Ich finde das alles total unglücklich: Christian Drosten kritisiert Kommunikation der Heinsberg-Studie

26.04.2020
 

Chefvirologe Christian Drosten hat in einem Interview die Kommunikation der Heinsberg-Studie bemängelt. Er geht dabei auch auf die Rolle der von Kai Diekmann mitgegründeten Social-Media-Agentur Storymachine ein - und kündigt etwas in eigener Sache an.

"Es hatte vor Ostern diese Pressekonferenz gegeben, und plötzlich war die Botschaft draußen, dass 15 Prozent der Bevölkerung immun sind. Das wurde auch gleich generalisiert. Und es geschah in Anwesenheit von Herrn Laschet, war also schon vollkommen politisch. Aber es gab kein Manuskript mit Daten", sagt Christian Drosten im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Samstagsausgabe) über die Zwischenergebnisse der Heinsberg Studie.

Die Heinsberg-Studie wurde im Vorfeld als richtungsweisend für die Politik gehandelt, die von Kai Diekmann mitgegründete Agentur Storymachine war involviert: Die Berliner Firma kümmerte sich um die Social-Media-Kommunikation auf Twitter und Facebook rund um die Studie des Bonner Virologen Hendrik Streeck zur Verbreitung des Corona-Virus im besonders von der Pandemie betroffenen Kreis Heinsberg. Name des Projekts: "Heinsberg Protokoll". Auftraggeber der Studie war die von CDU-Ministerpräsident Armin Laschet geführte NRW-Landesregierung.

Drosten kritisiert in der SZ die Kommunikation der Heinsberg-Studie: "Ich finde das alles total unglücklich - und ich finde es noch schlimmer, wenn ich dann den Bericht im Wirtschaftsmagazin Capital darüber lese, dass diese PR-Firma Geld bei Industriepartnern eingesammelt hat, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Da geht es auch um ein internes Dokument, demzufolge Tweets und Aussagen des Studienleiters Hendrik Streeck in Talkshows schon wörtlich vorgefasst waren. Da weiß ich einfach nicht mehr, was ich noch denken soll. Das hat mit guter wissenschaftlicher Praxis nichts mehr zu tun. Und es zerstört viel von dem ursprünglichen Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft."

Die Wissenschaft an sich sei erst mal nicht zu kritisieren "auf der momentanen Basis". Es gibt laut Drosten immer noch keine genauen Informationen. Deshalb könne man auch nicht über diese Zwischenergebnisse sprechen.

Derweil tritt Christian Drosten als Experte des erfolgreichen NDR-Infos-Podcast "Coronavirus-Update" weiter kürzer. Die Sendung wird es künftig nur noch zweimal pro Woche geben. Das sagte Moderatorin Korinna Hennig in der 35. Folge des "Coronavirus-Update" vom Freitag. Ursprünglich gab es das Format täglich, dann dreimal wöchentlich.

Drosten liefert die Begründung im Gespräch mit der Süddeutschen: "Am Anfang konnte ich aus dem Nähkästchen plaudern, da habe ich Grundwissen von mir gegeben. Das ist inzwischen nicht mehr so. Ich lese manchmal 40, 50 vorveröffentlichte Studien zur Vorbereitung. Es wird ja jetzt viel mehr argumentiert mit wissenschaftlichen Befunden. Zuletzt, was die Häufigkeit von Antikörpern in der Bevölkerung betrifft, die Hintergrundprävalenz. Da sind jetzt viele kleine Studien herausgekommen, zum Beispiel aus Santa Clara in Kalifornien, zu denen es in etwa hieß: 'Ah ja, wir sind doch mindestens auf dem Weg zur Bevölkerungsimmunität.' Da kann ich nicht sagen: Nee, das glaube ich nicht. Ich muss die Studien lesen und begründen, warum das nicht so ist."

Tipp: Der PR Report hatte zuerst darüber berichtet, dass der Deutsche Rat für Public Relations den Fall des sogenannten Heinsberg Protokolls und die Rolle der Agentur untersuchen wird.

Der PR Report erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Das aktuelle Heft "Das Virus und wir" gibt es in unserem Shop zu kaufen. Chefredakteur ist Daniel Neuen.

Sie möchten Konstruktives über die Medien und Corona, exklusive Storys und aktuelle Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Kress Pro Magazin
2020/#03

Lesen Sie im aktuellen kress pro, dem Magazin für Führungskräfte bei Medien: Was Deutschlands erfahrenster Medienberater Rolf-Dieter Lafrenz jetzt empfiehlt. Dazu: Was die Corona-Krise für die Medienbranche bedeutet.

Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Kress Pro Magazin
2020/#03

Lesen Sie im aktuellen kress pro, dem Magazin für Führungskräfte bei Medien: Was Deutschlands erfahrenster Medienberater Rolf-Dieter Lafrenz jetzt empfiehlt. Dazu: Was die Corona-Krise für die Medienbranche bedeutet.

Inhalt konnte nicht geladen werden.