Fragwürdige Methoden: Warum Bild-Chefredakteur Julian Reichelt Christian Drosten scharf kritisiert

25.05.2020
 

Bild-Chef Julian Reichelt und der derzeit populärste Virologe in Deutschland, Christian Drosten, sind heftig aneindandergeraten. Auslöser ist ein Tweet von Drosten, der eine Rechercheanfrage von Bild öffentlich macht - mit den Kontaktdaten des Reporters. Am Vormittag twittert Reichelt: "Journalismus sollte keine Weide für heilige Kühe sein."

"Interessant: die #Bild plant eine tendenziöse Berichterstattung über unsere Vorpublikation zu Viruslasten und bemüht dabei Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang. Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun", schreibt Christian Drosten am Montagnachmittag an seine über 360.000 Follower auf Twitter. Zudem veröffentlicht der Chef-Virologe der Berliner Charitè die E-Mail-Anfrage des Bild-Reporters zunächst mit Kontaktdaten. Später reicht Drosten eine aktualisierte Version ohne Telefonnummer und E-Mail-Adresse nach.

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt bezieht auf seinem Twitter-Account (82.000 Follower) Stellung: "Nach @BILD Informationen geht man im Forscher-Team rund um Professor Drosten davon aus, dass die Studie grob falsch ist. Intern wurde das bereits sehr kritisch thematisiert, allerdings NICHT transparent veröffentlicht. Wie angefasst Prof. Drosten hier reagiert, sagt viel. Auch über seine Art, mit freien Medien umzugehen. Er hätte selbstverständlich - wie überall üblich - um Fristverlängerung bitten können. Aber er zieht es vor, unseren Kollegen massivsten und übelsten Drohanrufen auszusetzen. Unsere Geschichte geht gleich Online. Dann kann sich jeder selbst ein Bild von den in jeder Hinsicht fragwürdigen Methoden von @c_drosten machen."

Drosten weist anschließend auf seinem Twitter-Kanal daraufhin, dass die angeblichen Kritiker sich nun reihenweise von der Bild-Darstellung distanzieren würden: "Wir haben damals viele gute Anregungen bekommen und inzwischen eingearbeitet. Unsere Schlussfolgerungen werden dadurch sogar noch härter."

Filipp Piatov, der von Drosten "entlarvte" Bild-Reporter, antwortet: "Die 'angeblichen Kritiker' distanzieren sich von der Bild - das ist ihr gutes Recht. Aber sie bleiben bei ihrer Kritik an der Studie. Diese öffentlich geäußerte Kritik haben wir zitiert."

Drosten bekommt für seine Offensive am Montagnachmittag viel Beifall auf Twitter. Die Autorin und Tagesspiegel-Kolumnistin Hatice Akyün schreibt: "Was Spiegel-Titelgeschichten und Presserat-Rügen jahrelang nicht geschafft haben, erledigt Dr. Drosten mal eben mit einem Tweet. Chapeau!"

Häufig wird in Beiträgen die kurze Zeit genannt, die Drosten zur Beantwortung der Bild-Frage eingeräumt wurde: "Innerhalb von einer Stunde antworten, die These steht im Vorhinein fest, Recherche scheint ein Fremdwort zu sein", schreibt ein Nutzer.

Georg Streiter, von 2011 bis 2018 stellvertretender Sprecher der Bundesregierung, macht auf Facebook seinem Ärger Luft: "Beinahe die Hälfte meiner 34-jährigen Tätigkeit als Journalist habe ich bei Bild und Bild am Sonntag gearbeitet. Daher lasse ich mich nicht von Leuten vereinnahmen, die Bild schon immer und sowieso schrecklich finden. Aber deshalb tut es umso mehr weh, zu beobachten, wie der aktuelle Chefredakteur mit einer Handvoll gläubiger Jünger seit März 2018 die gute Arbeit der Mehrheit ihrer Kolleginnen und Kollegen ruiniert. Heute mal wieder am Start: Filipp Piatov, der im Impressum als Ressortleiter für Meinung ausgewiesen ist. Verfolgt man seine Machwerke über längere Zeit, kommt man schnell darauf, was wohl seine Aufgabe ist: Piatov ist nicht dafür zuständig, verschiedenen Meinungen im Blatt Raum zu geben, sondern ausschließlich dafür, die Meinung des Chefredakteurs durchzusetzen." Nun wolle Piatov also Professor Christian Drosten zur Schlachtbank führen, so Streiter.

Aber es gibt auch Kritik an Drosten: Der frühere FAZ-Korrespondent Hendrik Wieduwilt, der gerade auf Agenturseite gewechselt ist, meint: "1. 'Prof. Dr. Drosten' muss sich gegenüber der Presse rechtfertigen wie jeder andere einflussreiche Mensch auch. 2. Mich öden Bild-Schimpfereien an, sie dienen nur der Selbsterhebung."

Auch Stephan Dörner, Chefredakteur von t3n Online, findet "ein paar Worte" zu Christian Drosten: "Ich mag den Podcast mit ihm wirklich gern - aber sein Umgang mit Medien ist kritikwürdig. Ich verstehe den Impuls, sich als Experte und Forscher nicht mit dem Medien-Kleinklein auseinandersetzen zu müssen. Aber er steht nunmal in der Öffentlichkeit."

Und der stellvertretende Bild-Chefredakteur Paul Ronzheimer betont: Es sei "erschreckend", wie viele "Journalisten, PR-Leute, (Ex)-Politiker hier bei Twitter feiern, dass eine Rechercheanfrage samt persönlicher Handynummer veröffentlicht und tausendfach retweetet wurde". "Wenn es gegen die vermeintlich Richtigen geht, scheint alles erlaubt", so Ronzheimer.

Update: Am Dienstagvormittag gibt sich Bild-Chef Julian Reichelt kämpferisch auf Twitter: "Wie die Medien gerade über Bild berichten, statt über Drostens falsche Studie, wird uns massiv neue Leser bescheren. Es ist der beste Beleg dafür, dass manche sehr notwendige und höchst berechtigte kritische Fragen derzeit nur von Bild gestellt werden. Journalismus sollte keine Weide für heilige Kühe sein."

Hintergrund: Bei einer Umfrage des Spiegel kam zuletzt heraus, dass Christian Drosten der Virologe mit der höchsten Medienpräsenz in Deutschland ist. Vor allem der NDR-Info-Podcast "Coronavirus-Update" bringt Drosten viele Erwähnungen. Dort machte Drosten, den ein Medienpsychologe als Gandalf der Nation beschrieben hat, bereits Ende März klar, dass er ein Problem mit den Medien hat. Und er legte auch dar, in welchem persönlichen Konflikt er sich befindet: Er müsse sich nicht exponieren in der Öffentlichkeit bzw. exponiert werden: "Ich brauche das nicht - es gibt kein Erfolgsmaß in der Wissenschaft, in Form von Podcasts oder Twitterfollowern. Im Gegenteil, für einen Wissenschaftler ist es gefährlich. Es kann wirklich karriereschädigend sein, sich zu sehr in die Öffentlichkeit zu begeben. Denn in der Öffentlichkeit muss man simplifizieren und muss Dinge vereinfachen. Das steht einem Wissenschaftler eigentlich nicht gut. Ich mache das jetzt aber mal trotzdem, weil ich mich genau in diesem engen Forschungsfeld seit so langer Zeit schon bewege, dass ich weiß, dass ich frei und weitgehend ohne Fehler über das weitere Themenumfeld dieses Problems sprechen kann. Sonst würde ich das sowieso nicht tun, wenn ich mich nicht wirklich exakt in diesem Thema so sicher fühlen würde, in dem Thema epidemische Coronaviren. Ich würde mich noch nicht mal trauen, das im Bereich Influenza in dieser Intensität zu machen. Das wird trotzdem nicht verstanden. Und ich finde das sehr schwierig."

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