Trendforscher Matthias Horx: Wir sind Krisenwesen

14.06.2020
 

Die menschliche Zivilisation ist zu schnell und zu überhitzt geworden - und das hat seinen Preis, sagt Matthias Horx in einem Podcast-Interview. Allerdings ist der Trend- und Zukunftsforscher auch überzeugt: "Wir sind Krisenwesen".

Was wird bleiben von der Corona-Krise und wie wird sie unser Handeln und Denken verändern? Diese Fragen treiben den Zukunftsforscher schon seit Beginn der Pandemie um (Tipp: Die Welt nach Corona und Warum Zuversicht jetzt so wichtig ist). Grundsätzlich sei es so, dass Krisen zwar "immer einen Überschuss an Angst produzieren", sagt Matthias Horx im Podcast-Interview von hr Info. Aber der Trend- und Zukunftsforscher, der große Unternehmen berät, ist auch überzeugt: "Wir sind Krisenwesen." Zukunftsängste und Pessimismus bringen uns nicht weiter, findet er: "Die Verstetigung von Pessimismus und Angst führt in die Depression, aber Menschen haben ja eben diesen Überlebenswillen, deshalb sind sie ja in der Lage, mit den Störungen, die das Leben mit sich bringt, umzugehen."

Wenn er auf die Corona-Krise blickt, ist Horx überzeugt, dass viele Menschen positive Erfahrungen machen konnten: "In diesem erzwungenen Stillstand haben sie etwas gemerkt. Sie haben gemerkt, dass sie vielleicht manche Dinge, die sie furchtbar zu glauben brauchten, gar nicht so brauchen. Sie haben gemerkt, dass die Hektik sie auch vom Leben abhält. Das sind doch alles kostbare Erfahrungen." Außerdem habe es vor Krise einen Vertrauensverlust in die Politik gegeben, man habe "die letzten 20 Jahre damit verbracht, Politiker zu beschimpfen". Heute merken wir, "dass wir doch ganz robust sind", und die Politiker nicht ganz so unfähig wie oft behauptet, so Horx im Gespräch mit Maria Milkowa.

In seinem neuen Buch "Die Zukunft nach Corona" stellt Matthias Horx Thesen auf, wie die Corona-Krise unser Denken und Handeln verändern und einen soziokulturellen Kulturwandel einleiten könnte. "Wir werden distanziertere Formen des Grüßens haben, dadurch aber vielleicht auch genauere Formen des Umgangs miteinander", erklärt Horx im hr-Info-Interview. Wir würden auch einen "Ekel" vor zu viel Nähe, zu viel Exzess und sich anbrüllenden Menschen zum Beispiel im Fußballstadion entwickeln, glaubt der Zukunftsforscher: "das wird verekelt, also es wird peinlich, bestimmte so spuckende, übergriffige Verhaltensformen."

Die wichtigste Lehre, die Horx aus der Corona-Krise zieht? "Dass Beschleunigung ihren Preis hat", so Horx. Das Virus sei ja entstanden in der Verdichtung von Mensch und Tier und verbreitet worden durch einen "unfassbar effizienten Flugverkehr" rund um den Planeten. "Alles, was wir unentwegt beschleunigen, erzeugt letzten Endes eine Verlangsamung. Dasselbe ist im persönlichen Leben der Stress: wenn Sie sich in Ihrem Leben zuviel Stress zumuten, dann kriegen Sie einen Nervenzusammenbruch. Das ist das Prinzip der heilenden Krise."

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