Job-Kolumne für Medienprofis: Warum ein neues Achtsamkeits-Verständnis jetzt überlebenswichtig ist

 

Die Corona-Krise hat für viele Medienprofis etwas ganz brutal offengelegt: Ihr persönliches Geschäfts- und Lebensmodell ist nicht nachhaltig und kommt nun ans Ende. Sie sind gefordert, achtsamer zu leben - und das ist mehr als Meditation und Tagebuch führen, sagt Mediencoach Attila Albert.

Schon vor Jahren hatte ein Produktmanager begonnen, sich mit Apps wie "Headspace" für geführte Meditation zu entspannen. Er las auch entsprechende Bücher und sah sich Videos an, um sich besser zu organisieren und weniger gestresst zu sein. Doch gegen die ständige Überarbeitung halfen sie nichts. Sein Team war objektiv zu klein für all die anstehenden Aufgaben. Immer wieder war er wochen- oder monatelang wegen Bandscheibenvorfällen und Schwindelanfällen krankgeschrieben. Er fühlte sich ständig erschöpft. Zwar hatte er oft daran gedacht, woanders hin zu wechseln. Doch sein gut bezahlter Vertrag und die hohe Reputation seines Arbeitgebers machten es ihm schwer, Vergleichbares zu finden.

Wie lange kann ein Ausnahmezustand gehen? Mancher Medienprofi hat sich das mit Blick auf seine Redaktion schon vor der Corona-Krise gefragt. Immer noch eine neue Sparrunde, immer noch zusätzliche Kanäle und Aufgaben - und das Jahr um Jahr. Die Krise hat nun, ähnlich wie bei verschiedenen Unternehmen, auch für viele persönlich etwas ganz brutal offengelegt: Ihr Geschäfts- und Lebensmodell ist nicht nachhaltig. Fast jeder hat sich über die Jahre weiter "optimiert", ist noch "effizienter" geworden. Doch irgendwann ist dieser Weg ausgereizt und in der Krise nun am Ende. Zwar hat sich Achtsamkeit als Konzept längst etabliert, wird aber oft missbraucht: Kurzzeitig entspannen, um immer weiterzumachen.

4 Phasen der Stressbewältigung

Stress lässt sich nie völlig vermeiden und hat bekanntermaßen seine guten Seiten. Er kann motivieren, für klare Entscheidungen und schnelles Arbeiten sorgen. Mancher läuft nur unter Druck zu Höchstform auf. Schreibt den perfekten Text oder das finale Konzept kurz vor Abgabe, liefert genau zur Ausstrahlung den Beitrag ab, bei dem alles passt. Gegen die hohe Belastung können Achtsamkeitstechniken helfen: Meditation (für Konzentration und Entspannung), Tagebücher (persönliche Reflektion), Affirmationen (stärkende Botschaften wiederholen), Danksagungen (um das Positive nicht aus dem Blick zu verlieren). Aber aus der Erfahrung im Coaching würde ich vier Phasen der Stress-Bewältigung unterscheiden:

  1. Hilfsmittel können eine begrenzte Entlastung bieten. Das gilt für schädliche Methoden (z. B. Alkohol zum Entspannen, nachts vor dem Fernseher oder Computer anstatt zu schlafen) ebenso wie für grundsätzlich positive Ansätze wie die erwähnten Techniken oder Sport, um Stress abzubauen. Sie lösen nicht das Problem.

  2. Irgendwann müssen Sie sich grundsätzlich mit Ihrer Situation auseinandersetzen. Die Versuchung im redaktionellen Alltag ist, das immer wieder in eine unbestimmte Ferne zu verschieben - "ich überlege noch", "momentan zu beschäftigt", "bin noch nicht so weit". Werden Sie nach spätestens ein bis zwei Frust-Jahren aktiv.

  3. Wenn Sie sich nur noch von Urlaub zu Urlaub hangeln oder mit letzter Kraft in die freien Tage retten, sollten Sie das als Alarmzeichen sehen. Noch können Sie Ihre Situation distanziert betrachten und selbstbestimmt gestalten, z. B. durch aktives Networking und Bewerben, eine Weiterbildung oder Selbstständigkeit.

  4. Reihen sich erst einmal ständige Krankschreibungen von Einzeltagen bis zu Monaten (z. B. wegen Bandscheibenvorfällen, Schwindelanfällen, Erschöpfung) aneinander, haben Sie den Zeitpunkt verpasst. Kündigen Sie jetzt aber nicht in einer unüberlegten Panikreaktion, sondern suchen Sie sich professionelle Hilfe.

In den Phasen 1-3 kann Coaching Sie darin unterstützen, sich klarer über Ihre eigentlichen Wünsche zu werden und sie anschließend geplant umzusetzen. Meist geht es nicht darum, einen ähnlichen Job wiederzufinden, nur eben bei einem anderen Arbeitgeber. Sondern: Der Arbeits- und Lebensstil soll sich insgesamt ändern. Ein Coaching umfasst meist sechs bis zwölf Sessions. In Phase 4 ist ein Therapeut vielfach der bessere Ansprechpartner: Wer seine eigenen Bedürfnisse so lange und so weit unterdrückt hat, profitiert oft sehr davon, sich einmal mit den inneren Ursachen dafür zu beschäftigen. Dauer hier oft: Ein bis zwei Jahre mit wöchentlichen Sitzungen, die dann aber die Krankenkasse übernimmt.

Besonderer Stresstest für Freiberufler

Für Freiberufler bezieht sich der persönliche Stresstest häufig auf die Nachhaltigkeit ihrer Kundenbeziehungen: Wie viele Abnehmer gibt es, wie viele Ausweichmöglichkeiten? Aber auch auf ihre Finanzen: Wie lange ginge es ohne Einnahmen, wie viele verschobene Aufträge sind verkraftbar? Diversifizierung von Angebot und Kunden, Liquiditätsplanung und Schuldenmanagement betreffen jede Unternehmung. Da unterscheidet sich der freie Autor, Korrespondent oder die kleine PR-Agentur gar nicht so sehr vom großen Medienkonzern. Hier können Existenzgründerzentren oder auch spezialisierte Berater unterstützen.

Eine anwaltliche Beratung kann in allen Phasen bei rechtlichen Unklarheiten oder Konflikten helfen. Oft genügt aber bereits das Gespräch mit dem Betriebsrat oder sogar ehemaligen Kollegen. Die großen Medienhäuser arbeiten meist mit Sozialplänen und vereinheitlichten Angeboten z. B. für Freistellungen und Abfindungen. Ihr Verhandlungsspielraum ist also relativ begrenzt. Gleichzeitig müssen Sie eben auch nicht sehr viel verhandeln, sondern bekommen oft sogar bereitwillig recht großzügige Angebote (z. B. für eine vorgezogene Freistellung mit Gehaltsfortzahlung oder bezahltes Outplacement-Coaching).

Die beschlossenen Corona-Lockerungen deuten auf einen langen Prozess hin. Noch über Monate werden die Anzeigenkunden ausbleiben, wenn Restaurants und Bars nicht öffnen dürfen, Veranstaltungen wie Konzerte und Messen ausfallen. Die Jobmärkte werden so lange wenig inserieren, wie Unternehmen eher Stellen abbauen. Viele Leser werden andere Sorgen haben, als sich diese oder jene Zeitschrift zu kaufen. Manche Verkaufsstelle wird erst im Herbst oder nie mehr wieder öffnen. So ist ein neues Verständnis von Achtsamkeit überlebenswichtig: Nicht weiterhin nur aushalten und wie gehabt weitermachen, sondern überlegt und kraftvoll die eigene Zukunft gestalten.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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