Köpfe-Interview: Warum Daniel Sponsel Dokumentationen im Netz im Aufwind sieht

 

Über 120 Filme aus 42 Ländern kurzerhand ins Netz gehievt: Daniel Sponsel, Geschäftsführer des Münchner Dok.fests, das noch bis zum 26. Mai läuft, hat in Krisenzeiten rasch reagiert. Vom aktuellen Netflix-Amazon-Streaming-Boom profitieren auch Dokus und Dokumentarfilme, wie er im Köpfe-Interview sagt.

kress.de: Die haben das diesjährige Dok.fest München Corona-bedingt nicht ausfallen lassen, sondern im Hauruck-Verfahren das Festivalprogramm ins Internet verlegt - mit Verhandlungen bis zur letzten Minute vor dem Auftakt. Wie viele Liter Schweiß flossen bei Ihnen und in Ihrem Team, bis Sie die Deals mit Partnern, Filmkreativen und nicht zuletzt den Technikern ansatzweise unter Dach und Fach bekamen?

Daniel Sponsel: Schweiß ist bei unserer Art von Arbeit eher weniger im Spiel... Es war eine wirklich intensive Zeit, mit zum Teil völlig neuen Aufgaben für das Team. Und das ganze auch noch unter den aktuellen Bedingungen, also dezentral organisiert, durch Telefonate und Videokonferenzen. Ich bin selber ganz beeindruckt, dass wir das so gut gestemmt haben.

"Je nachdem wie lange die Beschränkungen für Veranstaltungen noch gelten, werden wir möglicherweise nicht das letzte Festival sein, das in einer Online-Edition stattfindet."

kress.de: Eine Lehre der Corona-Zeiten ist ja: Vieles, was vorher kaum denkbar war, scheint plötzlich doch möglich. Wird es nun nur mehr digitale Videofestivals geben, weil man sich so ja bequem die Welt ins eigene Wohnzimmer holen kann?

Daniel Sponsel: Je nachdem wie lange die Beschränkungen für Veranstaltungen noch gelten, werden wir möglicherweise nicht das letzte Festival sein, das in einer Online-Edition stattfindet. Die Filme zuhause sehen zu können, bietet für viele auch große Vorteile. Wir hoffen dennoch alle sehr, dass wir zeitnah zurückkehren können in die Kinos, das gilt nicht nur mit Blick auf die Festivals.

kress.de: Die Zahl der Filmemacher, die sich auf die Online-Version des Dok.fests München einlassen, ist erfreulich hoch. Spiegelt diese Resonanz den hohen Druck in der Dokumentarfilmbranche wider, sich Gehör und Publikum zu verschaffen?

Daniel Sponsel: Der Dokumentarfilm hat es ja oft nicht ganz einfach, im großen Rahmen gesehen zu werden. Das hat weniger mit der Qualität der Filme zu tun, sondern mit der Sichtbarkeit, konkret den Mitteln, Werbung und Promotion für diese Filme machen zu können. Der Druck ist hoch, wir haben aktuell ja keine Wahl, entweder die Filme sind online zu sehen oder gar nicht.

"Die Neugierde und Aufmerksamkeit für unsere einzigartigen Filme im Netz ist hoch."

kress.de: Streaming-Dienste, allen voran Netflix, gelten schon jetzt als die großen Gewinner der unfreiwilligen neuen Home-Office- und Home-Cinema-Welt. Erhöht diese Sonderkonjunktur Ihre Chancen, auch mehr anspruchsvolle Dokumentarfilme und nicht-fiktionale Inhalte bei den Netz-Marktriesen unterbringen zu können?

Daniel Sponsel: Ja, die Neugierde und Aufmerksamkeit für unsere einzigartigen Filme im Netz ist hoch, wir spüren jetzt schon, dass dies auch eine wirkliche Chance für die Filme ist, ein neues Publikum zu bekommen.

kress.de: Vor allem die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sind ja üblicherweise wichtige Partner für Dokumentarfilmer. Sehen Sie in Zeiten, in denen das Bedürfnis nach Information, solide Faktischem, aber auch aufklärerischer Unterhaltung zu steigen scheint, dass sich für die Produzenten und Filmemacher Ihrer Branche Türen neu öffnen?

Daniel Sponsel: Der Dokumentarfilm hat in den letzten Jahren einen enormen Zuspruch von Seiten des Publikums erfahren, weil er tatsächlich als eine Art Schule des Sehens viele Fragen, die wir uns alle stellen, ein wenig einordnet und sinnlich narrativ beantwortet. Neue Türen, hinter denen auch Möglichkeiten stehen, die Produktionen zu stärken, gehen leider nicht wirklich auf.

"Die Balance in der Medienlandschaft ist zunehmend in Schieflage geraten, Sportrechte und TV-Shows schlucken den Großteil der Produktionsmittel der Sender."

kress.de: Es wird derzeit viel nach staatlicher Unterstützung und einer Neubewertung bzw. echter Anerkennung des Kulturauftrags gerufen. Was wären aktuell Ihre wichtigsten Forderungen?

Daniel Sponsel: Die Balance in der Medienlandschaft ist zunehmend in Schieflage geraten, Sportrechte und TV-Shows schlucken den Großteil der Produktionsmittel der Sender. Es wäre nicht nur zu wünschen, sondern dringend nötig, dass Dokumentarfilme in jeder Phase ihrer Entstehung eine substanziellere Basis bekommen.

kress.de: Recherchieren, produzieren, TV- und filmjournalistisch Arbeiten lebt vom Austausch vor Ort: Wie große Sorgen machen Sie sich schon um den Material-Nachschub für die Zeit nach dem Festival und fürs nächste Jahr?

Daniel Sponsel: Interessanter Gedanke, aber vielleicht sind die Geschichten vor der eigenen Haustür auch erzählenswert. Vielleicht bekommen wir mehr Einreichungen von Filmen aus der ganzen Welt, die sich jeweils mit den Menschen vor Ort befassen.

kress.de-Tipp: Die Filme des Dok.fest München @home können deutschlandweit hier gestreamt werden.

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