Christian Drosten: Wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag

02.06.2020
 

Der Virologe Christian Drosten bekräftigt im Titelinterview des neuen Spiegel seine Kritik an der Bild. Deren Chefredakteur, Julian Reichelt, bestreitet im Spiegel eine Anti-Drosten-Kampagne. Sein Blatt dagegen sei einer "üblen Kampagne" ausgesetzt.

"Sollte ich mich fürchten?" Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité, hat keine Angst vor der Bild-Zeitung, wie er im Titelinterview des neuen Spiegel (Ausgabe 23/2020) sagt. "Das letzte Mal, dass ich die Bild gelesen habe, das war zu Zeiten von Bumm-Bumm-Boris. In meinem Alltag kommt die Bild-Zeitung nicht vor. Niemand in meinem Bekanntenkreis liest das Blatt."

Die Bild hatte in dieser Woche den Artikel gebracht "Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch." Drosten empfindet den Bericht nicht als Diskreditierung: "Um mich als Wissenschaftler zu diskreditieren, müssten ja andere Wissenschaftler glauben, dass das stimmt, was in der Bild-Zeitung steht. Da erfahre ich derzeit hingegen - bis auf ganz vereinzelte Ausnahmen - nur Unterstützung", sagt er im Spiegel-Gespräch mit Rafaela von Bredow und Veronika Hackenbroch.

Drosten kommt in dem Interview auch auf die E-Mail-Rechercheanfrage des Bild-Redakteurs Filipp Piatov zu sprechen, die Drosten zunächst auf Twitter mit den Kontaktdaten des Reporters verbreitet hatte. Piatov forderte Drosten in seiner Nachricht auf, innerhalb einer Stunde Stellung zu nehmen. Drosten antwortete u.a. darauf: "Ich habe Besseres zu tun".

"Die Statistik, um die es geht, ist so komplex, dass man das auf keinen Fall in einer kurzen Stellungnahme erklärt bekommt, auch wenn man sich deutlich mehr Zeit als eine Stunde dafür nimmt", erklärt der Wissenschaftler jetzt im Spiegel. Drosten sagt auch, dass er nicht den Eindruck gehabt hätte, die Bild-Zeitung sei "wirklich daran interessiert, das wissenschaftliche Problem zu verstehen". Das Boulevardblatt habe von vornherein einen tendenziösen Artikel geplant: Die Redaktion habe nur online verfügbare Zitate von vier Statistikern aus dem Zusammenhang gerissen.

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt hatte zur "Zeitnot" Drostens bereits via Twitter erwidert, dass dieser ja wegen der Stellungnahme auch um eine Fristverlängerung hätte bitten können. Dazu meint Drosten nun im Spiegel: "Dafür schien mir die Anfrage nicht ausreichend von sachlichem Interesse geleitet. Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag."

Julian Reichelt kommt ebenfalls in der aktuellen Spiegel-Titelgeschichte zu Wort. Der Chefredakteur der Bild verteidigt die kritischen Berichte über die Arbeit Drostens. Diese seien gerechtfertigt. Die Vorwürfe, die Bild fahre mit der Berichterstattung eine "Anti-Drosten-Kampagne", seien "Quatsch und frei erfunden", betont Reichelt im Spiegel. Vielmehr hätten andere Medien wie der Spiegel und die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine "üble Kampagne gegen die vollkommen legitime Berichterstattung" der Bild in Gang gesetzt.

Zur Präsenz und zur Popularität des Virologen Drosten sagt Reichelt, er hätte nicht gedacht, "dass wir beim Thema Heiligenverehrung in den Medien so weit gekommen sind".

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Ihre Kommentare
Kopf

Franz Scholze

31.05.2020
!

Herr Drosten sollte sich besser auf seine Arbeit konzentrieren, statt sich ständig in einem öffentlichen Disput zu engagieren. Sein Forum sollte die Forschung sein. So wie er das momentan handhabt, schadet er sich selbst und dem Ansehen der Wissenschaft insgesamt.


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