise drei systemkritische Bereiche: zuerst den Gesundheitssektor, zweitens die Versorgung mit Lebensmitteln und drittens Journalismus. Unabhängiger, sorgfältig recherchierter Journalismus koste Geld. "Mir kann keiner erklären, warum man in dieser Krise für Medikamente und Nahrung bezahlen muss, aber für Informationen nicht", wird Döpfner deutlich. 

Nicht verurteilen mag der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer, dass Gruner + Jahr derzeit die Digitalausgaben seiner Magazine von stern bis Brigitte verschenkt (kress.de berichtete): Das könne ja jeder für sich ausprobieren. Gut findet Döpfner, dass G+J seine Tageszeitung, die Sächsische Zeitung ausdrücklich von Gratisangeboten ausgeschlossen hat: "Das zeigt, dass man Nachrichtenjournalismus anders einschätzt als Lifestylemagazine." Schnupperangebote habe es immer gegeben, dagegen sei nichts zu sagen. Döpfner geht es eher um die Debatte, die gerade wieder einsetze: "Dass Journalismus nur frei ist, wenn er kostenlos ist. Der größte Unsinn der Neuzeit. Dann würden Tausende Jobs zerstört. Und die offene Gesellschaft wäre in den Händen politischer, kapitalistischer oder sonst wie interessengeleiteter Propaganda."

Die Situation der Medien durch Corona sei "sehr ernst", sagt Mathias Döpfner im Spiegel-Interview. Der Werbemarkt breche gerade dramatisch ein, das könne Medienhäuser jeder Größe in Existenznot bringen, nicht nur lokale oder regionale. Fast tragisch findet es Döpfner, dass ausgerechnet in diesem besonderen Moment medialer Verantwortung" das ökonomische Fundament so rasant ins Wanken gerate.

Auf die Frage von Markus Brauck, wie tief die Krise gehen werde, antwortet Döpfner: "Ich sehe zwei Szenarien, ein positives und ein sehr düsteres. Entweder wird die Coronakrise in den nächsten Monaten zum Brandbeschleuniger in einem ohnehin kostspieligen Transformationsprozess, den viele Verlage nicht überleben." Oder man schaffe es, die gestiegene Bedeutung und Beachtung des Journalismus für neue, bessere digitale Geschäftsmodelle zu nutzen. Dann werde die Medienbranche gestärkt aus der Krise hervorgehen. "Das setzt aber voraus, dass Verlage jetzt mutig und innovativ sind. Und dass der Shutdown nicht zu lange dauert", hebt Döpfner hervor. Das sei aber ohnehin zwingend: "Wenn der globale Notstand viele Wochen so fortgesetzt wird, werden wir im Sommer noch geschlossene Eisdielen haben, aber dafür Schlangen vor den Suppenküchen."

Axel Springer selbst fahre einen harten Sparkurs in Corona-Zeiten: "Natürlich gibt es jetzt Bereiche, die deutlich weniger zu tun haben. Da nutzen wir das Instrument der Kurzarbeit. Aber es gibt auch viele Bereiche, die auf allen Zylindern dampfen. Deshalb ist es unsere feste Absicht, die Krise gemeinsam durchzustehen", erklärt Döpfner im Spiegel. Dass man das im vergangenen Jahr beschlossene Millionen-Sparprogramm (kress.de berichtete) sehr schnell umgesetzt habe, sei jetzt hilfreich. Was darüber hinaus nötig sei, wisse niemand. "Wir dürfen bei alldem aber jetzt nicht das unternehmerische Augenmaß verlieren. Überall x Prozent weniger das wäre dumm. Wir investieren deshalb weiter in Wachstumsprojekte", kündigt Döpfner an. 

Bei Axel Springer stammen vier Fünftel des Gewinns aus Rubrikenanzeigen für Jobs oder Autos. Dass dieses Geschäft von der Corona-Krise extrem betroffen ist, erschreckt Döpfner nicht: Bei der ersten wirtschaftlichen Erholung werde man dort große Aufholeffekte sehen. "Um das Geschäftsmodell mache ich mir keine Sorgen."

Zugleich spricht Döpfner im Spiegel auch über das Wertsteigerungsprogramm für Vorstand und Führungskräfte, das von 2016 bis 2023 läuft (kress pro berichtete): "Wir gehen davon aus, dass daraus in diesem Jahr kein Geld an den Vorstand fließt. Da unsere Ergebnis- und Umsatzziele durch Corona in diesem Jahr verfehlt werden, werden auch die Vorstandsboni für 2020 deutlich geringer ausfallen oder wahrscheinlich ganz entfallen."

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