Merkwürdige Stille zwischen Relotius und Moreno

 

Mit Hilfe von Medienanwalt Christian Schertz war Claas Relotius im Herbst öffentlichkeitswirksam gegen Juan Moreno vorgegangen. Danach ist es monatelang merkwürdig ruhig geblieben. Ein Bericht aus der März-Ausgabe von kress pro.

Im Herbst war dem mutmaßlichen Fälscher Claas Relotius ein echter Coup gelungen. Der Ex-"Spiegel"-Journalist hatte den Spieß einfach umgedreht und Aufdecker Juan Moreno ziemlich alt aussehen lassen. Über die "Zeit" ließ er der verdutzten Öffentlichkeit im Oktober ausrichten, dass er "keine Falschbehauptungen" von Juan Moreno hinnehmen müsse. Moreno hatte zuvor ein Buch mit dem Titel "Tausend Zeilen Lüge" im Rowohlt Berlin Verlag veröffentlicht, das schildert, wie Moreno Relotius als Hochstapler entlarvt und an der ein oder anderen Stelle auch über Relotius' Motive und seine Persönlichkeit spekuliert. Relotius forderte den Verlag auf, verschiedene Aussagen in dem Buch zu unterlassen.

Vor dem Manöver hatte er seinen Anwalt ausgewechselt. Zunächst hatte Michael Philippi (Kanzlei Unverzagt von Have) die Interessen von Relotius vertreten und war in der Öffentlichkeit betont defensiv aufgetreten. Bei der Gegenattacke im Herbst trat plötzlich Christian Schertz im Namen von Relotius auf. Er gilt als einer der schärfsten Anwälte im Geschäft, der in der Vergangenheit nicht gerade dadurch aufgefallen ist, dass er die Öffentlichkeit in beruflichen Angelegenheiten sehr angestrengt meiden würde.

Der Rowohlt Berlin Verlag wies die Vorwürfe und das Unterlassungsbegehren schon im Oktober empört zurück und sah darin "den Versuch, mit Randfragen und Nebenschauplätzen den Reporter Moreno zu diskreditieren".

Seit der Offensive von Relotius sind mehr als vier Monate vergangen. Kress Pro hat den Relotius-Anwalt Christian Schertz gefragt, ob er inzwischen gegen die strittigen Stellen im Buch geklagt hat. Der Anwalt erkundigte sich zwar per Mail, "für welches konkrete Magazin" man die Anfrage stelle, antwortete aber anschließend nicht. Der Rowohlt Berlin Verlag sah ebenfalls keine Veranlassung, "erneut Stellung zu nehmen". Informell lässt sich aber in Erfahrung bringen, dass der Buchverlag von juristischen Schritten gegen das Buch bisher nichts weiß. Es wird weiter munter verkauft, inklusive der angeblichen Falschbehauptungen. Menschen, die sich als Medienopfer sehen, haben im Wesentlichen zwei juristische Mittel, um sich zu wehren. Sie können versuchen, per Eilantrag eine einstweilige Verfügung gegen eine Veröffentlichung zu erwirken. Bei groben Verletzungen ist das oft das erste Mittel der Wahl, um schnell dafür zu sorgen, dass die Berichterstattung gestoppt wird. Zudem kann man gegen die Veröffentlichung klagen, um sie dauerhaft zu verbieten.

Kress Pro hat bei den Landgerichten in Hamburg, Köln, Berlin und München nachgefragt, die im Presserecht am häufigsten frequentiert werden. Das Ergebnis: Bisher ist dort keine Klage oder ein Eilantrag gegen den Rowohlt Berlin Verlag eingegangen. Theoretisch könnte Schertz auch zu einem anderen Gericht gegangen sein, das wäre allerdings ungewöhnlich. Schertz hat noch bis Ende 2022 Zeit, für Relotius eine Klage einzureichen. Die Frist für eine einstweilige Verfügung wäre wohl verstrichen. Schließlich ist das Buch schon seit Mitte September im Handel.

Im Ergebnis, wie die Juristen gern sagen, kann man also festhalten: Sollten Schertz und Relotius gerichtlich gegen das Moreno-Buch vorgegangen sein, haben sie dies bisher sorgsam verborgen. Dabei hatte Schertz in einem Interview mit dem Radio-eins-Medienmagazin Ende Oktober keinen Zweifel gelassen, dass er klagen will: "Ich würde gerne für den Mandanten in einem Hauptsacheprozess mit sehr vielen Zeugen aufklären - die wir auch benennen werden und die dann auch aussagen müssen, das werden dann auch Personen vom Spiegel sein - wie es sich denn tatsächlich mit den Behauptungen von Moreno verhält." Eines ist sicher: Sollte es dazu kommen, wäre für beste Unterhaltung gesorgt.

Der Text ist in kress pro-Ausgabe 2/2020 (seit Mitte März auf dem Markt) erschienen. Neben dem Titelinterview mit dpa-Chef Peter Kropsch gibt es darin ein Ranking über die mächtigsten Strippenzieher in der Medienpolitik, ein Gespräch mit Joyn-Chefin Katja Hofem und ein Case über das erfolgreiche Magazin "Zeit Verbrechen". Sie können die kress pro-Ausgabe in unserem Shop kaufen.

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