Verlagsmanagerin Julia Jäkel kritisiert: Plötzlich, in der Krise, sind alle Frauen weg

28.04.2020
 

"Wir Frauen sind so viel weniger weit, als wir es dachten": Julia Jäkel, Chefin des Medienunternehmens Gruner + Jahr, zieht ein düsteres Zwischenfazit nach sieben Wochen Corona-Krise. Das Gebot der Diversität zähle offenbar nur an ruhigen Tagen. Dies bemerkt Jäkel auch in ihrem eigenen Unternehmen.

"Seit Tagen arbeitet es in mir, ich möchte etwas dazu schreiben, aber ich traue mich nicht. Schon immer engagiere ich mich für mehr Frauen in Führung. Nicht immer laut, vor allem versuche ich mich selbst darum zu kümmern", beginnt Julia Jäkel ihren Gastbeitrag in der Wochenzeitung Die Zeit.

46 Prozent der 160 Führungskräfte bei Gruner + Jahr seien Frauen, die Hälfte der Chefredakteure seien -innen, Stellvertreterinnen nicht eingerechnet, so die Vorsitzende der Geschäftsführung. "Wir haben das alle gemeinsam hinbekommen, es ist genauso das Verdienst meiner männlichen Kollegen. 'Unsere' Männer wollen nicht in Monokulturen arbeiten, sondern erfolgreich sein. Und schlaue Frauen ziehen schlaue Männer an und umgekehrt, so einfach kann das manchmal sein", betont Jäkel in der Zeit.

Die Nachricht, dass bei SAP Co-Chefin Jennifer Morgan gehen muss ("die erste Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns") und Christian Klein alleiniger Chef wird, ist für Jäkel der letzte kleine Auslöser gewesen, um einen Text zu schreiben. Es gehe dabei gar nicht um SAP, es gehe um sie.

"Die Corona-Krise, bei der es um Leben und Tod, um ganze Existenzen von Familien und Unternehmen geht, macht offensichtlich, wer in Deutschland wirklich, wirklich entscheidet", wird Jäkel in der Zeit deutlich. Das Gebot der Diversität zähle offenbar nur an ruhigen Tagen. Dies bemerke sie auch in ihrem eigenen Unternehmen. "Mir scheint, dass sich in Zeiten der Krise neue Führungszirkel formieren." Und weiter: "Unser 'Corona-Kreis', den wir direkt nach Ausbruch der Krise flugs installiert hatten und der sich bis vor Kurzem täglich morgens um zehn Uhr zur Videokonferenz traf, ist weniger weiblich als sonst bei uns üblich."

Auch bei einer "großen Telefonkonferenz mit führenden Verlagsvertretern dieses Landes" sei sie die einzige Frau gewesen. "Plötzlich, in der Krise, sind alle Frauen weg", bringt es die 48-jährige Verlagschefin auf den Punkt.

Homeoffice bedeutet für Tausende Frauen gerade vor allem home und wenig office. Das ist für Julia Jäkel auch deshalb bitter, weil jetzt Karrieren gemacht werden. "Und diesen Moment verpassen viele Frauen, weil sie - aus welchen Gründen auch immer - zurückstecken."

Am Schluss ihres Zeit-Beitrags zieht Jäkel ein düsteres Zwischenfazit nach sieben Woche Krise: "Wie das Virus plötzlich unsere Luft klarer macht und den Himmel blauer, so werden auch unsere wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitäten offenbarer. Wir Frauen sind so viel weniger weit, als wir es dachten."

Zur Person: Julia Jäkel, geboren 1971, studierte in Heidelberg, Harvard und Cambridge Geschichte, Politikwissenschaften und Volkswirtschaft. Ihre Karriere begann sie 1997 im Zentralen Nachwuchsprogramm bei Bertelsmann, das sie ein Jahr später zu Gruner + Jahr führte. Ende der 90er-Jahre gehörte sie zum Gründungsteam der "Financial Times Deutschland", 2004 übernahm sie die Verlagsleitung der Brigitte, 2008 die Geschäftsführung von über 20 Zeitschriften und Digitalangeboten. Seit 2013 ist sie CEO.

Julia Jäkel ist Mitglied des Group Management Committees von Bertelsmann und Vorsitzende der Bertelsmann Content Alliance. Diese steuert die Zusammenarbeit aller deutschen Inhaltegeschäfte des Konzerns, von Fernsehen über TV-Produktion, Radio, Buch und Musik bis zu Zeitschriften.

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