Nein, Julia Jäkel, das ist kein Gedöns

 

Julia Jäkel traute sich kaum, ihre Kritik an der "Männerdämmerung" während der Corona-Krise zu Papier zu bringen - aus Sorge, das könne wie "Gedöns" wirken. Eine Replik und Ermunterung von Anna von Garmissen.

"Plötzlich, in der Krise, sind alle Frauen weg", schreibt Julia Jäkel in ihrem gestern in der "Zeit" erschienenen und bei kress.de zusammengefassten Gastbeitrag. Die Gruner+Jahr-Chefin lenkt den Blick auf eine eklatante Begleiterscheinung der Corona-Pandemie: Das Virus rüttelt ein paar Wochen lang am mühsam justierten System unserer gesellschaftlichen Arbeits- und Lebensstrukturen - und schon ist die Fassade der weiblichen Macht- und Führungsbeteiligung weggebröckelt. "Die Corona-Krise", bringt Jäkel es auf den Punkt, "macht offensichtlich, wer in Deutschland wirklich, wirklich entscheidet. Wie die realen Strukturen sind. Und dass das Gebot der Diversität offenbar nur an ruhigen Tagen zählt."

Die Gruner+Jahr-Chefin ist nicht die Erste, die sich in dieser Debatte mit einem klugen Beitrag zu Wort meldet. Doch ihre Stimme als CEO eines der größten Verlage in Europa mit einem Umsatz von 1,4 Milliarden Euro in 2019 hat ohne Zweifel besonderes Gewicht. Natürlich ist es sinnvoll und gut, dass Autorinnen wie Jana Hensel ("Die Krise der Männer") und Soziologinnen wie Carolin Wiedemann ("Die Krise ist die Bühne des Patriarchats") den Blick auf die derzeitige "männliche Expertendämmerung" lenken und etwa darauf hinweisen, dass Einreichungen von Männern bei wissenschaftlichen Zeitschriften in den vergangenen Wochen um 50 Prozent gestiegen sind, während Wissenschaftlerinnen "quasi überhaupt keine Texte mehr vorlegen".

Doch befürchte ich, dass diese wichtigen Beiträge - die genannten Beispiele sind im Gesellschaftsteil der "Zeit" und im Kulturressort des "Tagesspiegels" erschienen -  womöglich nur diejenigen erreichen, die sich der Problematik ohnehin schon bewusst sind. Es ist daher von besonderer Bedeutung, dass Top-Managerinnen wie Julia Jäkel, die frühere Siemens-Vorständin Janina Kugel oder Mozilla-Innnovationschefin Katharina Borchert die Debatte um Diversität, Gleichstellung und Vielfalt immer wieder sozusagen aus dem Feuilleton heraus ins reale Wirtschaftsleben holen, denn dort gehört sie hin. 

Wie schwierig dieser Weg offenbar auch für Führungsfrauen der ersten Riege ist, zeigt sich schon in den ersten Zeilen des "Zeit"-Beitrags von Julia Jäkel. "Seit Tagen arbeitet es in mir, ich möchte etwas dazu schreiben, aber ich traue mich nicht", schreibt da die G+J-Chefin, die Verantwortung für rund 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trägt und durchaus Kritik an ihren nicht immer populären Entscheidungen gewohnt ist. "Es ist ernst. Alles andere, so dachte ich einige Wochen lang, wirkt daneben wie "Gedöns". Die Gefahr, dass man mich missverstehen könnte, schien mir zu groß."

Nein, es ist kein Gedöns. Wenn plötzlich fast nur noch männliche Experten in TV und Radio erklären, wie die Krise zu meistern ist. Wenn ein Großteil der Mütter von heute auf morgen rund um die Uhr die Kinder beschäftigt, bekocht und beschult, während ihr "Homeoffice" sich in die Abende, Nächte und Wochenenden verschiebt. Wenn Frauen mit ihrem rund 75-prozentigen Anteil an systemrelevanten Beschäftigten die Gesellschaft am Laufen halten, aber nur 30 Prozent der Führungspositionen in Deutschland besetzen und damit unter dem EU-Durchschnitt liegen.

Dabei ist eines klar: Die Ungleichheit kommt nicht durch die Corona-Krise zustande. Ihre Konturen treten nur schärfer hervor als sonst. Gerade in der Medienbranche, die sich gerne aufgeklärt, liberal und vielfältig gibt, ist die Gleichstellung von Frauen und Männern noch lange nicht erreicht. Das zeigen unter anderem die beiden Studien, die ich 2018 und 2019 als Projektleiterin für den Verein ProQuote Medien verantworten durfte. Vor gut einem Jahr haben wir nachgezählt, wie das Verhältnis von Männern und Frauen in den Chefredaktionen der deutschen Regionalzeitungen aussieht. Das Ergebnis war desaströs: Bei 100 Zeitungen gab es gerade mal acht Chefredakteurinnen. Drei von ihnen waren Teil einer männlich-weiblichen Doppelspitze.

Auch bei den sogenannten Leitmedien ist noch ein weiter Weg zu gehen. Seit 2012 erfasst ProQuote Medien jedes halbe Jahr die redaktionellen Führungsebenen in acht großen Redaktionen - von der obersten Chefredaktion bis hinunter zu den stellvertretenden Ressortleitungen. Wie hat sich der Frauenmachtanteil bei "Bild", "FAZ", "Focus", "Spiegel", "Stern", "SZ", "Welt" und "Zeit" seither entwickelt? Sie ahnen es: Der Durchschnitt liegt bei 29 Prozent (Stand: Januar 2020). Und das ist schon ein Erfolg: Zu Beginn der Zählungen im Jahr 2012 waren es nur 13,7 Prozent. Übrigens liegt Gruner+Jahr's "Stern" mit 53,1 Prozent weiblicher Machtbeteiligung einsam an der Spitze des Rankings - ja, das ist möglich.

Genauso wie die männlichen Führungszirkel existiert auch das überwiegend männliche Expertentum nicht erst seit der Corona-bedingten Dauerpräsenz von Virologen. Schon 2017 stellte die sogenannte "Furtwängler"-Studie der Medienprofessorin Elizabeth Prommer fest, dass hauptsächlich Männer im TV die Welt erklären, während Frauen ab einem Alter von 30 Jahren sukzessive von der Bildfläche verschwinden. Ähnliche Stereotype fand Prommer im vergangenen Jahr bei einer Untersuchung der Video-Plattform YouTube.  

Es bleibt also viel zu tun - nicht nur für die Vorzeigeführungsfrauen, die sich immer wieder als Vorkämpferinnen und Diskurssetzerinnen betätigen müssen, sondern für uns alle. Auch kress.de hat - unbeabsichtigt - die Selbstreproduktion der männlichen Expertenvorherrschaft unterstützt, sich dann jedoch bewusst auf die Debatte eingelassen und will nun mehr weibliche Akzente setzen, was in der Branche durchaus auf Beachtung stößt und sich auch in diesem Beitrag niederschlägt. Die Medien müssen sich darüber klar werden, was auf dem Spiel steht, wenn Frauen aus dem öffentlichen Radar verschwinden. Und sie müssen aktiv dagegen angehen.

Zur Person: Anna von Garmissen ist freiberufliche Journalistin mit dem Schwerpunkt Medien und Kommunikation. Sie ist Bildungsbeauftragte beim Deutschen Journalisten-Verband NRW und Projektleiterin Gender-Monitoring-Studie 2018/19 bei ProQuote Medien. Früher wirkte sie als "Journalist"-Chefredakteurin.

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