Warum Stefan Niggemeier beim Döpfner-Reichelt-Podcast innerlich zerbrach

09.06.2020
 

"Für Reichelt und Döpfner ist jeder Bewohner eines Elfenbeinturms, der nicht zu ihnen in die Jauchegrube kommt": Übermedien- und Bildblog-Gründer Stefan Niggemeier nimmt in einem 20.000 Zeichen umfassenden Beitrag das Podcast-Gespräch von Springer-Chef Mathias Döpfner und Bild-Chefredakteur Julian Reichelt auseinander.

"Ich glaube, ich weiß jetzt, was mich an all dem so furchtbar triggert, dass ich schon wieder 20.000 Zeichen darüber schreiben musste. Reichelts Umgang mit breiter, heftiger, berechtigter Kritik ist nicht, zum Beispiel einzuräumen, dass der Boulevard natürlich vereinfacht und ungerecht ist, dass man mit sehr groben Werkzeugen arbeitet und da viele Späne beim Hobeln anfallen. Stattdessen überhöht er, im Gegenteil, das angebliche Selbstverständnis seiner Arbeit immer noch schwindelerregenderer. Er verklärt die eigene schmutzige Arbeit zu etwas so Edlem, dass der Kontrast zur Realität aberwitzig wird", heißt es in einem Beitrag von Stefan Niggemeier über das Podcast-Gespräch von Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner und Bild-Chefredakteur Julian Reichelt, das innerhalb der Axel-Springer-Reihe inside.pod erschienen ist.

"Ich hatte gar nicht vor, einen langen Text über diesen Podcast zu schreiben. Ich habe mein Pensum an Texten über 'Bild', auch aktuell, ganz gut erfüllt. Aber dieses Gespräch hat mich beeindruckt: mit seiner Konsequenz, mit der die beiden Täter und Opfer umkehren, mit seiner Realitätsverleugnung und mit der Unverfrorenheit, mit der sie hell für dunkel erklären, oben für unten, Lüge zu Wahrheit. Es ist, zugegeben, auch etwas Persönliches", schreibt Niggemeier, der einst den Bildblog gründete. Dieser habe in fast 16 Jahren Tausende Artikel veröffentlicht, "ein umfassendes Archiv von Beispielen für die Art, wie 'Bild lügt' und verdreht und hetzt und Persönlichkeitsrechte verletzt, die kleinen Merkwürdigkeiten und das große Schlimme."

Und irgendetwas ist bei Niggemeier "innerlich zerbrochen", als er nach 19 Minuten im Axel-Springer-Podcast hörte, wie Döpfner Reichelt fragt:

"Dennoch bleibt ganz viel Kritik dieser Tage für 'Bild'. (...) Wie gehst du mit dieser negativen Energie um? Man kann sagen, es gehört zum Job, aber wie schafft man es, dabei nicht zum Zyniker zu werden oder nicht zu verhärten? Was macht das mit dir?"

In Döpfners Welt gehe die negative Energie also nicht von "Bild" aus, sondern sei etwas, das "Bild" treffe. In Döpfners Welt müsse man nicht Zyniker sein, um "Bild"-Chef zu werden, sondern werde es, wenn man nicht aufpasse, durch die heftige, oft ungerechtfertigte Kritik, die man in diesem Job erfahre. In Döpfners Welt drohe man als "Bild"-Chef "zu verhärten", nicht durch das tägliche Brüllen, Skadandalisieren und Manipulieren, sondern wegen der Angriffe, denen man ausgesetzt sei, meint Niggemeier.

"Mathias Döpfner fragt nicht danach, was die 'Bild'-Berichterstattung mit ihren Opfern macht. Er fragt, was es mit dem 'Bild'-Chefredakteur macht, wenn die 'Wutwelle', die 'Bild' auslöst, endlich einmal auf das Blatt selbst zurückschlägt."

Döpfner suche in dem Podcast-Gespräch auch nach einer Erklärung für die große Popularität Christian Drostens. Er frage:

"Ist das irgendwie die Sehnsucht nach klaren Virologen-Päpsten, die quasi mit Unfehlbarkeit urteilen können?"

Niggemeier konstatiert: "Bei allem, was am Fantum um den Charité-Virologen beunruhigend oder problematisch ist: Döpfner hat nicht verstanden, dass es gerade die demonstrative Fehlbarkeit ist, die Drosten für viele Menschen zum Star gemacht hat - das Gegenteil eines 'klaren Virologen-Papstes".

Und weiter kritisiert er in Richtung des Axel-Springer-Chefs: "Ich weiß nicht, ob ihm jemand mal gesagt hat, dass dieser Professor Drosten, gegen den 'Bild' seit Wochen anschreibt, auch deshalb zu so einem Publikumsliebling geworden ist, weil er einen Podcast hat, in dem er Fragen rund um das Coronavirus sehr verständlich beantwortet - und auch über neue und sich verändernde wissenschaftliche Erkenntnisse referiert. (Seine eigene Studie hat er an dieser Stelle übrigens mit dem deutlichen Hinweis versehen, dass man mit ihrer Interpretation sehr vorsichtig sein müsse.)"

Nichts sei grotesker, als ausgerechnet Drosten zu unterstellen, publikumsfern vor sich hinzupublizieren. Es sei nur so: Für Reichelt und Döpfner sei jeder Bewohner eines Elfenbeinturms, der nicht zu ihnen in die Jauchegrube komme.

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Ihre Kommentare
Kopf

Abweichende Meinung

11.06.2020
!

Natürlich ist die Bild ungerecht, unsauber und zum Teil auch menschenverachtend.
Allerdings ist ihr Blickwinkel für die allgemeine gesellschaftliche Diskussion wertvoll. Ob das die vielen Verletzungen aufwiegt, weiß ich nicht.

Stefan Niggemeier mag ja ein guter Autor sein, aber er leidet auch unter der "Meinungsdiktatur" und befindet sich in einem Zirkel, in dem jede abweichende Meinung direkt als verboten verunglimpft wird. Die Bild ist da erfrischend unverkrampft.


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