Wie ze.tt mit Video-Langdokus die Generation Netflix an sich fesselt

 

Mit langem Atem: Das junge Online-Portal ze.tt aus dem Zeit Verlag zeigt mit "Wir sind die Nickis" erstmalig eine knapp einstündige Dokumentation über eine Frau, deren Körper sich sieben Persönlichkeiten teilen müssen. Video-Redakteurin Poliana Baumgarten und Mark Heywinkel, stellvertretender Redaktionsleiter und Head of Development, lassen im kress-Interview hinter die Kulissen blicken.

kress.de: Frau Baumgarten, Herr Heywinkel, dass auf ze.tt natürlich auch Bewegtbild zum Einsatz kommt, ist bekannt. Mit einer einstündigen Dokumentation, noch dazu zu dem anspruchsvollen Thema einer multiplen Persönlichkeit, hatte man bislang dort noch nicht gerechnet. Wollen Sie der Spätschiene von ARD, ZDF oder Arte Konkurrenz machen?

Poliana Baumgarten: Warum haben Sie bei ze.tt nicht mit anspruchsvollen Themen gerechnet? Wir sind seit Jahren dafür bekannt, dass wir als ze.tt uns gerade Themen widmen, die sonst im deutschen Journalismus eher wenig Beachtung finden – und das zeigt sich natürlich auch in unseren Videos. Öffentlich-rechtliche Medien sind lange nicht mehr die einzigen, die spannende, lange Dokus produzieren. Auch auf Netflix, YouTube und Instagram beweisen Kolleg*innen, dass anspruchsvolle Dokus auf verschiedenen Plattformen ihren Platz haben.

Mark Heywinkel: Unsere einstündige Doku "Wir sind die Nickis" schließt an Dokumentationen an, die wir bereits in den vergangenen Jahren etwa zur "Black Lives Matter Bewegung in Deutschland", "Pädophilie" oder "Sinti und Roma in Deutschland" gemacht haben. Unser Anspruch ist nicht, permanent in Konkurrenz zu solchen ressourcenstarken Tankern wie ARD und ZDF zu treten. Allerdings gelingt es Poliana mit ihrer Bildsprache bei ze.tt Themen visuell so umzusetzen, dass sie unsere Zielgruppe interessieren.

kress.de: Wie kamen Sie eigentlich auf das Thema für den spannenden Beitrag "Wir sind die Nickis"?

Poliana Baumgarten: Ähnliche Themen, wie das Überleben häuslicher Gewalt (Link) oder der verantwortungsvolle Umgang mit einer pädophilien Neigung (Link) haben bereits in den vergangenen Jahren Raum bei uns bekommen. Während meiner Recherchen zu psychischen Auswirkungen sexuellen Missbrauchs und häuslicher Gewalt im Kindesalter bin ich auf die Dokumentation "Höllenleben" aus dem Jahr 2001 von Liz Wieskerstrauch gestoßen. Die Nicki(s) waren darin Protagonist*innen und machten sich erstmals mit ihren verschiedenen Innenpersonen auf Spurensuche nach den Geschehnissen ihrer Kindheit in einem Religiösen Kult. "Nicki" zeigte sich im Rahmen der Recherchen zum Film selbst wegen Kindstötung an. Es war das erste Mal, dass ich von rituellem Missbrauch und einer dissoziativen Identitätsstruktur als Folge hörte. Wir haben uns daher dazu entschieden, uns eingehender mit den strukturellen Barrieren für Betroffene und dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema auseinanderzusetzen.

kress.de: Ihre Arbeit an dem Porträt der 59-Jährigen hat viel Recherche- und Drehzeit in Anspruch genommen. Wie ließ sich die mit den Anforderungen des Redaktionsalltags in Einklang bringen?

Poliana Baumgarten: Glücklicherweise war das überhaupt kein Problem. Bei ze.tt bekomme ich als Videoredakteurin genug Vertrauen und Raum seitens der Chefredaktion entgegengebracht, um mich mit dem Thema intensiv zu beschäftigen. Parallel konnte ich so auch an anderen Beiträgen arbeiten. Die Dokumentation ist während der Produktion und Recherche immer weiter gewachsen. Wer sich mit Menschen mit multiplen Persönlichkeiten auseinandersetzt, merkt schnell, dass es sich dabei um ein sehr weit verwobenes Thema handelt, das einem Beitrag von wenigen Minuten kaum gerecht werden kann. Ohne den ständigen Austausch mit der Chefredaktion und den Animationen, die unsere Kollegin Elif Küçük für den Film erstellt hat, hätte sich der Film in seiner jetzigen Form aber nicht bewerkstelligen lassen.

kress.de: Was muss in einer möglichen Geschichte stecken, so dass Sie sich entscheiden, dafür Zeit und Kapazitäten freizugeben, um ihr in der Tiefe nachzugehen?

Poliana Baumgarten: Zur Arbeit bei ze.tt gehört es ganz klar, Lebensrealitäten, denen sonst nicht ausreichend bis gar kein Raum in der Berichterstattung gegeben wird, abzubilden. Unsere Chefredakteurin, Marieke Reimann, ist sehr darauf bedacht, dass wir in unserer Arbeit die Möglichkeit bekommen, auf diejenigen Menschen aufmerksam zu machen, die sonst eher am Rand der Gesellschaft stehen. Das heißt also zum Beispiel über rassifizierte Menschen, Menschen mit Behinderungen, Arbeiterkinder oder Ostdeutsche häufiger als üblich zu berichten.

"Wir sehen uns in einer Verantwortung, schwierige und unangenehme Themen zugänglich zu machen."

kress.de: Die Themen, die Sie bei ze.tt für Videos und Kurzdokumentationen ausgewählt haben, darunter ein Stück über Lipödeme, über Regelbeschwerden oder eine Menstruationstasse als Alternative zu Tampons und Binden, wirken auf den ersten Blick journalistisch herausfordernd, wenn nicht sogar sperrig. Was gibt Ihnen die Zuversicht, sie dennoch anzugehen – und damit Klick-Erfolge zu erzielen?

Mark Heywinkel: Aus einer männlichen Perspektive gesehen mögen Sie das als sperrig empfinden. Es sind aber Themen, die viele Mädchen und Frauen betreffen. Ein Großteil unserer Zielgruppe ist weiblich, sie haben Regelbeschwerden, interessieren sich für Alternativen zu Tampons und Binden und manche von ihnen leben mit der Krankheit Lipödem. Dass andere Redaktionen diese Themen als sperrig empfinden könnten, bestätigt uns darin, genau diese Themen weiter zu beackern.

Poliana Baumgarten: Wir sehen uns auch in einer Verantwortung, schwierige und unangenehme Themen zugänglich zu machen. Als Redakteur*innen bei ze.tt mit verschiedensten Hintergründen nutzen wir auch die verschiedenen thematischen Zugänge, die wir durch unsere verschiedenen Biografien mitbringen.

kress.de: Beim ersten wirklich langen Langbeitrag "Wir sind die Nickis" dürfte es zunächst nicht leicht gewesen sein, das Vertrauen der Porträtierten zu gewinnen. Wie geht man da vor?

Poliana Baumgarten: Wir sind nicht das erste Magazin, das die Nicki(s) abbildet, doch ein Interview in einer solchen Intensität und Sensibilität zu führen, von der beide Seiten profitieren, ist natürlich mit intensiver vorangehender Recherche und Vernetzung verbunden. Die richtige Sprache und Termini zu benutzten, um sich am Diskurs zu beteiligen, angemessene Fragen zu stellen und einen sensiblen Umgang mit dem Thema zu haben, um mit der Protagonistin auf Augenhöhe zu sprechen, auf der sie sich nicht retraumatisiert und getriggert fühlt, ist sehr wichtig. Das Porträt der Nicki(s) mit ihrer dissoziativen Identitätsstruktur eröffnet in der Dokumentation zugleich den Zugang zu Themen wie rituellem und organisiertem Kindesmissbrauch. Wir haben darüber mit drei sehr erfahrenen Expertinnen gesprochen, um diese Themen zu ergründen. Die hätten sich die Zeit nicht genommen, wenn es davor nicht eine Vertrauensbasis bezüglich unserer Arbeit und journalistischer Sorgfaltspflicht bei ze.tt gegeben hätte. Daher war es extrem wichtig, sich nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich und bildlich mit diesen Themen auseinanderzusetzen um eine Vision zu konzipieren, die von den Protagonist*innen auch respektiert wird und die die mediale Aufarbeitung zu dem Thema bereichert.

kress.de: Was war bei dem Film im Rückblick die größte Schwierigkeit in der Aufbereitung?

Poliana Baumgarten: Wenn es darum geht, über Gewaltgeschehen zu berichten, ist die Abbildung durch Video oder Fotografie immer die größte Herausforderung. Wir möchten Betroffene, die sich den Beitrag anschauen, nicht retraumatisieren, sondern bestärken. Wir möchten Zuschauer*innen, die sich das erste Mal mit dem Thema auseinandersetzen, nicht verschrecken, sondern aufklären. Daher ist eine sensible und zurückhaltende ästhetische Umsetzung in Kameraführung, Schnitt und Ton essentiell. Noch zu oft wird das Thema DIS oder rituelle Gewalt auf okkulte, effekthascherische oder verschwörerische Weise aufgezogen. Das führt bedauerlicherweise am Wesentlichen vorbei und hilft weder den Betroffenen noch einer journalistischen Aufarbeitung.

kress.de: Einsatz und Leser- bzw. Zuschauer-Reaktion müssen ja in einem Verhältnis stehen: Wie definieren Sie bei ze.tt den Erfolg eines Beitrags?

Mark Heywinkel: Unsere Videos erscheinen nicht nur bei YouTube und Facebook, wir begleiten sie darüber hinaus auf unserer Website mit mehreren Artikeln, die wir aus Polianas Recherchen gewinnen. Zusätzlich verbauen wir die Dokus in älteren, thematisch verwandten Artikeln, die wir anschließend erneut posten. Der Erfolg eines Videos bemisst sich also nicht nur an den Views, der Watchtime und den Reaktionen unseres Publikums auf den Videoplattformen, sondern auch an den Visits auf die Begleitartikel. Unsere Videostrategie verfolgt vor allem das Ziel, unser Website-Angebot multimedialer und attraktiver zu gestalten.

kress.de: Wie gut sind Ihre Kriegskassen eigentlich gefüllt: Wie viele Langstücke gibt der Redaktionsalltag pro Jahr her?

Mark Heywinkel: Das anderthalbköpfige ze.tt-Videoteam ist mit einem Videobeitrag pro Monat gut ausgelastet. Aus der Recherche für einen Reportage- oder Porträtbeitrag gewinnen wir allerdings mindestens ein weiteres Video, beispielsweise ein Expert*innen-Interview, sowie mehrere Artikel, in denen wir das jeweilige Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Im Optimalfall können wir aus der Recherche für ein Video wöchentlich Content generieren.

"Unsere Zielgruppe ist durch ihren hohen Videokonsum eine moderne, anspruchsvolle Bildsprache gewöhnt."

kress.de: Was macht die Zielgruppe, die sich ze.tt vorgenommen hat – zwischen Schulabschluss und erstem Jobwechsel – eigentlich so anspruchsvoll, aber auch zugänglich für Ihre Art der Themensetzung?

Mark Heywinkel: Unsere Zielgruppe ist durch ihren hohen Videokonsum eine moderne, anspruchsvolle Bildsprache gewöhnt. Damit meine ich nicht, ständig Hard Cuts zu nutzen und vermeintlich lustige Sounds einzuspielen, wie die Junge Union es bei ihrem Format CSYOU etwas tollpatschig getan hat. Sondern die Geschichten in eine eher cineastische Optik zu kleiden. Poliana beherrscht das wunderbar: Sie zeigt ihre Protagonist*innen und die Welt, in der sie zu Hause sind, in authentischen, stilistisch hochwertigen Bildern.

kress.de: Mit welcher Art von Beiträgen füllen Sie auf ze.tt eine Lücke, die bislang in der Medienlandschaft nicht ausreichend bedient wurde?

Poliana Baumgarten: Unsere Chefredakteurin hat für ze.tt eine klare Haltung vorgegeben: Wir stehen für Gleichberechtigung, Feminismus und Inklusion. Unser Claim ist: "Du bist okay so, wie Du bist!" Das zeigt sich in unserem Team und in unserer Berichterstattung. Wir wollen mit unseren Inhalten empowern und Stereotype aufbrechen. Deshalb achten wir bei Text- und Bildsprache auf Diversität, Inklusion und nahezu von Beginn an auch auf geschlechtergerechte Sprache. Das gilt auch für unseren Videobereich. Im Rahmen unserer redaktionellen Möglichkeiten versuchen wir, Themen sichtbar zu machen, die in der deutschen Medienlandschaft noch viel zu oft unsichtbar sind oder als unwichtig erachtet werden.

kress.de: Corona-bedingt melden derzeit vor allem Online-Medien enorme Reichweitenzuwächse. In wie weit kann auch ze.tt vom erhöhten Informations- und Unterhaltungsbedürfnis dieser Tage profitieren?

Mark Heywinkel: Auch bei ze.tt konnten wir im März Traffic-Rekordwerte verzeichnen. Wir liegen momentan bei über 5 Millionen Visits, 3 Millionen Unique Usern und 27 Millionen Page Impressions. Ähnliches können wir für die Gewinnung von Membern unseres im Januar gelaunchten Paid-Membership-Modells "ze.tt gr.een" sagen. Neben unserem allgemeinen Wachstum sind die Gewinne auch darauf zurückzuführen, dass wir die Corona-Krise zielgruppengerecht begleiten. Beispielsweise mit dem Interview mit einer Schülerin, die sich zu den Auswirkungen auf das Abitur geäußert hat (Link) Oder mit Stimmen junger Menschen aus anderen Ländern, die von ihrem neuen Alltag berichteten (Link). Aber auch an unseren Streaming-Empfehlungen und Serien-Kritiken besteh zurzeit großes Interesse. Unser Film- und Serien-Newsletter verzeichnet gerade einen raschen Anstieg an Abonnent*innen (Link).

kress.de: Wie schwer fiel es Ihrer Redaktion, sich in den Abläufen aktuell umzuorganisieren?

Mark Heywinkel: Marieke Reimann hat sehr frühzeitig die Entscheidung getroffen, die Redaktion ins Homeoffice zu verlegen. Das lief ab Tag eins reibungslos, weil wir ein flexibles Team haben, das super auf Umstellungen reagiert. Die Arbeit aus dem Homeoffice ist bei ze.tt aber auch nichts komplett Neues: Den Redakteur*innen steht es bei uns frei – unter Berücksichtigung von Meetings und wichtigen Terminen –, aus dem Homeoffice zu arbeiten. Unsere Infrastruktur lässt das leicht zu.

kress.de: Letzte Frage: Was hat die ze.tt-Mannschaft in Corona-Zeiten über sich selbst gelernt und was davon sollte in hoffentlich bald schon wieder ruhigeren Zeiten unbedingt beibehalten werden?

Mark Heywinkel: So prima ich es finde, dass unsere Kommunikation per Slack, Hangout und Telefon funktioniert – auf die Distanz ist mir einmal mehr aufgefallen: Die ze.tt-Redaktion besteht aus tollen Menschen, die ich gerne bald wieder persönlich wiedersehen mag.

Poliana Baumgarten: Ich kann mich Mark nur anschließen. Ich fühle mich total erleichtert und privilegiert, dass wir von ze.tt die Möglichkeit und das Vertrauen bekommen, einfach von zu Hause weiterarbeiten zu können. Das ist nicht selbstverständlich. Es kann auf Dauer nicht den persönlichen Kontakt zu den Kolleg*innen ersetzen, aber zu wissen, dass wir uns alle vermissen und diesen Kontakt auch wertschätzen, schweißt uns definitiv zusammen.

kress.de-Tipp: Die Langdoku "Wir sind die Nickis" kann man ab sofort hier bei ze.tt und bei YouTube sehen.

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