Personalberaterin Fürstenberg: Wie Führungskräfte rückkehrende Mitarbeiter jetzt abholen und warum endloses Homeoffice nicht gut ist

 

Reinhild Fürstenberg, Geschäftsführerin der Führungskräfte-Personalberatung Fürstenberg-Institut, rät Medienhäusern im Köpfe-Interview, sorgsam mit dem Schwung, der Kreativität, aber auch den Sorgen der Mitarbeiter bei der Rückkehr in den eher "normalisierten" Bürobetrieb umzugehen. Vom Homeoffice für immer hält sie nichts.

kress.de: Viele Medienschaffende kehren aktuell nach und nach in Ihre Büros zurück. Was müssen Ihre Führungskräfte in Verlagen, bei Sendern, Agenturen und Medienhäusern nun beachten, um den Neustart möglichst reibungslos hinzubekommen?

Reinhild Fürstenberg: Zum einen brauchen die Führungskräfte einen Plan für das, was ihnen jetzt wichtig ist. Je klarer die Prioritäten sind, vielleicht auch erstmal für die ersten Tage oder Wochen, um so besser. Vor allem ist aber eine Frage entscheidend für einen reibungslosen Neustart: "Was beschäftigt die Menschen in meinem Team?" Jeder Mitarbeiter kommt aus seiner ganz eigenen "Corona-Homeoffice-Realität" zurück. Es wird Teammitglieder geben, die sich besonders entspannt haben, und andere, die durch die Veränderungen verunsichert sind oder durch private Mehrfachbelastungen gestresst sind. Vielleicht ist auch Arbeit liegen geblieben, oder es gibt weniger oder anderes zu tun als vorher. Manche, vor allem Risikogruppen, haben Angst vor einer Infektion oder vor den perspektivischen Auswirkungen durch Corona – um nur einige Aspekte zu nennen, die Mitarbeiter neben den reinen Jobanforderungen beschäftigen. Führungskräfte sollten ihre Mitarbeiter deshalb jetzt besonders gut im Blick haben und sie "abholen" mit dem, was sie beschäftigt. Wichtig für den Neustart ist auch, gut und klar zu kommunizieren, auch falls es Veränderungen oder neue Perspektiven im Unternehmen gibt. Und nicht zuletzt ist ein entspanntes Herangehen der Führungskraft ausschlaggebend dafür, wie gut die Rückkehr ins Büro und in eine neue Normalität gelingt.

"Führungskräfte sollten zum Wiedersehen mit den Mitarbeitern auf jeden Fall ein Team-Meeting einberufen und wenn möglich, darüber hinaus mit jedem Mitarbeiter in ein kurzes persönliches Gespräch gehen."

kress.de: Die Erwartungen an eine möglichst rasche Rückkehr zu so etwas wie "Normalität" dürfte in vielen Häusern hoch sein. Wie kann man Enttäuschungen und überspannte Vorstellungen vermeiden?

Reinhild Fürstenberg: Führungskräfte sollten zum Wiedersehen mit den Mitarbeitern auf jeden Fall ein Team-Meeting einberufen und wenn möglich, darüber hinaus mit jedem Mitarbeiter in ein kurzes persönliches Gespräch gehen. Dadurch erfahren sie, wo jeder Mitarbeiter gerade steht und können entsprechend darauf reagieren. Während die meisten heilfroh sind, endlich wieder im lang vermissten Büro und bei den Kollegen zu sein, sind andere eher vorsichtig oder haben für sich das Homeoffice neu entdeckt. Für alle gilt: Nach Corona wird die Arbeit nicht mehr genau so wie früher sein. Alle haben in der Corona-Zeit neue Erfahrungen gemacht, mit virtueller Zusammenarbeit, mit Selbstorganisation, mit einer noch nie dagewesenen Situation in vielerlei Hinsicht. Eine Rolle rückwärts in alte Zustände ist weder wünschenswert noch angebracht. Wenn sich Unternehmen und Führungskräfte dessen bewusst sind und mit ihren Mitarbeitern gemeinsam daran arbeiten, die guten und kraftbringenden Erfahrungen aus der Corona-Zeit zu nutzen, kann daraus ein neues Miteinander und neues Potential entstehen.

"Die Mitarbeiter, die es auch vor Corona schon gewohnt waren, flexibel, digital und im Homeoffice zu arbeiten, waren eindeutig im Vorteil."

kress.de: Medienschaffenden wird ja gerne ein erhöhtes Maß an Flexibilität und damit die Hoffnung, sich möglichst einfach an Homeoffice-Lösungen zu gewöhnen, unterstellt. Hat sich dies Ihrer Ansicht nach in der Praxis bewahrheitet?

Reinhild Fürstenberg: Die Mitarbeiter, die es auch vor Corona schon gewohnt waren, flexibel, digital und im Homeoffice zu arbeiten, waren eindeutig im Vorteil und haben vor allem einen leichteren Übergang hinbekommen. Jedoch sehen wir in unserer Beratungspraxis, dass die Belastungen, die durch die Corona bedingten Home-Office-Lösungen entstanden sind, z.B. weil plötzlich die ganze Familie durchgehend zuhause war oder Beziehungskonflikte hochgekocht sind, weder branchen- noch positionsspezifisch sind. Viele Kreative – und nicht nur die – berichten auch davon, wie sehr ihnen die Informationen und Energie aus dem Plausch aus der Kaffeeküche oder den persönlichen Gesprächen mit Kunden oder Interviewpartnern gefehlt haben.

kress.de: Wer beruflich viel kommuniziert, Interviews führt und nachhakt, ist auch im Büro ein guter Teamplayer: Stimmt das wirklich?

Reinhild Fürstenberg: Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Die Fähigkeiten, gute und spannende Fragen zu stellen, im Gespräch zu führen und dem Gegenüber interessante Antworten zu "entlocken" sind andere als die, die man braucht, um ein guter Teamplayer zu sein: Zum Beispiel mit anderen Leuten gemeinsam an Zielen zu arbeiten und dafür seine Fachexpertise einzusetzen, sich dabei gut integrieren zu können, wertschätzende Rücksichtnahme oder Kompromissbereitschaft.

kress.de: Welche Erfahrungen aus den Sonderbedingungen sollten Unternehmen aus den Corona-Erfahrungen unbedingt mitnehmen?

Reinhild Fürstenberg: Das Arbeiten über Distanz und von Zuhause klappt besser, als man es für möglich gehalten hat. Auch haben wir durch die Corona-Zeit gelernt, dass wir uns sehr schnell umstellen können, Dinge grundlegend anders machen können. Lang ersehnte Entscheidungen wurden von heute auf morgen getroffen und umgesetzt. Sicherlich ist die Produktivität neben Home-Schooling, der Versorgung von Angehörigen oder der Nachbarschaftshilfe insbesondere bei Mitarbeitern mit Kindern eingeschränkt, trotzdem wurden nach Ausbruch der Pandemie in Windeseile neue Produkte kreiert, Strategien angepasst und virtuelle Meetings abgehalten - dank der digitalen Kommunikation. Warum nicht auch künftig für mehr Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Privatleben Dienstreisen durch ein Video-Meeting ersetzen, unkompliziert von zu Hause arbeiten, wenn der Handwerker kommt oder das Kind zahnt – oder die lieb gewonnene Laufrunde am Morgen in den Arbeitsalltag integrieren? Fragen Sie sich – und ihre Mitarbeiter: Was lief besonders gut in der Homeoffice-Zeit? Lief es ohne Kontrolle wirklich schlechter? Welche positiven Aspekte in Bezug auf Arbeitsergebnisse, Abläufe und Zusammenarbeit gab es? Was können Sie davon in den Büroalltag integrieren?

"Home-Office kann auch als soziale Isolation empfunden werden."

kress.de: Was halten Sie von gerade von Digital-Medienhäusern wie Twitter und Facebook, die jetzt schon so etwas wie ein "endloses" Homeoffice ausrufen?

Reinhild Fürstenberg: Ich halte es das Modell in der Ausschließlichkeit weder für gut noch für gewinnbringend. Es braucht allein für die Bindung an das Unternehmen den persönlichen Kontakt, wenn auch vielleicht nicht in der Häufigkeit wie vorher. Menschliche Begegnung findet im persönlichen Face-to-face-Kontakt anders statt als virtuell. Man bekommt Mimik, Gestik und Emotionen des Gegenübers umfassender mit, kann davon profitieren – z.B. bei Begeisterung – und gezielt darauf reagieren, Dynamiken entstehen im Miteinander. Auch ist nicht so viel Rückzug möglich, die Depression oder das Alkoholproblem eines Mitarbeiters würden Sie im Homeoffice vermutlich lange nicht mitbekommen. Wichtig ist aus meiner Sicht bei der Gewichtung des Homeoffices, dass Unternehmen die Mitarbeiter in diese Entscheidungen mit ihren Ideen und Bedürfnissen einbinden. Denn Home-Office kann auch als soziale Isolation empfunden werden und kann sich nicht nur auf die Motivation und Arbeitsleistung auswirken, sondern zu nachhaltigen Belastungen der psychischen Gesundheit führen.

kress.de: Was ist bei der Kommunikation mit den Büro-Rückkehrern jetzt besonders wichtig?

Reinhild Fürstenberg: Die Führungskraft sollte klar vermitteln, wie es für das Team und das Unternehmen jetzt weitergeht und was sie vom Team und noch besser von jedem Einzelnen erwartet. Wichtig ist dabei, dass alle Führungskräfte im Unternehmen möglichst mit einer Stimme sprechen. Das gibt den Mitarbeitern Sicherheit nach der langen Phase der beruflichen und privaten Unsicherheit durch Corona. Selbst wenn bestimmte Entscheidungen noch nicht gefallen sind, sollte auch das dem Team offen gespiegelt werden. Die allgemeine Devise lautet also: Kommunizieren Sie regelmäßig und ehrlich. Nehmen Sie dabei auch ganz individuelle Bedürfnisse, Gefühle und Sorgen Ihrer Mitarbeiter ernst - was nicht heißt, dass Sie auf alle Probleme jedes Einzelnen intensiv eingehen sollten. Oft reicht es schon, dass sich die Mitarbeiter gesehen fühlen mit dem, was sie beschäftigt. Bieten Sie, wenn erforderlich und möglich, Unterstützung, evtl. auch außerhalb des Unternehmens, z.B. durch externe Mitarbeiterberatung, an.

"Ich bin ganz optimistisch, dass das zu einer Win-Win-Situation für Mitarbeiter und für Unternehmen werden kann – die Krise als Chance zu nutzen."

kress.de: Wie kann man kooperativ Ihrer Ansicht nach neue Ansätze für effektives Medienarbeiten im Büro erarbeiten und erhalten?

Reinhild Fürstenberg: Viele Mitarbeiter haben im Homeoffice möglicherweise viel mehr als sonst von den Arbeitsmodellen und Firmen ihrer Partner und Freunde mitbekommen. Diese Erfahrung sollte jetzt, gleich zum Neustart im Office-Alltag, genutzt werden. Vielleicht haben die Teams neue inspirierende Ideen, sodass gemeinsam erarbeitet werden kann, wie es jetzt weitergehen soll. Ich bin ganz optimistisch, dass das zu einer Win-Win-Situation für Mitarbeiter und für Unternehmen werden kann – die Krise als Chance zu nutzen. Wenn nicht jetzt, wann dann?

kress.de: Wie haben Sie persönlich die Hochphase der "Weltabgeschnittenheit" während der Corona-Einschränkungen empfunden?

Reinhild Fürstenberg: Ich habe verschiedene Phasen durchlaufen: Zunächst fand ich es ganz entspannend, dass ich durch ausgefallene Termine und weniger Reisen viel mehr Zeit zur Verfügung hatte. Dann gab's eine Zeit, in der ich leicht genervt war über die Einschränkungen und die neue Unfreiheit. Mit meinen Führungskräften und Mitarbeitern, die ja in ganz Deutschland verteilt sind, habe ich in der Corona-Zeit enger zusammen gearbeitet denn je. Und das hat mir nicht nur viel Spaß gemacht, sondern wir haben auch sehr viel erreicht.

kress.de: Die letzten Wochen waren auf vielen Ebenen sehr fordernd. Wie und wo schaffen Sie es aktuell, Ihre eigenen Batterien wieder aufzuladen

Reinhild Fürstenberg: Ehrlich gesagt habe ich meine Batterien gar nicht erst abgeladen, vielleicht hatte ich auch einfach glückliche Bedingungen dazu. Von vornherein habe ich in meinem Home-Office-Alltag darauf geachtet, eine gute Struktur mit festen Zeiten für Arbeiten, Essen, Sport und Austausch mit Familie und Freunden einzuhalten. Ich habe die Zeit auch als Chance genutzt, Kontakte wieder aufleben zu lassen, die im geschäftigen Alltag vor Corona zu kurz gekommen sind und mein Akkordeon mal wieder herauszuholen. Außerdem habe ich mir viel mehr Zeit dafür genommen, auch in beruflichen Telefonaten einfach mal wieder zu "klönen", um zu erfahren, wie es Mitarbeitern und Kunden geht – und das hat mir selber viel gegeben.

kress.de-Hintergrund: Das Fürstenberg Institut mit Reinhild Fürstenberg als Geschäftsführerin unterstützt seit über 30 Jahren Unternehmen und Organisationen dabei, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter und Führungskräfte nachhaltig zu verbessern, diese in Change-Prozessen zu begleiten und gesetzliche Regelungen im Gesundheitsschutz umzusetzen. Das eng vernetztes Angebot beinhaltet Mitarbeiter- und Führungskräfteberatung (EAP), Organisationsberatung, BGM, Weiterbildungsakademie und  Work-Life-Service für mehr Vereinbarkeit und Zufriedenheit.

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