Julian Reichelt kündigt mehr Frauen in Führungspositionen bei Bild an - und mehr Zurückhaltung auf Twitter

08.06.2020
 

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt verspricht für die kommenden Wochen "einige sehr spannende Personalien". Diskussionsfreudige Frauen sollen bei Bild mehr Verantwortung übernehmen. Warum Reichelts Twitter-Leidenschaft schwer abgekühlt ist und warum Mathias Döpfner für ihn eine Feldbett-Alternative sucht.

"Ihr habt schon eine Reihe von Frauen in Führungspositionen verloren in den letzten Monaten", bemerkt Springer-Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner im Gespräch mit Bild-Chefredakteur Julian Reichelt im Unternehmenspodcast inside.pod. "Wir haben aber auch schon eine Reihe von Frauen in Führungspositionen aufgebaut. Ich würde sagen, das hält sich ziemlich genau die Waage", entgegnet Reichelt Döpfner, der einst selbst Chefredakteur (Hamburger Morgenpost, Die Welt) war.

"In den nächsten, wenigen Wochen kommen dann noch einige sehr spannende Personalien von großartigen, höchst kompetenten und diskussionsfreudigen Frauen, die bei Bild noch mehr Verantwortung übernehmen werden", kündigt Reichelt an.

Bereits in jeder "Runde" sehr präsent und meinungsstark sei, Alexandra Würzbach, die Reichelt als eine seiner liebsten Diskutantinnen bezeichnet. Reichelt hatte Würzbach als neue Chefredakteurin der Bild am Sonntag und damit als Nachfolgerin von Marion Horn vorgeschlagen, die die Zeitung verlassen hatte. "Wir haben Würzbach als Chefredakteurin berufen, gerade weil sie berühmt dafür ist, dir besonders laut zu widersprechen", betont Mathias Döpfner im Springer-Podcast gegenüber Julian Reichelt.

Danach erklärt Reichelt in dem Beitrag, warum er den Vorwurf eines militärischen Führungsstils als Klischee sieht: "Nichts schafft eine größere Abneigung zum Militärischen und zum Krieg, nichts schafft eine größere Furcht vor Krieg, als 10 Jahre als Reporter im Krieg verbracht zu haben. Ich mag keine Waffen. Ich bin über jeden Tag froh, den wir und unsere Kinder ohne Gewalt durch diese Welt gehen können. Denn ich weiß, was es heißt. Ich bin froh, wenn ich raus bin aus dieser Welt, die ich 10 Jahre lang gecovered habe. Wenn also mein Führungsstil militärisch wäre, gebe es deutlich weniger Debatten bei Bild, dann würden wir nicht jeden Tag so lange konferieren."

Reichelt weiß, dass es das Klischee über ihn auch intern im Unternehmen gibt, aber aus seiner Sicht ist es dumm. "Jeder Mensch, der Krieg erlebt hat, fürchtet nicht mehr als das." Döpfner stützt seinen Chefredakteur an dieser Stelle: Es mute fast zynisch an, dass jemand, der als Kriegsreporter sein eigenes Leben riskiert habe, um über die Grausamkeiten von Krieg zu berichten, quasi als Militarist oder Kriegsverherrlicher dargestellt werde, so der Springer-Chef.

Wie Reichelt seine Zeit als Kriegsreporter geprägt hat und welches Weltbild dabei bei ihm entstanden ist:

"Alle Journalisten, die diesen Job machen, haben für das, woran sie glauben, nämlich, dass wir nach der bestmöglichen Version der Fakten suchen müssen, einen extrem hohen Preis bezahlt. Den habe ich auch bezahlt. Einen Preis, dass man manche Dinge nie wieder los wird, die man dort erlebt hat, und bereit ist, ein Leben lang damit zu leben, was man dort gesehen hat, damit Leute erfahren, was passiert dort wirklich. Ich glaube, dass alle Kritiker von Bild eine Sache verstehen müssen: Wenn es wirklich unangenehm wird, wenn es in dieser Gesellschaft darum geht, mit der eigenen Sicherheit, mit der eigenen Unversehrtheit, für Dinge einzustehen, an die wir glauben, dann können sie sich auf die Marke Bild und auf mich ganz persönlich verlassen. Ich habe mein Leben dafür riskiert und das tun in diesem Geiste bis heute großartige Kolleginnen und Kollegen, weil wir glauben, Journalismus ist wichtig." Dies werde in der Kritik an Bild und an ihm viel zu wenig berücksichtigt. Reichelts "tiefe Überzeugung": Die Welt neige nicht zu Friedfertigkeit und Sonnenschein, sie neige sich tendenziell immer zum Chaos. Und wenn sich Menschen nicht diesem Chaos entgegenstellten, auch mit Fakten und Journalismus, dann gewinne das Chaos.  

Döpfner sagt anschließend zu Reichelt: "Ich kenne kaum einen Fall, bei dem das öffentliche Bild, das Klischeebild, so sehr im Widerspruch zu dem steht, was ich als die innere Wahrheit, die tägliche Wirklichkeit im Umgang mit dir, in der Beobachtung deines Arbeitens erlebe. Woran liegt das? Ich empfinde dich als absoluten Gerechtigkeitsfan, einen zutiefst überzeugten, antitotalitären Menschen, dem der Widerspruch gegen jedes Autoritäre und Totalitäre Grundimpuls ist. Ich bewundere deinen mutigen Kurs in der Kritik der Autokraten und Diktatoren. Ich bewundere deinen Einsatz für freiheitliche Werte, den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus. All das ist da, es ist jeden Tag in der Zeitung belegbar. Trotzdem ist die öffentlich Wahrnehmung und die Wirkung bis weit in bürgerliche Kreise hinein eine andere. Bild schürt das Ressentiment und Reichelt ist der Hetzer."

Reichelt meint dazu: "Wir leben in einer Zeit, in der Öffentlichkeit aus verschiedenen Blasen besteht, die nahezu keine Überschneidungspunkte mehr haben." Das eigene Weltbild sei dann vollkommen unzugänglich für das, "was tatsächlich ist". Der Bild-Chefredakteur nennt das "berühmte Feldbett" in seinem Büro als Beispiel für die Wahrnehmung seiner Person, die er in manchen Punkten verstehen könne, in manchen mache sie ihm sogar Angst. Sein Feldbett stehe in seinem Büro, weil er sehr viel Zeit dort verbringe und manchmal für 20, 30 Minuten schlafe. Döpfner wirft ein, dass man sich dort ja auch ein Futon hinstellen könnte. Ja, das Feldbett habe das Narrativ bestärkt, gibt Reichelt zu. Döpfner fragt ihn darauf, warum er es dann mache - "doch nicht aus Naivität, aus Provokationslust". "Ich habe darauf gar keine gute Antwort", sagt Reichelt. "Ich würde sagen, wenn mir jemand eine optisch anständige Alternative anbietet, wäre ich bereit, es einzutauschen. Döpfner trocken: "Ok, vielleicht findet sich eine Mitarbeiterin oder eine Mitarbeiter, der zuhause so ein Bett stehen hat." Reichelt erklärt schließlich, mit dem Feldbett habe er das kritisierte Image befeuert, dies strahle negativ auf die Marke Bild ab und so könne man dies auch als seinen Fehler bezeichnen. "Es gibt mit Sicherheit Sprache, Ausdrucksweisen, Gesten, die geprägt sind davon, was ich zehn Jahre erlebt habe, und es ist durchaus möglich, dass diese als militärisch empfunden werden." Er müsse also an manchen Punkten vorsichtiger werden und Verhaltensweisen ändern.

Reichelt geht in inside.pod, dem Axel-Springer-Unternehmenspodcast, auch auf die sozialen Medien, insbesondere Twitter, ein. Es sei ein Fehler gewesen, sich dort - als Vertreter von Bild - so vehement in Debatten zu stürzen, die man nicht gewinnen könne. "Was wir über die letzten Jahre gesehen haben: Wir füllen die Kassen von amerikanischen Plattformen dadurch, dass wir uns gegenseitig zerfleischen und schaden. Twitter lebt davon, dass Menschen sich gegenseitig schaden. Social Media und Twitter als Krone der Social-Media-Niedertracht lebt davon, dass Menschen aufeinander losgehen, sich gegenseitig schaden und teilweise selbst schaden. Das ist die Königsdisziplin. Sich durch eine dumme Äußerung selbst zu vernichten, ist das, was auf Twitter am besten funktioniert", weiß Reichelt. Er selbst habe seine Aktivitäten dort deutlich heruntergefahren und er glaubt, dass man als Haus die Aktivitäten auf den sozialen Plattformen noch mehr runterschrauben sollte, das gelte für alle Mitarbeiter. "Es kann nicht sein, dass wir denjenigen, die das Konzept Free Media am meisten untergraben, nämlich Social Media, die Kassen mit unserem Streit füllen."   

Mathias Döpfner pflichtet Julian Reichelt hier bei: Für ihn befriedigen Social-Media-Aktivitäten "im Wesentlichen narzistische Impulse".

Hintergrund: Der inside.pod ist der Podcast für Mitarbeiter von Axel Springer und alle, die sich für die Menschen, die Arbeit und das Leben bei Axel Springer interessieren. Der inside.pod wird seit März 2018 produziert und ist auf den Audioplattformen iTunes, earliAudio, SoundCloud, Google Podcast und Spotify zu hören.

Den ersten Teil des Gesprächs zwischen Springer-Chef Mathias Döpfner und Bild-Chefredakteur Julian Reichelt finden sie hier auf kress.de.

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Ihre Kommentare
Kopf

Frank

09.06.2020
!

"Wir haben Würzbach als Chefredakteurin berufen, gerade weil sie berühmt dafür ist, dir besonders laut zu widersprechen", betont Mathias Döpfner im Springer-Podcast gegenüber Julian Reichelt.
Interessantes Zitat! (Noch?) lauterer Widerspruch gegenüber einem Lautsprecher - geht so Journalismus, HR, "Führung" und Unternehmenskultur bei Springer? Hoffentlich kein Beispiel---


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