Christian Lindner: Medienmanager arbeiten auch als versprengter Haufen genial

 

"Ich hätte nie geglaubt, dass ..." - Sie werden diese Worte in den vergangenen Wochen oft gehört haben. Medienmanager nutzen diese Einleitung gerne, wenn sie beschreiben, was sie an unserem Arbeiten in den Zeiten von Corona verblüfft. Eine kress pro-Kolumne von Christian Lindner.

Werte Chefredakteure und Verlagsmanager,

"Ich hätte nie geglaubt, dass ..." - Sie werden diese Worte in den vergangenen Wochen oft gehört haben. Medienmanager nutzen diese Einleitung gerne, wenn sie beschreiben, was sie an unserem Arbeiten in den Zeiten von Corona verblüfft.

Wir alle hätten nie geglaubt, dass Redaktionen so rasch und radikal umgebaut werden können - und dann verblüffend weiter funktionieren.

Wir alle hätten nie gedacht, dass etwas Präsenzerheischendes wie das Komponieren und Realisieren einer Tageszeitung trotz der Komplexitäten unserer IT-Systeme komplett in Heimarbeit funktionieren kann.

Wir alle konnten uns nicht vorstellen, dass unsere Webportale mit maximal dezentralen Strukturen für eine XXL-Krise umgebaut, gesteuert und zu Rekorden geführt werden können.

Und das größte Faszinosum: Wir waren immer davon überzeugt, dass ein Verlag räumlich vereint interagieren muss, um gut zu sein. Jetzt wissen wir: Medienmacher arbeiten auch als versprengter Haufen genial. Homeoffice, IT-Stress, Kurzarbeit, Sorgen um Gesundheit und Zukunft, die Chefs weit weg, fast alle gewohnten Abläufe pulverisiert: All das schien geeignet, etwa Redaktion, Vertrieb, Conversion-Teams, IT und Produktionssteuerung den Rest zu geben. Stattdessen geben sie alles.

Medienmanager erfüllt das zu Recht mit Respekt und Stolz. Solche Sonderleistungen in einer derart langen Sonderlage haben auch etwas mit guter Führung zu tun. Gute Führungskräfte reflektieren aber auch sich selbst. Und dabei müssen wir uns eingestehen: Das Virus hat uns auch gezeigt, dass wir vor Corona zu langsam, zu altmodisch und zu mutlos geführt haben.

Zu langsam? Ja. Wer von uns war wirklich zufrieden mit dem Tempo, mit dem unser Verlag oder unsere Redaktion vor Corona auf unsere Kursänderungen oder auf den Markt reagierte? Und das nicht nur bei Mega-Fragen wie Formatänderung oder Mantelkauf. Selbst kraftvolle Manager ließen es zu, dass etwa die banale Einführung eines Tools wie Slack jahrelang von der Allianz gestriger Betriebsräte, skeptischer ITler und träger Redakteure verzögert wurde.

Und jetzt? Auf einmal nutzen wir alle Slack, Teams & Co. Auf einmal tun wir alle so, als seien fremde Mächte für unsere langatmigen Prozesse verantwortlich gewesen.

Zu altmodisch? Auch das. Wir haben etwa die Arbeit im Homeoffice vor Corona eher ferngehalten als forciert. Wir schätzten es, jeden unserer Leute rufen lassen und fünf Minuten später in unserem Büro sprechen zu können. Wir haben es im doppelten Sinne gebraucht, durch unsere belebten Verlagsräume gehen zu können. Wir waren es gewohnt, dabei mit wachem Auge und siebtem Sinn das komplexe Räderwerk des Medienschaffens zu checken und bei Bedarf einzugreifen. Wir haben uns dabei aber auch als Führungskraft inszeniert. Jetzt müssen wir uns fragen, warum uns die Präsenz unserer Leute im Verlag eigentlich wichtiger war als ihr Output.

Zu mutlos? Vor allem das. Was hat uns vor Corona daran gehindert, den öden Terminjournalismus kleinzuhalten? Wer hat uns gezwungen, an Montagen sechs Seiten Heimatsport mit 1:0-Texten und Tabellenfriedhof zu drucken? Wer von uns hat getestet, ob 24 gut gemachte Seiten auf Dauer mehr Relevanz, Reputation und Rendite generieren als 36 abgefüllte Seiten? Wer hat seine Website vor Corona konsequent auf leser- und lebensnahe Themen ausgerichtet? Wer von uns hat sich vor dem Virus wirklich als systemrelevant verstanden - und dann auch so verhalten, etwa bei der Frage der personellen Ausstattung seiner Redaktionen?

Lassen Sie diese Gedanken zu. Stellen Sie sich ihnen. Sezieren Sie schonungslos, wie viel Zeit und Effizienz Sie vor Corona im Normalmodus verloren haben, wie altmodisch Sie agiert haben, wie mutlos Ihre Produkte vor dem Virus konzipiert waren. Entscheiden Sie, wie viel "vor Corona" Sie wirklich zurückhaben und was Sie nach Corona nicht mehr sehen wollen. Tun Sie das nicht, kriecht das Langsame, Altmodische und Mutlose wieder zurück in Ihre Häuser. Und auch zu Ihnen.

Ihr Christian Lindner

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Die Kolumne "Personalfragen" von Christian Lindner ist in der aktuellen Ausgabe von kress pro erschienen (Titelstory: "Was darf ein Digitalabo jetzt kosten?"). Sie können kress pro 4/2020 in unserem Shop kaufen.

 

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Ihre Kommentare
Kopf
Burkhard P. Bierschenck

Burkhard P. Bierschenck

Verlag Neuer Merkur GmbH
Geschäftsführender Gesellschafter

10.06.2020
!

Ich kann dem nur Recht geben. Die Verlagslandschaft ist immer noch zu einem erheblichen Teil eher konservativ aufgestellt, erst recht die Buchverlage. Anstatt die Chancen zu sehen und zu nutzen, starren immer noch Viele mißtrauisch bis ängstlich auf die Gefahren von Online. Ich schaue lieber nach vorne, macht Spaß - mit 70 haha.


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