Manipulation und Meinungsmache: Wie sich die FAZ jetzt gegen Rezo wehrt

11.06.2020
 

"Der Youtuber Rezo wirft uns vor, zwei Drittel unserer Texte über ihn enthielten Fehler. Seine Vorwürfe sind in fast allen Punkten unberechtigt", sagt FAZ-Redakteur Constantin van Lijnden, der Rezo in einem Video antwortet. Auch der Spiegel bekommt von der FAZ einen mit.

Der Youtuber Rezo verbräme eine persönliche Abrechnung als aufklärerische Medienkritik - und bediene sich dabei genau der manipulativen Techniken, die er zu entlarven vorgebe, bringt die FAZ ihre Kritik in Person von Redakteur Constantin van Lijnden auf den Punkt. 

Rezo habe sich wieder einmal zu Wort gemeldet. Mit seinem Video "Die Zerstörung der Presse" wolle er angeblich auf Missstände in der deutschen Medienlandschaft hinweisen, die er als mitverantwortlich für den Glauben an Verschwörungstheorien ansehe. Was unter dem Deckmantel der Aufklärung daherkomme, sei in Wahrheit ein Stück Meinungsmache in eigener Sache, so van Lijnden, der Rezo ebenfalls mit einem rund 30-minütigen Video antwortet.

Rezo hat in seinem Beitrag, der auf 3 Millionen Klicks zusteuert, neben anderen großen Medien auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter die Lupe genommen. Er liefert in seiner kritischen, aber konstruktiven Analyse insgesamt über 250 Belege (kress.de berichtete). 66,67 Prozent der FAZ-Beiträge über Rezo sollen fehlerhaft sein. Im Falle der "Welt" kommt der YouTuber auf eine Falschbehauptungsquote von 54,05 Prozent, im Falle der "Süddeutsche Zeitung" auf 41,67 Prozent. Grundlage von Rezos Recherche ist eine Auswertung von im Jahr 2019 erschienen Artikeln über ihn selbst.

Die FAZ hält Rezos methodischen Ansatz für "unsinnig und in der Umsetzung tendenziös": "So wurden von den 186 im Untersuchungszeitraum in FAZ-Produkten erschienenen Texten, die das Wort "Rezo" enthalten, nur 70 erfasst und 15 untersucht. Von den 10 angeblich fehlerhaften Texten können wir diesen Vorwurf nur in 3 Fällen nachvollziehen, wobei es sich in allen Fällen um marginale Fehler handelt. Diese haben wir inzwischen korrigiert."

Beispielsweise reiße Rezo an vielen Stellen einzelne Sätze aus dem Zusammenhang und stempele kritische Meinungsäußerungen der FAZ-Autoren als (angeblich unwahre) Tatsachenbehauptungen ab. Es sei somit nicht verwunderlich, dass ausgerechnet diejenige Zeitung, die Rezo und sein CDU-Video 2019 wohl am häufigsten und heftigsten kritisiert hat, die höchste Quote solcher angeblichen "Fehler" aufweise, erklärt die FAZ, die eine "ausführliche schriftliche Stellungnahme zu den methodischen Schwächen der Untersuchung sowie den einzelnen Vorwürfen" an dieser Stelle veröffentlicht hat.

"Teile von Rezos allgemeiner Medienkritik halten wir für berechtigt, und wir begrüßen es, wenn unethische oder unsaubere journalistische Methoden kritisch hinterfragt werden, auch wenn wir die an mehreren Stellen im Video erfolgte Gleichsetzung mit den Argumentationsmustern von Verschwörungstheoretikern für maßlos übertrieben und selbst vertrauensschädigend halten", betont FAZ-Redakteur Constantin van Lijnden. "Im Übrigen fällt es schwer, das angeblich noble Ziel des Videos ernst zu nehmen, wenn Rezo selbst manipulativ vorgeht, um eine persönliche Abrechnung als mediale Qualitätsanalyse zu verbrämen und rufschädigende Unwahrheiten zu verbreiten. Dass Medien, die in seinem Video sehr viel besser wegkommen, auf eine kritische Nachprüfung offenbar verzichtet haben und beispielsweise behaupten, es stimme alles, was Rezo sage, und seine Recherchen seien "tadellos", nehmen wir erstaunt zur Kenntnis."

Damit zielt van Lijnden auf den Spiegel. Der Kulturjournalist Arno Frank hatte Anfang Juni dort einen Kommentar zum jüngsten Rezo-Video verfasst. In Franks Beitrag heißt es: "In einem neuen Video erklärt YouTuber Rezo, was falsch läuft bei den Medien. Was er sagt, stimmt alles, seine Recherchen sind tadellos. Und doch ist dieser audiovisuelle Essay keine Zerstörung, sondern eine Liebeserklärung."

In der Medienforscherin Johanna Haberer findet der mit dem Nannen-Preis ausgestattete Rezo in diesen Tagen eine starke Fürsprecherin: "Ich finde, dass sich ein 27-Jähriger mit einer solchen Akribie und mit sehr vielen Belegen daranmacht, die unterschiedlichen Informations- und Nachrichtenkanäle nachzuvollziehen, und damit ein Bewusstsein dafür schafft, was Journalismus von Propaganda unterscheidet, was hochgejazzter Boulevard ist und wo Menschenvernichtung beginnt - das ist ein ganz wichtiger Beitrag zur Aufklärung. Vor allem auch in dieser Generation, die sich ja völlig anders informiert", so Haberer im Interview mit rnd.de. "Blöd" findet sie nur die Überschrift "Die Zerstörung der Presse". Das sei ja nun wirklich nicht sein Anliegen. Vielmehr liefere Rezo "eine Liebeserklärung an die seriösen Medien, an die großen Zeitungen und Medienmarken, die er auffordert, stärker Selbstkritik zu üben und andere Medien mal in die Pflicht zu nehmen, wenn es nötig ist". Rezo fordere zu Recht, dass die glaubwürdige Presse die Beißhemmung gegenüber den eigenen Leuten verlieren müsse.

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