Ranga Yogeshwar: Auch wir Journalisten haben die Signale verschlafen

25.05.2020
 

Regierungen und auch Journalisten hätten zu spät auf das Coronavirus reagiert, sagt Ranga Yogeshwar im Interview mit dem medium magazin. Der Wissenschaftsjournalist über eine neue Kultur des Zuhörens, und warum Medien die "Kommunikation der Ungewissheit" lernen müssen.

medium magazin: Wird der Wissenschaftsjournalismus der aktuellen Herausforderung durch das Corona-Virus gerecht?

Ranga Yogeshwar: Manche machen das wirklich gut - wie die Kolleginnen im täglichen Podcast des NDR mit Virologe Christian Drosten oder die Kollegen von spektrum. de. Und es gibt auch wunderbare neue Konstrukte wie das Science Media Center, das wirklich gute Arbeit leistet. Aber es sind ja nicht nur die Wissenschaftsjournalisten gefragt. Anfangs wurde die Tragweite dieser Pandemie ja gar nicht verstanden. Man hätte beispielsweise viel früher ein "exponentielles Wachstum" erklären und die Leute warnen müssen. Stattdessen aber wurden die Menschen mit etlichen Schauergeschichten kirre gemacht - siehe auch https://tinyurl.com/ Tagesschau-faktenfinder. Die Ausgangssperren in Wuhan wurden zum Beispiel als staatliche Willkür diffamiert, statt den Beitrag zum Schutz der Zivilbevölkerung zu erkennen. 

medium magazin: Nun erleben wir ja seit Wochen häufig, dass Aussagen von Wissenschaftlern und Politikern morgen schon überholt sind. Vor der Pandemie wären sie dafür öffentlich gegeißelt worden. Ist das auch eine Chance für eine neue Fehlerkultur in den Medien?

Yogeshwar: Ich weiß nicht, ob der Begriff Fehlerkultur hier trifft. Ich würde eher von einer anderen Offenheit sprechen. Die Entwicklung, die wir in vielen Talkshows in diesen Wochen beobachten können, geben dafür gute Beispiele. Haben Sie früher mal erlebt, dass jemand in einer Talkshow zu seinem Kontrahenten gesagt hat: "Über Ihr Argument habe ich bisher nicht nachgedacht. Vielleicht ändere ich meine Meinung"? Gerade entwickelt sich eine Kultur des Zuhörens und ich hoffe, dass das auch nach der Pandemie weitergeht. Dazu gehört aber auch, dass Medien und Politik eine Kommunikation der Ungewissheit lernen. Für Wissenschaftler sind Irrtum und Korrektur Alltag und Basis jeder Forschung. Aber wir als Gesellschaft können mit Ungewissheit nur sehr schlecht umgehen, gefragt ist immer eine Schwarz-Weiß-Berichterstattung mit 100 Prozent Klarheit. Aber so funktioniert die Welt nun mal nicht - erst recht nicht in der Pandemie.

medium magazin: Sie plädieren schon seit Langem für einen konstruktiven Journalismus, der nun geradezu boomt. Wird sich das halten?

Yogeshwar: Ich versuche tatsächlich immer konstruktiv an Themen heranzugehen. Ein Beispiel vor dem Hintergrund, dass so viele den Shutdown in beengten Wohnungen aushalten müssen: Ich habe dazu Ende März Astronaut Alexander Gerst befragt, was Quarantäne auf engstem Raum mit anderen bedeutet. Er zeigt in dem Beitrag ein paar Regeln, wie man Konflikte in einer solchen Situation verhindert oder löst. Solche konstruktiven Beiträge sind total wichtig, weil sie Auswege öffnen können. Viele Kolleginnen und Kollegen sehen das im Moment ähnlich. Aber ob das von Dauer sein wird - das weiß ich nicht. Vergangene Krisen lehren, dass Erfahrungen später sogar bewusst verdrängt werden, weil man nicht mehr daran erinnert werden will. Das gilt offenbar leider auch für staatliche Stellen, wenn ich mir den Bericht der Bundesregierung zur "Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012" (Bundestagsdrucksache 17/12051 vom 3. Januar 2013) ansehe. Dort wird ein pandemisches Szenario nahezu exakt beschrieben, wie wir es 2020 erleben. Warum hat da der Staat nicht schon bei den ersten Signalen aus China Ende 2019 reagiert und zum Beispiel ausreichend Schutzvorrichtungen eingelagert? Wir haben das verschlafen - auch wir Journalisten. Vor einigen Jahren machte ich sogar eine Sendung zu einer solchen - damals hypothetischen - Pandemie. Ja, da hätte man früher hellhörig werden sollen. Singapur etwa hat weit besser reagiert. Bereits am 22. Januar 2020 setzte man dort eine Ministerien-übergreifende Taskforce ein.

Was müssen Journalisten bei ihrer Arbeit jetzt unbedingt wissen? Was ist heute journalistisch vernünftig? Wie bekommen Journalisten Zugang zu Wissenschaftlern? Sollte Statistik zum Pflichtfach in der Journalismus-Ausbildung werden? Was raten Sie Freien, wie man sich krisenfester aufstellen sollte?

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