Zahlungsbereitschaft für Online-Nachrichten hoch wie nie: Die wichtigsten Ergebnisse des Digital News Report 2020

16.06.2020
 

Welche Arten von Nachrichten für unsere Gesellschaft von Interesse sind, welche Geräte und Wege genutzt werden, um diese zu finden, welchen Anbietern vertraut wird und welche Standpunkte Menschen hinsichtlich der Finanzierung von Journalismus vertreten. Diese Fragen werden seit 2012 im Rahmen des Reuters Institute Digital News Survey untersucht. Jetzt gibt es frische, spannende Daten.

• Das Nachrichteninteresse und die Nachrichtennutzungshäufigkeit bleiben auf hohem Niveau stabil. 94 Prozent der erwachsenen Onliner nutzen 2020 auch vor der Corona-Krise mindestens mehrmals pro Woche die Nachrichten (2019: 95 %) und 71 Prozent sagen, dass sie sehr oder überaus an Nachrichten interessiert sind (2019: 68 %). Merklich gegenüber dem Vorjahr angestiegen sind die Anteile der interessierten 18- bis 24-Jährigen (50 %, +7 Prozentpunkte) und 25- bis 34-Jährigen (66 %, +9).

Im Jahr 2020 sagen zehn Prozent der Befragten, sie haben in den vergangenen zwölf Monaten für Online-Nachrichten Geld bezahlt. Das entspricht einem Anstieg von zwei Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr (2019: 8 %) und ist der höchste Wert, der seit Beginn der Studienreihe im Jahr 2013 gemessen wurde. Zuwächse in den Anteilen der Nutzer, die im Internet für Nachrichten bezahlen, sind in allen Altersgruppen zu beobachten. Am größten fällt der Zugewinn unter den 18- bis 24-Jährigen aus (+5 Prozentpunkte): Im Jahr 2020 gehören 16 Prozent dieser Altersgruppe zu den zahlenden Nutzern, im Vorjahr 2019 waren es elf Prozent.

Ein Großteil der erwachsenen Internetnutzer (46 %) hat keine Bedenken, bestimmte Nachrichten zu verpassen, wenn sie Quellen, für die man bezahlen muss, nicht verwenden. Das ist ein deutliches Indiz dafür, dass viele Nutzer hinter Bezahlschranken keine Exklusivität bzw. keinen Mehrwert vermuten, sondern dass die gleichen Informationen auch aus Quellen verfügbar sind, für die sie nicht zu bezahlen brauchen.

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• Die deutliche Mehrheit der erwachsenen Onliner in Deutschland ist der Ansicht, dass ein unabhängiger Journalismus für das Funktionieren einer Gesellschaft wichtig ist (79 %).

Auffällig sind die Meinungsunterschiede in den Altersgruppen. Während fast 90 Prozent der über 55-Jährigen einen unabhängigen Journalismus für wichtig halten (88 %), sind es in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen lediglich 56 Prozent. Insgesamt betrachtet fast jeder Neunte dieser Altersgruppe unabhängigen Journalismus als unwichtig (11 %) und 15 Prozent haben keine Meinung dazu.

• In der Reichweite der abgefragten Nachrichtenquellen gibt es im Vergleich zum Vorjahr 2019 nur geringfügige Unterschiede. Das klassische Fernsehen ist weiterhin die mit Abstand verbreitetste Nachrichtenquelle (70 %; 2019: 72 %). Dennoch reihen sich auch diese kleinen Unterschiede in den sich seit längerem abzeichnenden Trend. Während anteilig mehr Menschen das Internet als Ressource für Informationen über das Weltgeschehen nutzen, sind die Zahlen derjenigen, die sich mindestens einmal pro Woche Nachrichten im linearen Fernsehen anschauen, rückläufig.

Auffällig ist der Anstieg der Reichweite von sozialen Medien als Nachrichtenquelle. In diesem Jahr nutzen 37 Prozent der befragten Onliner diese Plattform als Quelle für Nachrichten; im Vorjahr 2019 waren es 34 Prozent. In der Gruppe der 18- bis-24-Jährigen nutzen 2020 56 Prozent soziale Medien als Ressource für Nachrichten. Das entspricht einem Anstieg von sechs Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr.

• Mit 42 Prozent ist das Fernsehen für die Mehrheit der erwachsenen Onliner in Deutschland die wichtigste Nachrichtenquelle. Das sind drei Prozentpunkte weniger als im Jahr 2019. Der Anteil derjenigen, die das Internet als Hauptnachrichtenquelle angeben, ist hingegen mit 38 Prozent um zwei Prozentpunkte gestiegen.

2019 gaben 22 Prozent der 18- bis 24-Jährigen an, soziale Medien seien ihre wichtigste Nachrichtenquelle; im Jahr 2020 sind es 30 Prozent. Insgesamt ist der Anteil der erwachsenen Onliner, der soziale Medien als wichtigste Nachrichtenquelle nennt, bei elf Prozent stabil geblieben. Vier Prozent erhalten Nachrichten einzig über diese Plattformen (2019: 3 %). Unter den 18- bis 24-jährigen Internetnutzern erhalten neun Prozent Nachrichteninformationen ausschließlich über soziale Medien. Das sind vier Prozentpunkte mehr als 2019 (2019: 5 %).

Ganz allgemein gesagt vertrauen 45 Prozent der Befragten den Nachrichten in Deutschland. Das sind zwei Prozentpunkte weniger als im vergangenen Jahr (2019: 47 %). Diese leichten Rückgänge sind in den meisten Altersgruppen zu beobachten, am stärksten jedoch unter den 18- bis 24-Jährigen (2020: 31 %; 2019: 40 %). Gleichzeitig zeigt sich, dass der Anteil derjenigen, die den Nachrichten im Allgemeinen nicht vertrauen, im Jahr 2020 mit 23 Prozent nicht angestiegen ist. Vielmehr ist der Teil, der unsicher ist, ob man den Nachrichten vertrauen kann oder nicht, mit 32 Prozent etwas größer geworden (2019: 29 %).

• Den Nachrichten, die die Befragten tatsächlich nutzen, vertrauen insgesamt 59 Prozent; 13 Prozent vertrauen ihnen nicht und 28 Prozent sind unentschieden. In ihrer Tendenz ist diese Verteilung seit 2017 stabil. Bei den 18- bis 24-Jährigen hat das Vertrauen mit 48 Prozent im Jahr 2020 um 14 Prozentpunkte nachgelassen (2019: 62 %).

Nach wie vor ausgesprochen geringes Vertrauen haben Internetnutzer in Nachrichten, denen sie in sozialen Medien begegnen. 14 Prozent geben an, sie vertrauen diesen, unentschieden sind 36 Prozent und jeder Zweite vertraut ihnen nicht (50 %). Diese Werte sind im Vergleich zum Vorjahr weitestgehend stabil geblieben.

In Deutschland haben 37 Prozent der erwachsenen Onliner Bedenken, eventuelle Falschmeldungen nicht von Fakten unterscheiden zu können; 22 Prozent äußern derartige Bedenken nicht und 42 Prozent sind dahingehend unentschieden. In der Gesamtbetrachtung ähneln diese Zahlen denen des Vorjahres 2019. Deutliche Unterschiede lassen sich jedoch in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen feststellen. Während im vergangenen Jahr 2019 39 Prozent von ihnen sagte, sie haben Bedenken, den Unterschied erkennen zu können, sind es im Jahr 2020 nur noch 28 Prozent. Insgesamt zeigen jüngere Altersgruppen tendenziell eine höhere Überzeugung, Fakten von Falschmeldungen unterscheiden zu können als ältere Nutzer.

Die Bedenken, auf welchen Wegen falsche oder irreführende Informationen im Internet verbreitet werden, richten sich hauptsächlich an Facebook. 35 Prozent der Befragten sind über diese Plattform als Verbreitungsweg am ehesten besorgt. Jüngere Onliner beziehen ihre hauptsächlichen Sorgen tendenziell eher auch auf Suchmaschinen und YouTube als ältere.

Der sich in den vergangenen Jahren bereits abzeichnende Siegeszug des Smartphones als Endgerät zur Nutzung des Internets im Allgemeinen und zum Abrufen von Online-Nachrichten im Speziellen setzt sich 2020 fort. 58 Prozent der befragten Onliner ab einem Alter von 18 Jahren verwenden das Smartphone auch, um Nachrichten im Internet zu lesen, zu schauen oder zu hören (2019: 56 %). Einen Laptop oder PC verwendet hierfür jeder Zweite (2020: 49 %; 2019: 55 %). Erstmals wird das Smartphone im Jahr 2020 von einer Mehrheit der erwachsenen Onliner auch als das am häufigsten verwendete Endgerät zur Nutzung digitaler Nachrichten angegeben (2020: 46 %; 2019: 41 %).

• Um Nachrichten im Internet zu finden, greifen mit 37 Prozent die meisten erwachsenen Onliner direkt auf eine Website oder die App eines Nachrichtenangebots zu. Wie in den vergangenen Jahren auch, ist das der insgesamt am weitesten verbreitete Zugangsweg. Onliner im Alter zwischen 18 und 24 Jahren werden auf Nachrichten am ehesten über soziale Medien aufmerksam (37 %). Diese sind für 23 Prozent auch der wichtigste Zugangsweg.

• 58 Prozent bevorzugen es, Nachrichten im Internet zu lesen. Jeder Vierte präferiert Nachrichten in Form eines Videos (26 %) und sieben Prozent in Form von Audio. Hinsichtlich dieser Verteilung lassen sich kaum Unterschiede zwischen den Altersgruppen feststellen. Einzig unter den 18- bis 24-Jährigen lässt sich eine geringfügig höhere Affinität für das Hören von Nachrichten beobachten (12 %). Der Anteil derjenigen, die Nachrichten im Internet am liebsten als Video anschauen, ist in den beiden Gruppen im Alter unter 35 Jahren am geringsten (24 %).

Die Nutzerschaft von Podcasts wächst weiter. Knapp ein Viertel der erwachsenen Onliner in Deutschland (24 %) hat im Jahr 2020 mindestens einen Podcast pro Monat gehört. Im vergangenen Jahr 2019 waren es 21 Prozent. Besonders in den jüngeren Altersgruppen ist diese Möglichkeit, sich über bestimmte Nachrichten und Themen zu informieren, weiter gewach-sen. 54 Prozent der 18- bis 24-Jährigen haben einen Podcast gehört, das entspricht einem Anstieg von elf Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Ein Anstieg der Reichweite lässt sich in allen abgefragten Themengebieten finden.

WhatsApp, YouTube und Facebook sind die sozialen Medien, die unter erwachsenen Internetnutzern in Deutschland am weitesten verbreitet sind und dementsprechend auch die Plattformen, auf denen anteilig die meisten Nutzer mit Nachrichteninhalten in Kontakt kommen. 22 Prozent sehen im Jahr 2020 regelmäßig Nachrichten auf Facebook (2019: 22 %), 16 Pro-zent auf WhatsApp (2019: 16 %) und 14 Prozent auf YouTube (2019: 19 %).

Trotz der vermeintlich stabilen Zahlen zeigen sich mitunter beträchtliche Verschiebungen innerhalb der Altersgruppen. Beispielweise hat Facebook im Kontext von Nachrichtennutzung in allen Altersgruppen unter 45 Jahren sinkende Anteile zu verzeichnen, mit bis zu minus sechs Prozentpunkten in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen. In dieser Altersgruppe gehört auch Instagram mit 20 Prozent zu den Plattformen, die weniger Reichweite für Nachrichten erreichen als im Vorjahr (2019: 23 %).

Trotz der hohen Aufmerksamkeit, die Diskussionen über Nachrichteninhalte in sozialen Medien und Kommentarspalten erhalten, ist nicht zu vernachlässigen, dass nur ein vergleichsweise geringer Anteil der Onliner in Deutschland sich aktiv an der Nachrichtenberichterstattung beteiligt. Elf Prozent teilen regelmäßig Nachrichtenbeiträge in sozialen Medien und zehn Prozent kommentieren sie dort. Die aktuellen Befunde zeigen, dass der Anteil der erwachsenen Onliner, der sich im Internet äußert, auf einem ähnlichen Niveau stabil bleibt. Auch in der Studienwelle 2020 lassen sich kaum Unterschiede im Partizipationsverhalten zwischen den Altersgruppen feststellen. Vielmehr zeigt sich erneut, dass Onliner, die sich selbst im linken oder rechten Teil des politischen Spektrums verorten, anteilig eher Artikel teilen, kommen-tieren und liken als Nutzer in der politischen Mitte.

Über die Hälfte der Internetnutzer im Alter ab 18 Jahren (54 %) sagt, dass sie überaus oder sehr an Nachrichten aus der eigenen Region interessiert sind. Zusammen mit denjenigen, die einigermaßen an lokaler Berichterstattung interessiert sind, sind das 87 Prozent. Die Anteile der Interessierten sind in den älteren Gruppen höher, aber auch unter den 18-bis 24-Jährigen sind zwei Drittel mindestens einigermaßen interessiert (65 %).

Die in allen Altersgruppen am weitesten verbreitete Quelle für Informationen über das lokale Nachrichtengeschehen sind die Inhalte der Lokalzeitung. Insgesamt informieren sich 57 Prozent regelmäßig über deren online oder offline verbreitete Beiträge. In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen sind es 40 Prozent und unter den über 55-Jährigen 65 Prozent. Tendenziell informieren sich ältere Nutzergruppen eher über Angebote des Lokalfernsehens und -radios als jüngere, während jüngere Onliner anteilig eher auch lokale Gruppen, soziale Medien oder Online-Foren im Internet aufsuchen, um sich über lokale Belange zu informieren.

Unter COVID-19-Bedingungen informieren sich mehr erwachsene Internetnutzer in Deutschland über Nachrichtensendungen im linearen Fernsehen (72 %) sowie über etablierte Nachrichtenanbieter im Internet (50 %) und soziale Medien (39 %). Die anteilige Nutzung von Radionachrichten und gedruckten Erzeugnissen ist etwas rückläufig. Gleichzeitig hat die Bedeutung des Fernsehens als Hauptnachrichtenquelle in allen Altersgruppen zugenommen. Während der Pandemie gibt jeder zweite Befragte TV-Nachrichtensendungen oder Nachrichtenkanäle als wichtigste Quelle an. Die Zugewinne für das Fernsehen gehen zu Lasten der An-teile von Internet, Radio und Print.

Die am weitesten verbreiteten Quellen für aktuelle Nachrichten und Informationen über das Virus sind Nachrichtenorganisationen (47 %), Wissenschaftler und Ärzte (44 %) sowie die nationale Regierung (33 %). Knapp jeder zweite erwachsene Onliner (48 %) informiert sich über das Virus auch in sozialen Medien; in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen sind es 72 Prozent, vor allem auf YouTube und Instagram. Dabei werden Informationen von Wissenschaftlern, Ärzten und anderen Gesundheitsexperten zum Coronavirus insgesamt als am vertrauenswürdigsten eingestuft. Soziale Medien und Menschen, die man persönlich nicht kennt, gelten hingegen als kaum vertrauenswürdig.

Hintergrund: Die Studie wird unter Koordination des in Oxford (UK) ansässigen Reuters Institute for the Study of Journalism realisiert, um generelle Trends, aber auch nationale Besonderheiten erkennen zu können. Pro Land wurden 2020 rund 2.000 Personen befragt. Insgesamt basiert die Studie in der achten Wiederholung auf 80.155 Befragten aus 40 Ländern auf sechs Kontinenten. Die Feldarbeit in Deutschland wurde zwischen dem 17. und 30. Januar 2020, also vor der COVID-19 Pandemie, vom Umfrageinstitut YouGov durchgeführt, das auf der Basis von Online-Access-Panels Stichproben zog, die für Internetnutzer der beteiligten Länder ab 18 Jahren repräsentativ sind.

Das Leibniz-Institut für Medienforschung/Hans-Bredow-Institut (HBI) ist für die deutsche Teilstudie des Reuters Institute Digital News Reports verantwortlich. Zuständig sind Sascha Hölig und Uwe Hasenbrink.

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