Axel Springer-Vorständin Caspar: Ich bin immer noch ganz zufrieden mit den Werbeerlösen

23.04.2020
 

Kaum jemand kann so gut Auskunft darüber geben, wie die Corona-Krise die Medienbranche derzeit trifft, wie Stephanie Caspar: Sie verantwortet bei Axel Springer das deutsche Mediengeschäft und die Digitalvermarktung mit Media Impact. Wie Caspar die Lage bei Springer einschätzt.

"Ich bin gerade wie so viele im absoluten Ausnahmezustand", sagt Stephanie Caspar im OMR Podcast im Interview mit Philipp Westermeyer. "Auch bei mir sind die Übergänge von Beruf und Privatem fließend geworden." Stephanie Caspar ist derzeit die einzige Frau im Vorstand von Axel Springer und ist in einer übergreifenden Rolle für die nationalen Medienmarken, die Digitalvermarktung innerhalb von Media Impact und auch Idealo verantwortlich. "Das ist in manchen Bereichen derzeit eine echte Krise", sagt sie.

Am härtesten getroffen seien die Kleinanzeigen-Geschäfte. Wie in so einer Krise zu erwarten, fehlten dem Job-Portal Stepstone und Springers Immobilien-Portalen aktuell Nutzer und Kunden. "Bei Idealo können wir uns aber vor neuen Kunden gar nicht retten", berichtet Caspar. Als große E-Commerce-Plattform schwimme Idealo in einem ähnlichen Fahrwasser wie Amazon.

Irgendwo zwischen dem Idealo-Hoch und der Stepstone-Niedergeschlagenheit reihe sich das nationale Mediengeschäft ein, angeführt von Bild und Welt. "Wir erleben einen Run auf unsere Marken und das, was unsere Redaktionen produzieren", sagt die Springer-Managerin mit Blick auf Traffic-Rekorde im März. "Ich bin auch immer noch ganz zufrieden mit den Werbeerlösen." Nach erstem Zögern würden Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen wieder bei den Medienmarken Anzeigen schalten - vor allem mit Branding-Statements zur Krise. "Wenn gerade etwas zu holen ist im Werbemarkt, holt sich Bild davon ein großes Stück", erklärt Caspar im OMR Podcast, dem Podcastkanal zu digitalem Marketing.

Im Print-Bereich fällt derzeit zwar das lukrative Bahnhofsgeschäft größtenteils aus. Demgegenüber verzeichne das digitale Paid-Business von Bild und Welt große Zuwächse. Im März 2020 habe sich die Zahl neuer Digital-Abos pro Tag verdoppelt - getrieben durch das große Interesse an Corona-Themen. Vor allem nutzwertige Artikel, die in die Lebenswelt der Nutzer hereinragten, würden viele neue Abonnenten bringen. Zur genauen Zahl abgeschlossener Digital-Abos äußerst sich Caspar im Interview mit Philipp Westermeyer nicht. Einzelne Tage würden Neu-Abonnenten im fünfstelligen Bereich bringen. Das seien aber Ausreißer.

"Nicht nur die Zugänge sind interessant, viel wichtiger ist die Aktivität und was die neuen Abonnenten lesen", sagt Stephanie Caspar. "Es liegt an uns, etwas daraus zu machen. Wir haben jetzt die Chance, dass sich Menschen an unser Produkt gewöhnen und wir Teil ihres Alltags werden." Erste Ergebnisse aus dem März würden zeigen, dass frisch hinzugewonnene Abonnenten in der Corona-Phase keine höhere Kündigungsrate aufweisen, als Nutzer, die in den vorherigen Monaten ein Abo abgeschlossen haben.

Digitale Bezahlinhalte sind aber nur ein Wachstumsbereich, den Caspar im Mediengeschäft ausgemacht hat. Immer wichtiger werde etwa die Verknüpfung von Content mit weiterführenden Customer Journeys in Richtung E-Commerce- und Service-Angebote. Und natürlich sollen neue Video- und Audio-Formate für neue Vermarktungschancen sorgen. Für viel Aufsehen hatte zuletzt ja die Live-Video-Offensive der Bild gesorgt. Seit dem 1. Januar 2020 laufen täglich Live-Formate auf Bild.de. Vor wenigen Tagen hatte das Unternehmen dafür eine Rundfunklizenz erhalten (kress.de berichtete). "Die brauchen wir, weil wir ganz viel ausprobieren wollen", sagt Caspar. "Wir müssen nicht das, was das Fernsehen schon perfektioniert hat, auch noch machen."

In der aktuellen Phase zeige sich, dass der Plan von Bild Live aufgehe, mit bescheidenen Mitteln zu starten. Reporter bekommen iPhones, Gäste werden per Videochat ins Studio geschaltet - auch schon vor Corona. "Ich habe von vielen Fernsehleuten gehört: 'Uh, das ist aber qualitativ nicht gut genug", so Caspar. "Ich habe das eher anders gesehen. Diese Unmittelbarkeit ist irgendwie modern und besonders. Plötzlich machen es alle." Am Ende stehe das Ziel, mit Bild Live auch jüngere Zielgruppen zu erreichen und Geldtöpfe anzuzapfen, die noch im vergangenen Jahr direkt im Fernsehen gelandet wären.

Zur Person: Dr. Stephanie Caspar, geboren 1973, studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Lüneburg. Ihre berufliche Laufbahn startete sie als Unternehmensberaterin bei McKinsey, gefolgt von Stationen bei ebay, unter anderem als Direktorin Strategie, und bei Immobilienscout24 als Mitglied der Geschäftsleitung. 2009 gründete sie den Online-Händler Mirapodo und war dessen Geschäftsführerin.

Seit 2013 ist sie bei Axel Springer beschäftigt. Sie verantwortet als Geschäftsführerin die Welt-Gruppe. Seit 2018 ist sie zusätzlich als Geschäftsführerin übergreifend für den neu geschaffenen Verlagsbereich mit allen Digitalaktivitäten der nationalen Medienmarken und für die Digitalvermarktung innerhalb von Media Impact, Kundenservice und IT verantwortlich. Seit März 2018 ist Stephanie Caspar Mitglied des Vorstands.

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