dpa-Digitalchef Meinolf Ellers: Da rutscht gerade etwas weg!

 

Die Nutzung von Nachrichten und das Ansehen von Nachrichtenmedien erodieren, vor allem bei den Jüngeren. Das ist die Ausgangshypothese eines Projekts von dpa und Hamburger Senat: Sie wollen das Phänomen in einer groß angelegten Studie untersuchen lassen, in einem News Literacy Lab neue Medienangebote entwickeln und das Thema in die Schulen bringen. Projektkoordinator Meinolf Ellers, Digitalchef von dpa, erklärt im exklusiven kress-Interview, was hinter "#UseTheNews" steckt.

kress: Herr Ellers, die dpa und der Hamburger Senat haben unter der Überschrift "#UseTheNews" drei Vorhaben angekündigt: eine Grundlagenstudie, um Nachrichtennutzung und -kompetenz in der digitalen Welt zu erforschen; ein News Literacy Lab, wo Sie Medienformate für junge Menschen verbessern und entwickeln wollen, und ein Curriculum zur Förderung der Nachrichtenkompetenz in Schulen. Was ist der rote Faden zwischen diesen einzelnen Vorhaben?

Meinolf Ellers: Sie sind die Antwort auf eine Herausforderung, mit der Informations- und Nachrichtenmedien heute überall konfrontiert sind. Während wir uns struktureller Probleme wie dem Rückgang von Auflagen oder Werbeerlösen längst bewusst sind, hatten wir bislang besorgniserregende Veränderungen bei den Lesern, Zuschauern und Nutzern kaum im Blick. Sinkende Nachrichtennutzung und unzureichende Informationskompetenz bedrohen aber nicht nur die wirtschaftliche Grundlage unserer Arbeit, sondern könnten auch negative Konsequenzen auf die politische Urteilsbildung haben. Das wollen wir für Deutschland mit einer Grundlagenstudie untersuchen, die wir mit einem renommierten Partner machen, dem Leibniz-Institut für Medienforschung.

kress: Warum belassen Sie es nicht bei der Studie?

Ellers: Wir müssen damit rechnen, dass uns als Medienbranche manche der Erkenntnisse aus der Studie nicht gefallen werden und uns deutlichen Handlungsbedarf vor Augen führen. Daher haben wir parallel einen Mechanismus aufgesetzt, der mit ihren Ergebnissen arbeitet. Das News Literacy Lab soll dabei helfen, unsere Inhalte zu verbessern oder ganz neue Inhalte zu entwickeln. Wir wollen gerade auch um die werben, die unsere Informationsangebote in der heutigen Form für nicht mehr relevant für ihr Leben halten. Und ein News-Curriculum wollen wir entwickeln, weil wir schon in den Schulen ansetzen müssen, um mit zeitgemäßen didaktischen Mitteln Kindern und Jugendlichen Nachrichtenkompetenz zu vermitteln.

kress: Ausgangshypothese für die drei Vorhaben ist, dass die Nutzung von Nachrichten und das Ansehen von Nachrichtenmedien erodieren, speziell bei Jüngeren, die ausschließlich mit digitalen Medien aufgewachsen sind. Worauf stützt sich eigentlich diese pessimistische Sichtweise?

Ellers: Viele Erkenntnisse weisen in diese Richtung. Die jüngste Pisa-Studie hat zum Beispiel ergeben, dass nur eine Minderheit der Schüler dazu in der Lage ist, in einem Text zwischen Meinungen und Tatsachen zu unterscheiden. Und aus angelsächsischen Ländern kennen wir  Phänomene wie News-Fatigue (Nachrichten-Ermüdung) und News-Avoidance (Nachrichten-Vermeidung). Die Leute sagen: Ich erfahre in den Nachrichten zu viel Negatives, sie ermüden mich und ich versuche lieber, ihnen aus dem Weg zu gehen, weil sie mir den Tag ruinieren. Da rutscht gerade etwas weg!

kress: Warum interessieren Sie sich besonders für die Jüngeren? Eine auf mangelnder Nachrichtennutzung und -kompetenz beruhende Anfälligkeit für Populismus und Verschwörungstheorien ist ja nicht das spezifische Problem dieser Altersgruppe.

Ellers: Wir wollen die Gruppe der 14- bis 24-Jährigen mit den 40- bis 50-Jährigen vergleichen. So können wir sehen, was es bedeutet, wenn eine Gruppe ausschließlich mit Digitalmedien sozialisiert wurde. Die 14- bis 24-Jährigen kennen ja nur ihr Smartphone und soziale Medien, während bei den 40- bis 50-Jährigen von einer hybriden Mediennutzung auszugehen ist. Zumindest in bestimmten Milieus werden noch gedruckte Zeitungen und Zeitschriften gelesen, und die "Tagesschau" um 20 Uhr ist gesetzt.

kress: Zu Mediennutzung und -kompetenz gibt es schon sehr viele Untersuchungen. Inwiefern geht die Grundlagenstudie des Leibniz-Instituts darüber hinaus?

Ellers: Sie schlägt den Bogen von der veränderten Nachrichtennutzung der Menschen hin zum Grad ihrer Informiertheit und den Auswirkungen auf politische Meinungsbildung und Diskursfähigkeit. Wir wollen bis zum Grund ausloten, was sich bei den Leuten festsetzt, wie sie zu einer Meinung gelangen. Mit den klassischen Instrumenten können wir viele für uns relevante Entwicklungen gar nicht überblicken. Die Wissenschaftler des Leibniz-Instituts sind in einer Fokus-Gruppe zum Beispiel einmal auf einen recht gut informierten End-Zwanziger gestoßen, der den TeamSpeak-Channel von World of Warcraft als seine wichtigste Nachrichtenquelle genannt hat. Wo gibt es sonst eine Studie, die so etwas erfasst? Unsere Kollegen vom Leibniz-Institut wollen in der Feldphase rausgehen und rund 1.000 Face-to-Face-Interviews führen. Diese Methodik gewährleistet eine höhere Substanz als Telefoninterviews oder Online-Befragungen. 

kress: Schon im Sommer wollen Sie das Lab starten. Denken Sie nur an Erfahrungsaustausch und Ideenbörse oder wollen Sie eine Struktur mit eigenem Personal, Budget und Räumen schaffen?

Ellers: Im ersten Schritt soll es regelmäßige Workshops mit Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts geben. Wir haben sowohl ARD-Sender als auch Zeitungsverlage und den "Spiegel" als Partner dafür gewonnen. Jedes der beteiligten Medienhäuser kann auf Basis der Erkenntnisse der Studie seine Produkte in den Blick nehmen: Wie gut sind sie positioniert, um auf die veränderten Nutzungsgewohnheiten jüngerer Zielgruppen zu reagieren, und wie könnten ganz neue Angebote aussehen? Es gibt einen Riesenstrauß von Fragen, die dabei eine Rolle spielen könnten: Muss der Journalismus weniger alarmistisch, sondern konstruktiver und lösungsorientierter sein? Ist unsere Sprache zu kompliziert? Welche Bedeutung hat Text als zentrales Zugangsformat? Wie bedeutsam sind im Vergleich dazu die visuellen Formate? Was ist mit Podcasts, was etwa mit interaktiven Grafiken? Die weitere Ausstattung und Arbeit des Labs ist auch davon abhängig, wer mitmacht und was wir uns leisten können.

kress: Ist das Lab eine exklusive Veranstaltung oder kann zum Beispiel auch ein Regionalverlag mit einem konkreten Anliegen zu einem Produkt bei Ihnen anklopfen?

Ellers: Wer mitarbeiten will, sollte Partner werden und über einen längeren Zeitraum an Bord bleiben. Wir haben aber vereinbart, dass der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) für den allgemeinen Kenntnistransfer an die Verlage sorgt.

kress: Was kommt idealerweise bei Ihrem dritten Vorhaben, dem News-Curriculum, heraus: ein bundesweites Fach "Medienkompetenz" an allgemeinbildenden Schulen? Oder nur Module für den Deutschunterricht?

Ellers: Die Vermittlung von Medienkompetenz hat für Medienunternehmen ja eine gewisse Tradition, denken Sie an Projekte wie "Zeitung in der Schule". Wir müssen aber über zeitgemäße Formate nachdenken, die das Digitale berücksichtigen. Schüler müssen begreifen, welchen elementaren Job zum Beispiel eine Regionalzeitung macht. Dass sie dazu beiträgt, ihre Heimat auch in Zukunft lebenswert zu machen. Das ist heute nicht mehr Stand des Basiswissens. Auch die Bildungspolitiker und Lehrer haben ein Interesse daran, das Thema neu und attraktiv zu vermitteln. Wir müssen neue Kooperationsformen mit ihnen finden.

kress: Gibt es dafür konkrete Ideen und einen genauen Fahrplan?

Ellers: Das Element steht bewusst an dritter Stelle, aber es gibt schon heute Ansatzpunkte. Ich persönlich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass wir zu vergleichbaren Ansätzen wie die "Fuldaer Zeitung" kommen. Ihr OBCC Classroom erlaubt es Lehrkräften, Inhalte aus Zeitungen oder Zeitschriften zu gestalten und in digitaler Form für ihren Unterricht zu verwenden.

kress: Haben Sie auch eine bildungspolitische Agenda und das Ziel,  Lehrpläne zu beeinflussen?

Ellers: Das kann dabei herauskommen. Zu den "#UseTheNews"-Partnern gehören auch Landesmedienanstalten, die das als Teil ihres Mandats sehen.

kress: Sie haben selbst erwähnt, dass es in der Medienbranche schon eine Reihe von Initiativen zur Förderung der Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen gibt. Kommen Sie sich nicht ins Gehege?

Ellers: Wir sehen unsere Aufgabe darin, auf Erosionserscheinungen in unserem Nachrichten-Ökosystem zu reagieren, weil es systemrelevant ist. Die dpa ist aufgrund ihrer Gesellschafterstruktur mit privatwirtschaftlichen Medienunternehmen und öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern immer ein hervorragender Platz für übergeordnete Initiativen der Branche. Wir sind offen für alle - auch für Partner, die Partikularinteressen haben oder nur in Teilsegmenten aktiv sind.

kress: Zusammen mit dem Hamburger Senat haben Sie "#UseTheNews" initiiert. Aber wie finanzieren Sie die einzelnen Bausteine?

Ellers: Das Projekt soll kein Schnellschuss sein, sondern ist auf mehrere Jahre hin angelegt. Zu unseren Partnern gehören neben dem Hamburger Senat und Landesmedienanstalten die Zeit-Stiftung, der BDZV und einzelne Medienhäuser. Jeder von ihnen tut einen Betrag in unterschiedlicher Höhe in den Topf, so dass wir die Studie und die Aufbauphase des Labors finanzieren können.

Hintergrund: Partner des Projekts "#UseTheNews" von dpa und der Hamburger Behörde für Kultur und Medien sind der Südwestrundfunk (SWR), der Norddeutsche Rundfunk (NDR), der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV), die Landes-Medienanstalten Hamburg-Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg, die Zeit-Stiftung, der "Spiegel", die regionalen Mediengruppe VRM (Mainz) und NOZ (Osnabrück) und das zur Funke-Mediengruppe gehörende "Hamburger Abendblatt".

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