Spotlight-Chefin Gosia Schweizer: Der tägliche Spagat zwischen Arbeit und Familienleben inklusive Home-Schooling raubt den letzten Nerv

 

Ihren Job als neue Geschäftsführerin beim Fremdsprachen-Magazinspezialisten Spotlight aus dem Zeit-Verlag hatte sie eben erst angetreten, dann musste sie alle Mitarbeiter ins Homeoffice schicken. Gosia Schweizer berichtet, wie sie die Einarbeitung trotz Corona in den Griff bekam, was sie anderen Führungskräften rät - und wie ihr Haus Fernweh akut stillt.

kress.de: Frau Schweizer, die berühmten 100 Tage im neuen Amt haben Sie hinter sich gebracht. Üblicherweise ist das ja eine Wegmarke, an der man erst einmal ein wenig durchatmen könnte. Dann kam Corona. Wie steuert man einen Verlag im Ausnahmemodus, den man selbst erst gerade kennengelernt hatte?

Gosia Schweizer: Mein erster Tag im Büro war der 3. Februar. Ab dem 18 März haben alle Mitarbeiter im Home-Office gearbeitet. Ich hatte nicht viel Zeit, um alle und alles kennenzulernen, aber ich habe es zumindest geschafft, mit jedem Teammitglied persönlich zu sprechen, mich mehrmals mit jeder Führungskraft auszutauschen und meine Kollegen bei der Zeit Verlagsgruppe in Hamburg kennen zu lernen. Im Lockdown haben sich vor allem zwei Führungsprinzipien, an die ich fest glaube, ausgezahlt: Transparenz und Empowerment. Mir war es vom ersten Moment an wichtig, allen Mitarbeitern klar zu kommunizieren, wo wir stehen, dann habe ich aber darauf vertraut, dass alle ihr Bestes geben. Und das ist auch so gewesen.

kress.de: Auch im sorgenvollen Durcheinander kehrt ja nach einiger Zeit so etwas wie Routine ein. Wie schwer war es denn, den richtigen Weg für das Arbeiten in Ihrem Haus zu finden?

Gosia Schweizer: Ich habe in den letzten 2,5 Jahren überwiegend im Home-Office gearbeitet, deswegen ist das für mich weniger schwierig als für viele andere. Allerdings sind jetzt auch meine Kinder, die normalerweise im Kindergarten sind, zuhause. Die Tage wurden länger, die Abstimmung mit meinem (auch voll berufstätigen) Mann und unserer Kinderfrau, wer wann die Kinder betreut, detaillierter, und die Wochenenden voller Arbeit. Aber auch wenn das Mittagessen nicht jeden Tag frisch gekocht ist und die Kids am Abend manchmal auch mehr als nur einen Zeichentrickfilm sehen dürfen, damit ich meine letzte Videokonferenz noch zu Ende führen kann, bin ich sehr zufrieden, wie gut wir es meistern.

"Ich glaube, langsam fällt den meisten von uns die Decke auf den Kopf"

kress.de: Wo hakt es aktuell noch stark?

Gosia Schweizer: Ich glaube, langsam fällt den meisten von uns die Decke auf den Kopf: Der tägliche Spagat zwischen Arbeit und Familienleben inklusive Home-Schooling raubt den letzten Nerv. Es gibt Mitarbeiter, die gerne schon wieder im Büro wären. Einige können dies wegen ihrer Kinder nicht, und ein gewisser Teil möchte aus Angst oder Ungewissheit weiterhin gerne von zuhause aus arbeiten. Als Führungskraft ist es dabei nicht einfach, allen gerecht zu werden und keine falschen Entscheidungen zu treffen.

kress.de: Mit Ihrem Hintergrund und dem expliziten Auftrag, die Digitalisierung voranzutreiben und neue Online-Geschäftsmodelle zu erschließen, dürften Sie bei Spotlight derzeit ja genau richtig liegen. Trotzdem: Wie akut lässt sich der erzwungene Wandel denn herbeiführen?

Gosia Schweizer: Ich habe großes Glück, dass sich alle Mitarbeiter im Verlag auf die Digitalisierung freuen und ihr offen gegenüberstehen. Wir haben fantastischen Content in unseren Magazinen und müssen jetzt "nur" noch den Weg finden, diesen auch digital erfolgreich zu "verabreichen". Wir arbeiten gerade daran, ein E-Learning-Angebot für Business-Englisch schnell auf die Beine zu stellen, und konzipieren ein neues digitales Portal für Fremdsprachen. Um den Wandel erfolgreich umzusetzen, darf man diesen nicht erzwingen, stattdessen muss man das ganze Team „mit auf die Reise nehmen“. Dazu gehört viel offene Kommunikation, also wiederum die bereits angesprochene Transparenz.

"Unrat vorbei schwimmen lassen und auf das Wichtige fokussieren."

kress.de: Immer wieder wird die neue Binse bemüht, dass Erfahrungen in Corona-Tagen oft Wochen und Monaten im Normalbetrieb entsprechen. Wie kann man denn bei diesem hohen Tempo trotzdem gelassenen Überblick behalten?

Gosia Schweizer: "Unrat vorbei schwimmen lassen und auf das Wichtige fokussieren", das ist einer der Ratschläge, an die ich mich jeden Tag erinnere. Dadurch bleibe ich gelassen und fokussiert. Gerade jetzt darf man sich nicht über die kleinen Sachen ärgern. Jeden Morgen entscheide ich aufs Neue, worum ich mich als erstes kümmere und was ich erstmal laufen lasse, ohne genauen Einblick in die Details zu haben, und vertraue damit auf meine Mitarbeiter. Einmal pro Woche tauschen wir uns im gesamten Führungskreis aus und einmal pro Woche update ich alle Mitarbeiter in einem Videocall, sodass nicht nur ich, sondern auch alle anderen im Verlag einen guten Überblick in den Corona-Tagen behalten können.

kress.de: Die Produkte Ihres Hauses dürften ja stark von treuen Abonnenten profitieren. Wie wichtig ist es aktuell, die Leser-Medium-Bindung eng aufrecht zu erhalten?

Gosia Schweizer: Sie wissen bestimmt selbst, wie sehr man sich freut, wenn man sein Lieblingsmagazin im Briefkasten findet ,und wie groß die Enttäuschung sein kann, wenn dies mal nicht pünktlich der Fall ist. Deswegen haben wir uns neben dem engen Austausch, den wir mit unseren Lesern pflegen, in Corona-Zeiten vor allem auch um die Logistik gekümmert. Wir haben auch viele Leser im Ausland und wo wir die Gefahr sahen, dass unser Magazin nicht pünktlich geliefert werden könnte, haben wir ein ePaper und einen Audio-Download über unsere Website zur Verfügung gestellt. Aktuell führen wir mit unseren Lesern Interviews per Videocall durch, auch, um die Erfahrungen aus der Zeit gemeinsam zu verarbeiten und aus eventuellen Fehlern zu lernen.

kress.de: Inhaltlich dürften Ihre Titel ja nicht ganz so leicht auf Aktualität umschwenken. In wie weit spielt Corona-Berichterstattung oder –Aufarbeitung in Titeln wie Écoute,  Adesso, Spotlight oder Ecos jetzt schon eine Rolle?

Gosia Schweizer: Natürlich spielt Corona auch inhaltlich bei uns eine Rolle, jedoch gehen wir das Thema etwas anders als Nachrichtenmedien an. Wir blicken in die Zukunft und diskutieren darüber, wie uns die Corona-Zeit in Erinnerung bleiben (Deutsch Perfekt Ausgabe 6/2020) oder uns verändern wird (Spotlight Ausgabe 8/2020). Wir zeigen unseren Lesern, wie leere Metropolen ohne Touristen von Einheimischen jetzt ganz anders wahrgenommen (Adesso 6/2020) oder von Tieren erobert werden (Deutsch Perfekt 7/2020). Wir sprechen mit Italienern, Spaniern, Franzosen und Engländern darüber, wie sie ihr Land, ihre Regierung und ihr Gesundheitssystem in der Krise bewerten. Und da alle unsere Autoren und Redakteure Muttersprachler sind, aus den jeweiligen Ländern stammen und ein Großteil ihrer Familien noch immer dort lebt, geben wir teilweise auch sehr persönliche Einblicke, die den Krisenalltag in diesen Ländern beleuchten.

"Wir versuchen, unsere Leser auf eine Art 'andere' Reise zu entführen, um ihr Fernweh akut zu stillen."

kress.de: Viele Ihrer Leser dürften unter akutem Fernweh leiden: In wie weit können Ihre Titel da gelegentlich für ein wenig Ablenkung und intellektuelle Ausflüge sorgen?

Gosia Schweizer: Wir versuchen, unsere Leser auf eine Art „andere“ Reise zu entführen, um ihr Fernweh akut zu stillen. Wir bringen ihnen ein Stück „Dolce Vita“ nach Hause, laden sie ein, spannende Länder von ihrem Sessel aus zu bereisen – und wie nebenbei ihre Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern. Neben wunderbaren Reportagen und Fotos (wie z.B. die Capri-Reportage in Adesso 7/2020 oder die Reportage mit den schönsten Naturbadeplätzen in Frankreich in écoute 7/2020) finden sie in unseren Magazinen Links zu Live-Kameras vor Ort, Video-Tipps mit authentischen Liedern (Spotlight 6/2020 zu Wales) oder Infos zu den besten Museen, die man jetzt auch virtuell besichtigen kann (ECOS 7/2020). Mit unseren Audio-Tracks online und auf CD, ausgewählten Texten in Originalsprache, kommt man noch leichter in Urlaubsstimmung. Wenn ich die "Island Retreats" in Spotlight 7/2020 höre oder lese, fühle ich mich mindestens mit einem Bein auf einer einsamen Insel, irgendwo in der weiten Welt. Das Angebot runden wir mit zahlreichen Original-Rezepten ab. "Die Sprache ist der Schlüssel zur Welt", pflegte schon Wilhelm von Humboldt zu sagen, daher ist dies vielleicht die beste Vorbereitung auf die nächste (Welt-)Reise.

kress.de: E-Learning ist ein großes Thema, das aktuell den Schulbetrieb und die Universitäten überrollt hat, teilweise aber auch zu überfordern scheint. In wie weit können Spezialverlage wie Spotlight wichtige Erfahrungen in die allgemeine Debatte einfließen lassen?

Gosia Schweizer: Im E-Learning, noch mehr als im klassischen Schulsystem, spielen der Spaß und die Leichtigkeit des Lernens eine große Rolle. Kaum ein Schüler bleibt 45 Minuten konzentriert vor einem PC sitzen, wenn die Texte öde, die Aufgaben nicht verständlich und der gesamte Aufbau der Unterrichtseinheit langweilig ist. Bei uns hört oder liest man spannende aktuelle Artikel und lernt so die Sprache. Wenn man Interesse an dem jeweiligen Thema hat, beschäftigt man sich lieber damit und merkt sich schneller Worte und Formulierungen. Deswegen stellen wir seit Anfang April allen Sprachlehrern unseren gesamten digitalen Content mit allen Sprachmagazinen, Übungsheften, Audio-Dateien und Lehrerbeilagen für jeweils vier Wochen gratis zur Verfügung. Die Resonanz ist super.

Letzte Frage: Aktuell wird das vermutlich für Sie auch noch kein Thema sein. Aber wenn Träumen einmal wieder erlaubt sein sollte: Wohin wird Ihre erste Reise gehen?

Gosia Schweizer: Ich hoffe sehr, dass bis zum Sommer mein Heimatland Polen wieder die Grenzen öffnet und ich mit meinem Mann und unseren Söhnen wieder an die Ostseeküste in Westpommern reisen kann. Ich würde gerne meine Familie wiedersehen, die Meeresbrise und den Sandstrand genießen, Pierogi und Borschtsch essen und am Ende der Reise auch Verwandte und Studienfreunde in Warschau besuchen. Und da unsere Söhne zweisprachig aufwachsen, ist dies für sie immer eine gute Gelegenheit, die zweite Muttersprache spielerisch aufzubessern.

Hintergrund: Der Spotlight Verlag der zur Verlagsgruppe Zeit gehört bringt die Sprachmagazine Écoute (Französisch, Spotlight (Englisch), Business Spotlight (Business-Englisch), Ecos (Spanisch), Adesso (Italienisch und Deutsch perfekt heraus.

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