Im Moment regiert auf dem Werbemarkt Panik: Was waipu.tv-Chef Christoph Bellmer im Köpfe-Interview jetzt rät

 

Streaming-TV zählt zu den Gewinnern in Corona-Zeiten: Christoph Bellmer, CEO des Glasfaser-Unternehmens Exaring AG und Geschäftsführer der Plattform waipu.tv, rät im Köpfe-Interview dazu, sich nicht kirre machen zu lassen. Er erklärt, warum nun genau die richtige Zeit sei, wieder TV-Werbung zu schalten.

kress.de: Herr Bellmer, niemand möchte dieser Tage zynisch klingen. Aber haben Sie schon mal für sich ausgerechnet, welchen Mediawert der aktuelle Praxis-Belastungstest als Werbekampagne für schnelles Internet-Fernsehen gehabt hätte?

Christoph Bellmer: Die aktuelle Situation, die viele Familien zwingt, zu Hause zu bleiben, ist natürlich geeignet, die Vorteile von waipu.tv zu transportieren. Die Möglichkeiten von waipu.tv passen besser denn je zum Bedarf: Verschiedene Familienmitglieder konsumieren gleichzeitig auf verschiedenen Endgeräten in verschiedenen Räumen. Wir sehen eine erhebliche Steigerung der Nutzungsintensität je Kundenaccount. Dank der Qualität unserer Software - übrigens ausschließlich "made in Germany" - und unserer Glasfaserinfrastruktur ist die Qualität und Zuverlässigkeit auch in diesen Tagen vollständig unkompromittiert. Wir haben uns außerdem sehr bemüht, in diesen Wochen neben den TV Sendern weitere interessante Inhalte beizusteuern. Besonders für Eltern ist die Situation sehr schwer. Viele arbeiten im Homeoffice und müssen gleichzeitig ihre Kinder betreuen und beschäftigen. Also haben wir auch zahlreiche hochwertige Inhalte für Kinder und Jugendlich ergänzt, die jederzeit abgerufen werden können. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, haben wir außerdem die Aktion: "Unser Geschenk für die Zeit zu Hause", mit drei kostenlosen Monaten für unser Perfect-Paket ins Leben gerufen. Wir haben dafür sehr viel positives Feedback von den Nutzern bekommen. Und manche von diesen Nutzern werden - so das Kalkül - vielleicht auch nach der kostenlosen Corona-Zeit bei uns bleiben.

kress.de: Das Bedürfnis, sich umfassend zu fast jeder Tageszeit zu informieren und sich mit Arbeitskollegen, Bekannten und Freunden zu vernetzen, dürfte auch für Ihr Unternehmen messbar enorm gestiegen sein. Wie hat sich das Nutzerverhalten bei Ihren Angeboten konkret verändert?

Christoph Bellmer: Der Informations- und Kommunikationsbedarf in der Krise hat sich deutlich erhöht. Insbesondere seriöse Nachrichtensendungen erleben einen Boom. Wir haben diesen Boom deutlich im Nutzungsverhalten unserer Kunden bemerkt. Die Nutzungszeit je Kunden ist allein im März um 32% gestiegen. Die Nutzung von Nachrichtenformaten stieg im gleichen Zeitraum um 200% und die Nutzung in der Zeit von 9:00-13:00 Uhr um 170%. Die gleichzeitige Nutzung verschiedener Programme um über 300%. Viele Menschen entdecken das Qualitäts-Medium Fernsehen gerade in Zeiten von Corona und teilweise faktenbefreiten "Fake News" im Internet und den sozialen Medien verstärkt für sich.

kress.de: Wie viele neue Abonnenten konnten Sie seit Krisenbeginn neu für Ihre Angebote gewinnen?

Christoph Bellmer: Unser Wachstum verläuft stetig und erfreulich, seit wir 2016 in den Markt eingetreten sind. Seit Beginn der Corona Krise hat sich vor allem die Nutzung je Kunde deutlich verstärkt. Einen direkt in Korrelation stehenden Wachstumseffekt stellen wir nicht fest. Eher einen "ATL"-Effekt für die Gattung Internetfernsehen, der uns perspektivisch sicher im Wachstum hilft.

"Wir sind der Überzeugung, dass VOD-Streaming-Angebote und TV-Streaming-Angebote sich hervorragend ergänzen und gegenseitig befruchten."

kress.de: Streaming-Angebote boomen. Gleichzeit scheint auch das lineare Fernsehen einen zweiten Frühling zu erleben. Wie passen für Sie beide Tendenzen unter einen Hut?

Christoph Bellmer: Wir sind der Überzeugung, dass VOD-Streaming-Angebote und TV-Streaming-Angebote sich hervorragend ergänzen und gegenseitig befruchten. Viele Kundenbefragungen die wir durchgeführt haben, bestätigen dies auch. Die meisten Nutzer suchen neben der fiktionalen Film- und Serienwelt auch Inhalte aus der realen Welt wie Nachrichten, Reportagen, Dokumentationen und auch live Shows oder Sport Events. Oder Klassiker, wie den "Tatort" am Sonntag. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass viele Nutzer über den Zugang zu Netflix oder Amazon Prime, die Vorteile der Bewegtbild-Unterhaltung über die Internet-Technologie zu schätzen gelernt haben. Der TV-Empfang über das Internet bietet sämtliche Innovationen, die man aus der digitalen Welt kennt: Nutzung auf allen Geräten, in verschiedenen Räumen, ohne Verkabelung und ohne Settopbox, zu Hause und unterwegs, individuelle Anpassung an die eigenen Sehgewohnheiten, gleichzeitige Nutzung durch mehrere Familienmitglieder, zeitverzögerte Wiedergabe, Speicherung von Sendungen in der Cloud und vieles andere mehr. Viele Kunden, die bislang über ihren Kabel- oder Satelliten-Anschluss ferngesehen haben, waren von den Innovationen der Internet-Technologie bislang ausgeschlossen. Der Kabel- oder Satellitenkunde hat zwar inzwischen mehr TV-Sender zur Auswahl als vor 20 Jahren, die Nutzbarkeit und der Bedienkomfort sind in dieser Zeit aber weitgehend stehengeblieben. Das war für das Medium Fernsehen natürlich nicht förderlich. Durch den Markteintritt von Netflix & Co. hat hier ein breites Umdenken begonnen. Die Nutzer entdecken die Vorteile der neuen Technologie immer mehr für sich, und da wird es immer selbstverständlicher, auch das Fernsehen über eine Internet TV-Plattform zu genießen.

kress.de: Zumindest zu Beginn der fast flächendeckenden Ad-hoc-Umstellung auf ein Arbeits- und Privatleben mit Homeoffice-Arbeiten und Videokonferenzen war von der Gefahr einer Überlastung der Netze zu hören. Wie viele Extraschichten mussten Ihre Teams im "Maschinenraum" fahren?

Christoph Bellmer: Das Exaring-Team hat fantastisch gearbeitet – trotz der deutlich gestiegenen technischen Last haben alle Kunden die bekannte Zuverlässigkeit auch in den letzten Wochen ohne Einschränkung erlebt. Die Exaring AG betreibt ein eigenes, über 13.000 km langes, Glasfasernetz in Deutschland. Damit lenken wir unser TV-Signal vorbei an den zeitweise überlasteten Internetknoten und erreichen eine Qualität und Zuverlässigkeit, die selbst das gute alte Kabelfernsehen übertrifft. waipu.tv nutzt das Glasfasernetz exklusiv für die TV-Übertragung. Das Netz muss nicht noch parallel Videokonferenzen oder andere Datendienste übertragen. Das ist einzigartig und sorgt für kompromisslose Qualität und Zuverlässigkeit.

"Für Veränderungen braucht es immer einen guten Grund. Für Veränderungen an langjährigen Gewohnheiten einen sehr guten Grund."

kress.de: Deutschland erlebte zuletzt notgedrungen einen Crash-Kurs für alle Digitalisierungsverspätete. Wenn Sie nach links und rechts blicken: Warum sind die Nachholpflichten vor allem im Bildungsbereich oder in der modernen Verwaltung Ihrer Meinung nach so hoch?

Christoph Bellmer: Für Veränderungen braucht es immer einen guten Grund. Für Veränderungen an langjährigen Gewohnheiten einen sehr guten Grund. Auch wenn der Breitbandausbau in Deutschland sicher Nachholbedarf hat: Viel häufiger als an technischer Bandbreite fehlt es an Knowhow und Konsequenz. Entscheidungsträger, die es über Jahre gewohnt sind, größtenteils analog zu arbeiten, fehlt es einfach an Phantasie und Wissen, wie sie die digitalen Werkzeuge nutzbringend in ihre Prozesse einbinden können. Sicherlich spielt neben Unkenntnis nicht selten auch Angst vor der Veränderung eine Rolle. Aus eigenem Erleben im direkten Umfeld zwei Beispiele: Ein Gymnasium braucht für seinen Abiturjahrgang kaum drei Wochen, um nach dem Lockdown "aus dem Nichts" einen sehr ordentlichen digitalen Unterricht mit Live-Video, Chat Plattform, Arbeitsgruppen, Lehrersprechstunde etc. bereitzustellen. Obwohl natürlich nicht alles perfekt funktioniert: Alle Beteiligten, inklusive der Schüler sind sehr zufrieden. Ein anderes Gymnasium (in einem anderen Bundesland) fängt vor lauter Bedenken gar nicht erst an. Es könnte ja sein, dass der ein oder andere Schüler benachteiligt würde. In Konsequenz fällt die Schule für Wochen vielleicht Monate komplett aus. Die objektiven Voraussetzungen (Breitbandausbau) sind in beiden Fällen gleich. Der Unterschied ist im Kopf bzw. in den Köpfen.

"Der Anfang der Vermarktung war mühsam. Auch in der Werbeindustrie spielen (analoge) Gewohnheiten eine starke Rolle. Der Knoten beginnt aber zu platzen. Wir sehen - trotz der aktuellen Corona Phase - gutes Wachstum."

kress.de: Ihr Angebot waipu.tv setzt neben den Abo-Erlösen auch auf Vermarktungsumsätze. In wie weit erleichtert die neue Aufmerksamkeit für Internet-basierte Fernsehnutzung ihren Verkaufteams wichtige neue Argumentationshilfen?

Christoph Bellmer: waipu.tv liefert nicht nur Internet-basiertes Fernsehen. Wir liefern Addressable TV in absolut innovations-führender Version: Wie im Online-Bereich werden bei waipu.tv Pre-, Mid, Postrolls targeted und performance-basiert verarbeitet. Die Werbepause im Live-Stream lässt sich framegenau gemäß der Logiken im Online-Bereich je Nutzer individuell ausspielen. Darüber hinaus haben wir unsere "NewTV"-Plattform entwickelt. Hiermit können Anbieter von VOD-Inventar vollautomatisch TV-Sender produzieren und durch Werbevermarktung finanzieren, Beispiele sind BildTV, ADAC TV u.v.a.m. Wir stellen unser gesamtes Inventar programmatisch über alle wesentlichen SSPs bereit. waipu.tv findet bei unseren Kunden zu über 80% auf dem TV-Gerät ("Big-screen") statt. Das ist das zweite wesentliche Argument für unsere Verkauf-Teams. Der Anfang der oben beschriebenen Vermarktung war mühsam. Auch in der Werbeindustrie spielen (analoge) Gewohnheiten eine starke Rolle. Der Knoten beginnt aber zu platzen. Wir sehen - trotz der aktuellen Corona Phase - gutes Wachstum.

"Der Werbemarkt ist ohnehin zyklisch – im Moment regiert aber die Panik."

kress.de: Dennoch: Die Werbezurückhaltung der großen Unternehmen und Marken wirkt sich jetzt schon drastisch aus. Warum lassen sich Medienangebote, die ja teilweise Rekord-Reichweiten erzielen, derzeit nicht angemessen vermarkten?

Christoph Bellmer: Der Werbemarkt ist ohnehin zyklisch – im Moment regiert aber die Panik. Das ist nicht rational und ich bin sicher, die Lage wird sich auch bald wieder normalisieren. Je nachdem wie stark die kommende Rezession ausfällt, wird es aber dauern, bis die alten Niveaus wieder erreicht werden. Wer sich traut, antizyklisch zu handeln, kann in diesen Wochen gute Werbewirkung erzielen. Wir haben für waipu.tv im April eine TV-Kampagne auf den Sender der Mediengruppe RTL und ProsiebenSat.1 gefahren. Seit Anfang Mai legen wir eine nationale Out-of-home-Kampagne nach. Wir sehen das als tolle Chancen.

kress.de: Wie "digital" muss man sich eigentlich das Arbeiten unter Corona-Sonderbedingungen in einem Digitalunternehmen wie Ihrem vorstellen?

Christoph Bellmer: Die meisten Bereiche bei waipu.tv arbeiten voll digital. Wir haben das große Glück, dass unsere Mitarbeiter auch schon vor der Corona-Krise gewohnt waren, mit unterschiedlichsten digitalen Tools zu arbeiten. Es gab deshalb auch keinen Wechsel für uns. Lediglich sind wir vorübergehend ins Homeoffice gewechselt. Natürlich gibt es im Unternehmen Bereiche, die ihre Arbeit nicht ganz wie gewohnt durchführen können - zum Beispiel die Werbevermarktung, die keine Partner, oder der Vertrieb, der keine Shops besuchen kann. Aber das sind die einzigen Ausnahmen. Was aber mir und vielen Kollegen fehlt: der persönliche Kontakt. Insofern bin ich froh, wenn wir bald wieder auf normalen Bürobetrieb umschalten können.

kress.de: Letzte Frage: Kommt man als Fernsehunternehmen eigentlich noch selbst zum fernsehen. Mit welchen Programmen kommen Sie durch den Feierabend?

Christoph Bellmer: Natürlich! Ich liebe Fernsehen und teste und benutze waipu.tv jeden Tag. Mein Fernsehabend beginnt normalerweise mit den Regionalnachrichten auf München-TV (Time Shift) und geht dann mit dem heute-journal oder den Tagesthemen weiter. Je nachdem, wie anstrengend der Tag war, schaue ich mir danach von meinem Cloud-PVR eine Folge von Danni Lowinski, Magnum, Hubert & Staller, eine Doku oder einen Film aus der waiputhek an.

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