Extrem schwer: Warum stern-Chefredakteur Florian Gless jetzt an Henri Nannen denkt

15.04.2020
 

In einem Podcast spricht stern-Chefredakteur Florian Gless über besondere Bedingungen, Verantwortung in der Krise und stern-Gründer Henri Nannen.

Gemeinsam mit Anna-Beeke Gretemeier ist Florian Gless Chefredakteur des stern. In Wir und Corona, dem gemeinsamen Podcast von stern und RTL, gewährt Gless einen Blick hinter die Kulissen, beschreibt, wie die Redaktion trotz allem funktioniert und wie sich das Berichten verändert.

"Wir arbeiten rund um die Uhr, weil natürlich gerade so irrsinnig viel passiert und weil wir mit einer völlig neuen Lebenssituation, einer völlig neuen Weltsituation konfrontiert sind. In solchen Situationen sind Journalisten sehr gefragt und von besonderer Bedeutung, weil wir helfen können, nicht nur zu beschreiben, was passiert, sondern auch einzuordnen, zu sortieren und zu analysieren", so Gless.

Die Führungskraft erzählt, wie viele Kolleginnen und Kollegen nun tatsächlich auch von zu Hause, vom Küchentisch aus arbeiteten, recherchierten, wie sie Interviews per Skype oder Zoom führten, wie in einer Redaktion nun Themen über Videokonferenzen diskutiert würde. Gless berichtet aber auch davon, wie Reporter natürlich immer noch, trotz aller Beschränkungen rausgehen, vor Ort sind, wie etwa die Auslandsreporter des stern in New York. Besonders auf sie gemünzt sagt er: "Es gelten Bedingungen wie bei der Kriegsberichterstattung. Wir müssen die gleichen Vorsichtsmaßnahmen treffen und im gleichem Ausmaß an das Verantwortungsbewusstsein unserer Reporter appellieren, wie wir es tun, wenn sie im echten Kriseneinsatz an der Front sind." 

Gless betont in dem Podcast-Interview, wie wichtig für den Journalismus die persönlichen Begegnungen sind, vor Ort, aber auch in der Redaktion. "Das Quatschen auf dem Flur ist extrem wichtig", sagt Gless. "Henri Nannen hat ja gesagt: Das Heft entsteht auf dem im Flur. Das ist eine der großen Weisheiten, der ich hundert Prozent zustimmen würde. In einer Redaktion kann gar nicht genug Gerede sein, das muss Surren wie in einem Bienenstock. Und da müssen die Themen entwickelt werden. Das ist natürlich im Moment extrem schwer. Und das ist etwas, was ich ganz, ganz wichtig finde, gerade für den stern, weil wir ja immer versuchen, wirklich das Leben abzubilden und auch den Alltag unserer Leser immer wieder zu erfassen und nicht nur die Nachrichtenlage wiederzukauen."

Zur Person: Florian Gless ist Historiker und Absolvent der Henri-Nannen-Schule. Er war über 15 Jahre in verschiedenen Positionen in den Redaktionen des "Spiegel" und des stern tätig. 2014 wurde er Chefredakteur der deutschen Ausgabe von National Geographic und der P.M.-Markenfamilie. Im April 2018 macht Gruner + Jahr ihn zum Publisher Wissen. Seit 1. Januar 2019 ist Gless gemeinsam mit Anna-Beeke Gretemeier Chefredakteur des stern.

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