Julian Reichelt spricht mit Mathias Döpfner über einen dummen Fehler und seine Zweifel

05.06.2020
 

Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner redet mit Bild-Chefredakteur Julian Reichelt in einem Podcast über die Kritikwelle, die der Zeitung entgegenschwappt. Es geht in dem Gespräch um Drosten, aber vor allem um die Person Julian Reichelt. Über seine Zweifel, einen "dummen Fehler", sein Selbstverständnis - und den Tadel von Friede Springer.

Seit fast zwei Jahrzehnten ist Mathias Döpfner Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, Julian Reichelt ist seit mehr als zwei Jahren Chefredakteur von Bild. Beide sind es gewohnt, dass die Bild-Zeitung kontrovers und umstritten ist und oft gescholten wird. Allerdings hat die aktuelle Kritik an Bild, insbesondere bezüglich der Berichterstattung über den Virologen Christian Drosten, eine Intensität erreicht, die auch die beiden Top-Führungskräfte nicht kalt lässt. Die Welle der Empörung, insbesondere in den sozialen Medien, verunsichert die Belegschaft: So werden Mitarbeiter von Freunden und Bekannten dafür kritisiert, dass sie für einen Verlag arbeiten, der Bild herausgibt.

Was ist da passiert? Woher kommt diese Ablehnung? Warum hat Bild so berichtet und was treibt Julian Reichelt journalistisch an? Darüber spricht er mit Springer-Chef Mathias Döpfner im Podcast inside.pod (zu hören auf Spotify oder Soundcloud) von Axel Springer.

Döpfner stellt gleich zu Beginn klar, dass sein Dialog mit dem Bild-Chefredakteur kein normales Interview sein kann: "Natürlich bin ich befangen, ich bin in gewisser Weise Kollege, auch Vorgesetzter von Julian. Wie könnte ich dich jetzt in klassischer journalistischer Form objektiv interviewen? Das geht nicht. Trotzdem glaube ich, wir können ein Gespräch führen, lass es uns mal versuchen."

"Ich glaube, dass jede Kritik immer dazu führen sollte, Zweifel auszulösen", sagt Reichelt zu Döpfner. Grundsätzlich, dass man sowieso, wenn man über so eine gewaltige Reichweite wie Bild verfüge, immer bis zu einem gewissen Grad an den eigenen Entscheidungen zweifeln müsse. Zweifeln im Sinne von Hinterfragen. "Wenn die Kritik zu massiv wird, sollte das einem in diesem Selbsthinterfragen bestärken", betont Reichelt.

Reichelt empfindet es als enorme Last, bei all diesen enorm polarisierenden Themen, "bei denen wir merken, welche Auswirkungen sie auf unser Land haben und dass sie unser Land tatsächlich in Lager trennen, die einander teilweise unversöhnlich gegenüberstehen", täglich, teilweise im Minutenrhythmus, "Entscheidungen darüber zu treffen, wie berichten wir was, wie ordnen wir was ein". Tatsächlich frage er sich jeden Tag: "Haben wir damit jetzt richtig gelegen?". Er versuche sich dann, ein Feedback einzuholen.

Und Reichelt hofft, bei sehr vielen Entscheidungen, "historisch und in den Geschichtsbüchern richtig zu liegen". Das sei am Ende das, worauf es ankomme. Ob man richtig liege, sehe man nicht immer gleich. Und man habe mitunter einen enormen Gegenwind auszuhalten - wie derzeit bei der Drosten-Problematik.

Bild muss aus Sicht von Reichelt kontrovers sein und "muss kritisiert werden, alles andere würde darauf hindeuten, dass wir unseren Job nicht richtig machen". Journalismus ist für Reichelt nicht dafür da, "das zu schreiben, was die Menschen, über die wir schreiben, lesen wollen, sondern das zu schreiben, was die Menschen, für die wir schreiben, von uns erwarten". Also kritische Berichterstattung - zu der sei man verpflichtet. "Und je gesellschaftlich wichtiger und bedeutsamer die Zeiten sind, desto größer wird diese Verpflichtung und ich glaube sie könnte nicht größer sein als im Moment", hebt Reichelt im Axel-Springer-Podcast hervor.

Jede Redaktionskonferenz besteht für Reichelt aus Zweifeln, "dem Ringen darum, in welche Richtung wir mit welcher Berichterstattung gehen". Und er kenne durchaus den Vorwurf und die Wahrnehmung - und die sei auch gar nicht mal falsch - dass er in solchen Situationen extrem aggressiv und extrem engagiert diskutiere. "Das liegt daran, dass ich glaube, es geht tatsächlich um etwas. Die Fragen, die wir in den letzten Jahren behandelt haben, von der Flüchtlingskrise bis zur aktuellen Corona-Politik, sind von so überragender Bedeutung für heute und für alle zukünftigen Generationen, dass sie energische und engagierte Debatte verlangt. Und ich weiß natürlich, dass es schwer ist zu balancieren, wenn man mit dem Amt im Rücken energisch und aggressiv diskutiert, anderen Menschen noch das Gefühl zu geben, sie können da genauso energisch und aggressiv auch mir gegenüber mitdiskutieren. Ich sage in all diesen Runden: Ich wünsche mir, dass die Menschen mit mir so diskutieren, wie ich auch diskutiere. Energische Debatte ist die herausragende Erwartungshaltung, die ich an jeden in der Redaktion habe."

In der "Causa Drosten" habe man gleichwohl nicht alles richtig gemacht: Diese eine Stunde Frist, die man dem Virologen Christian Drosten zur Beantwortung einer Recherchefrage gegeben habe, gehe voll auf seine Kappe, gesteht Bild-Chefredakteur Reichelt. "In der Außendarstellung hätten wir deutlich besser ausgesehen, wenn diese Frist länger gewesen wäre." Döpfner wird an dieser Stelle sehr deutlich, spricht von einem "dummen Fehler". Reichelt widerspricht ihm nicht - und erklärt sich seinem Chef und dem öffentlichen Publikum so: "Wir hatten die Geschichte vorher klar und sauber recherchiert." Und sich dazu zu äußern, war aus unserer Sicht nur noch eine Formalie, die auch in einer Stunde möglich gewesen wäre, und deshalb sei diese Frist von einer Stunde von ihm ausgegangen. Die Fragen an Drosten seien sehr einfach gewesen. "Die Fragen hätte er in der Zeit, in der er getwittert habe, beantworten können", sagt der Bild-Chefredakteur.

Für Reichelt hat die aktuelle, massive Kritik an der Bild ganz klar mit der Zeit zu tun, "in der wir gerade leben". Die Kanzlerin selber habe es die größte Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg genannt. "Und ich glaube, da herrscht ganz große Verunsicherung: persönliche, berufliche, wirtschaftliche Verunsicherung bei wahnsinnig vielen Menschen in diesem Land. Diese Verunsicherung drückt sich oft dadurch aus, dass man sich hinter Heilsbringern und Symbolfiguren versammelt, die dann sehr schnell als unantastbar gelten." Reichelt glaubt grundsätzlich nicht an dieses Unatastbarkeitsprinzip, "egal wie brillant jemand ist, egal wie viel Wissen jemand hat, egal wieviel Macht jemand hat". Niemand sollte Journalismus gegenüber unantastbar sein. Journalismus sollte immer hinterfragen, auch wenn es unbequem und unangenehm ist.

Reichelt meint, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen der Blase, "in der viele von uns leben, und die durch Twitter repräsentiert wird, und Millionen von Menschen, deren Kinder zuhause sind und nicht nur zur Schule können, weil dort aufgrund einer Studie eine politische Empfehlung abgegeben wurde". Und darum sei es von enormer Relevanz, darüber zu berichten.

Dass Bild jetzt derart in der Kritik steht und angeblich einen Tabubruch begangen hat, kann sich Reichelt nicht in Gänze erklären. Vor vielen Aspekten stehe auch er sprach- und fassungslos, weil er überzeugt sei, dass es eine Selbstverständlichkeit für den Journalistenberuf sein sollte, "Dinge, die egal ob sie unbequem sind, die wir als Fakten erachten, auszusprechen".

Reichelt sieht eine Entwicklung - und die habe nicht mit Drosten angefangen - die zu Lager- und Teambildung neigt. Man sehe derzeit auf diversen Social-Media-Plattformen "Team Drosten" und "Team Wissenschaft". "Es gibt aus meiner Sicht kein Team Wissenschaft gegen ein Team Politik", stellt Reichelt klar. Politik und Wissenschaft verwebten sich momentan vielmehr auf eine nie gekannte Weise. Wissenschaft sei dafür da, den Menschen zu dienen - sie könne sich nicht aussuchen, in welchen Medien über sie berichtet werde. Und Wissenschaft habe in Verbindung mit politischer Vernunft und vor allem durch das vernünftige Verhalten der Menschen in der Pandemie gewirkt.

Wie geht Reichelt mit der negativen Energie um? Er habe in den letzten Jahren für viele Sachen viel Kritik abbekommen, dass sei er auch gewöhnt und es sei auch nicht der Job von Journalisten ist, beliebt sein zu wollen. Der Belohnungsreflex auf Social Media - Reichelt nennt das Beispiel mit den Herzen-Klicks auf Twitter - führe dazu, dass auch Journalisten beliebt sein wollten. Aus Reichelts Sicht ist das eine "schwerwiegenden Fehlentwicklung".  

Es sei wahnsinnig schwer geworden und mit wahnsinnig viel Beschimpfungen verbunden, die Position zu vertreten, dass es Fakten gibt. "Wir nennen sie", sagt Reichelt. "Die Suche nach der Wahrheit, das ist dein Weltbild", kommentiert Döpfner an dieser Stelle.

In dem Gespräch geht es auch um die Kritik von Hauptaktionärin Friede Springer, die vor vielen Wochen in einer Runde mit Vorständen Bild-Berichte kritisiert hatte. "Wir haben das nicht dementiert, das ist in einem Haus der freien Meinungsäußerung absolut möglich", sagt Döpfner. Für Reichelt ist es ein ganz normaler Vorgang, dass jemand einer zugespitzten und sehr emotionalisierten Berichterstattung in manchen Punkten kritisch gegenübersteht.

Döpfner: "Bild ist hoch emotional und insofern darf und muss die Auseinandersetzung mit Bild auch emotional sein." Er habe mit Reichelt auch schon oft lebendige und lautstarke Auseinandersetzungen gehabt. "Aber ich glaube, das kann man auf Basis von grundsätzlicher und tief wurzelnder Unterstützung und Vertrauen auch gut aushalten und ich muss auch sagen, ich bin stolz darauf, dass wir in unserem Haus diese Kultur haben, dass das geht."

Hintergrund: Der inside.pod ist der Podcast für Mitarbeiter von Axel Springer und alle, die sich für die Menschen, die Arbeit und das Leben bei Axel Springer interessieren. Der inside.pod wird seit März 2018 produziert und ist auf den Audioplattformen iTunes, earliAudio, SoundCloud, Google Podcast und Spotify zu hören.

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Ihre Kommentare
Kopf

Thomas Lüders

05.06.2020
!

Lieber Herr Reichelt,
Ihre Aufgabe als Journalist ist es, Ihre Leser / Innen zu informieren! Uns interessiert weder Ihre Meinung, noch Ihre Einstellung zum Thema Corona - und wenn Sie meinen, sich mit einem Virologen über das Virus und eine Pandemie fachlich austauschen zu können - machen Sie das bitte privat! Ich möchte dafür nicht sechs Tage in der Woche einen Euro zahlen müssen - soviel kostet die BILD nämlich" . Und hier noch ein Lesetipp für Sie: Die SZ von heute, Seite 16 ...


Claus Pengel

05.06.2020
!

Interessant, wenn die politisch Linie der Kanzlerin von einem Mainstream Produkt verlassen wird, werden, so hat es den Anschein, alle Hebel in Bewegung gesetzt, die von der Regierung abweichende Meinung wieder einzufangen. Mit diesem Umgang, der Unterwerfung eines Chefredakteurs und der daraus resultierenden Berichterstattung, wird der Chefredakteur der Bild zu einem zahnlosen Tiger. Der Nachfolger wird wie ein Hündchen reagieren, eben wie der Mainstream es schon seit langen praktiziert.


Schneider

05.06.2020
!

Lobenswert, dass ein Gespräch zur Selbstreflektion stattfindet. Enttäuschend, was dabei rauskommt. Der erste Bild-Artikel vom 25.5. strotzt vor Fehlaussagen und aus dem Zusammenhang gerissenen, falschen Zitaten. Für mich unwürdiger Journalismus, der nichts damit zu tun hat eine eigene Meinung zu vertreten und dafür zu argumentieren. Das Gespräch eine vertane Chance.


Fabian Stifter

06.06.2020
!

Jeder politisch rechts- oder linksaußen Stehender hätte diese von JR gewählten Argumentationsketten gewählt, selbst damit polarisiert. Insofern erfüllen JR und BILD nicht ihre journalistische Chronistenpflicht sondern sind radikale Polarisierer. Leider!


Gerd

06.06.2020
!

Herr Döpfner, bedrucktes Papier (Bild) kann per se nicht "emotional" sein, aber kann Emotionen (positive und negative) erzeugen. Journalisten, wie Herr Reichelt tragen entscheident zu dem negativen, respektlosen und empatielosen Erscheinung Bild bei. Gepaart mit einer beispiellosen Arroganz. Die qualitative Kompetenz Ihrer Fachmedien findet sich vergeblich in der Headline gewichteten Tages Ausgabe. Herr Reichelt setzen, Note 5!


Bjoern Huelbert

06.06.2020
!

Kritischer Journalismus ist kein Argument für einen unnoblen, respektlosen Stil gegenüber Menschen, die Daten wissenschaftlich analysieren und Empfehlungen im Minutenpaket zum Erhalt der nationalen, globalen Gesundheit in der Covid19-Pandemie leisten. Drosten steht für Engagement. Eine emotional aufgekochte Interpretation mit energischem Diskurs zu begründen ist schwach. Emotionen vor Fachkompetenz zu stellen in einem Medium, das Deutschland meinungsbildend bestimmt: unverantwortlich.


Nölle-Neumann McCombs Shaw

08.06.2020
!

Ich finde interessant, dass Herr Reichelt sich anscheinend ständig fragt, ob man das nun so tun kann, da ja alles so polarisiert ist. Nunja, event. muss man sich aber auch im Sinne einer journ. Berichterstattung mal hinterfragen, ob man nicht an dieser Polarisierung enormen Anteil hat und sie eben gezielt ausnutzt und wo mal Schluss sein muss. Vor Allem medienwiss. im Bezug auf Theorien des AgendaSetting, Nachrichtenwert/-spirale, was alles Herrn Reichelt etwas sagen sollte aber ansch. nich tut


Mockingbird

08.06.2020
!

Das ist in erster Linie Geschwafel und der Versuch der Schadensbegrenzung. Im Journalismus sollte es um Wahrheitsfindung und deren Berichterstattung gehen. Kritischer Diskurs ja, aber immer der Wahrheit verpflichtet. Emotional nein, denn emotionale Berichterstattung dient der Manipulation. Die BILD, aber auch manche andere Medien - Print und Digital - sind nicht neutral und der Wahrheit verpflichtet. Sie sind dem Geld verpflichtet - im Gegensatz zu den öffentlich rechtlichen - und deshalb emotio


Johanná Weström

08.06.2020
!

Die gezielte Diskreditierung eines renommierten Wissenschaftlers wird hier zum „dummen Fehler“ kleingeredet, gleichzeitig aber auf perfide Weise weitergeführt, indem Drosten unterstellt wird, er hätte zum Beantworten der ihm gestellten Fragen „nicht länger gebraucht als für den Tweet“, den er abgesetzt hat. Was lernen wir daraus? Die Macher der Bild-Zeitung sind nicht lernfähig. Anderen werfen sie „grob falsche Studien“ vor, sie selbst sind immer nur die „kritische Stimme“ des Journalismus.


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