kress pro-Chefredakteur Markus Wiegand: Warum Demut Medienprofis jetzt hilft

 

Ich arbeite seit 15 Jahren im Medienjournalismus, noch nie waren die Gespräche emotionaler als jetzt. Nie zuvor habe ich auch bei gestandenen Führungskräften so viel Unsicherheit gespürt und gleichzeitig so viel Begeisterung. Nie war das Interesse an Journalismus größer, aber nie war das Geschäft schwieriger. Sechs Entwicklungen, die bleiben.

Vieles im Alltag fühlt sich derzeit unwirklich an. Wie in einem Film, bei dem man hofft, dass die Handlung langsam mal aufs Happy End einschwenken könnte. Ich wohne in Sichtweite der Schweizer Grenze, nur eine halbe Stunde vom Zürcher Hauptbahnhof entfernt. Über Straßen im Wald konnte man bisher die EU-Außengrenze lässig überschreiten. Jetzt sind die kleineren Übergänge dichtgemacht, mancher gar mit einer Panzersperre, wird erzählt. Täglich patrouillieren Hubschrauber entlang der Grenze. Hoffentlich weiß das Virus, dass illegale Grenzübertritte nicht gestattet sind.

Auch im Journalismus fühlt sich vieles ungewiss an. Wenige Tage im März reichten, um alle Planungen komplett über den Haufen zu werfen. Ich arbeite seit 15 Jahren im Medienjournalismus, noch nie waren die Gespräche emotionaler als jetzt. Nie zuvor habe ich auch bei gestandenen Führungskräften so viel Unsicherheit (über die wirtschaftlichen Folgen) gespürt und gleichzeitig so viel Begeisterung (über die Reaktionen der Nutzer). Nie war das Interesse an Journalismus größer, aber nie war das Geschäft schwieriger. Sechs Entwicklungen, die bleiben.

1. Die Menschen vertrauen uns

Die Aufmerksamkeit ist groß, die Verkäufe steigen bei vielen Medien. Wenn es eng wird, vertrauen die Menschen Journalisten und nicht dem Halligalli von Facebook und Co. Die Krise gibt der Medienbranche so ein Stück Berufsstolz zurück. Es zeigt sich auch, dass das populistische Modell des Postfaktischen kraftlos ist. Letztlich entscheiden nicht Parolen und nicht Wünsche. Letztlich entscheiden Fakten. Und die sind das Fundament unseres Geschäfts.

2. Wir können mehr, als wir denken

Wenn jemand noch vor wenigen Wochen behauptet hätte, dass die Medien im deutschsprachigen Raum ihre Newsrooms fast über Nacht schließen müssen und Journalisten einfach aus dem Homeoffice arbeiten, während sie parallel ihre Kinder beschulen oder bespaßen, hätte das wohl kaum jemand für möglich gehalten. Heute wissen wir: Es funktioniert erstaunlich gut. 

3. Wir können Krise

Viele Schwätzer, die meist selbst nie größere Lasten an Verantwortung getragen haben, zeichnen gerne das Bild einer Branche voll von überforderten Führungskräften. Das Gegenteil ist richtig. Obwohl die Einnahmen jahrelang empfindlich zurückgegangen sind, sind die meisten Medien heute besser als früher. Aus bescheidenen Mitteln viel zu machen, ist inzwischen eine Kernkompetenz vieler Medienunternehmen. Ohne diese Fähigkeit wird es auch in Zukunft nicht gehen.

4. Das Tempo nimmt zu

Im Titelgespräch zu dieser Ausgabe sagt Rolf-Dieter Lafrenz, einer der erfahrensten Medienberater des Landes: "Die Krise wirkt wie ein Brennglas." Stetige Entwicklungen wie das Abschmelzen der Vermarktungserlöse werden dramatisch beschleunigt. Damit wird die Zeit für alle knapper, um den Umstieg ins Digitale zu schaffen.

5. Die Achtsamkeit wächst

Kaum ein Gespräch, in dem nicht auch hartgesottene Manager plötzlich persönlich werden und erzählen, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf ihr privates Leben hat. Die Sorge um die Eltern verbindet. "Bleiben Sie gesund" ist die neue Standard-Verabschiedung.

6. Demut hilft

Nicht wenige Menschen in der Branche vermitteln das Gefühl, in ihrer Arbeit ständig überansprucht zu werden. Die Wahrheit ist, dass die große Mehrheit behagliche Schreibtischjobs hat. Viele Menschen, die jetzt plötzlich im Zentrum des Medieninteresses stehen, müssen härter arbeiten für weniger Geld. Ich glaube: Demut kann helfen, durch das alles irgendwie durchzukommen. Demut und Zuversicht.

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kress pro - das Magazin für Führungskräfte in Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

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