ARD-Chef Tom Buhrow: Werte wie Respekt, Fairness und Wahrhaftigkeit sind ins Wanken geraten

17.06.2020
 

Seit Januar 2020 führt der Journalist und amtierende WDR-Intendant Tom Buhrow als neuer Vorsitzender die Geschäfte der ARD. Im Interview spricht Buhrow über das gereizte und raue Klima in Deutschland, das auch die Medienbranche trifft.

Die Zeichen stehen auf Sturm - auch im Journalimus und in der Medienbranche, so ARD-Chef Tom Buhrow im Interview mit Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie. "Das Klima in unserem Land ist gereizter und rauer geworden. Sie merken das, wenn Sie die Themen in der Tagesschau sehen, wenn Sie die Kommentarspalten in sozialen Netzwerken lesen, aber auch morgens beim Bäcker oder im Straßenverkehr. Auseinandersetzungen werden scharf geführt, Werte wie Respekt, Miteinander, Fairness und Wahrhaftigkeit sind ins Wanken geraten", sagt Buhrow.

Jetzt müsse sich der unabhängige und kritische Journalismus in Deutschland beweisen. "Ich wünsche mir eine offene, von Respekt geprägte, differenzierte und auf Fakten basierende öffentliche Debatte. Gegensätzliche Positionen können, müssen mit Leidenschaft ausgetauscht und medial begleitet werden, aber das Ziel sollte immer ein besseres Miteinander sein."

Der ARD-Chef betont weiter: "Wir haben den Anspruch, in unseren Programmen wahrhaftig und fair zu sein. Alle Seiten zu Wort kommen zu lassen. Mit verlässlichen Informationen befähigen wir die Menschen, sich eine Meinung zu bilden und an den Debatten in unserer Gemeinschaft teilzuhaben." Dies müsse nicht immer allen gefallen, das sei klar. Wenn aber Journalistinnen und Journalisten wegen dieser wichtigen Arbeit bedroht würden, dann seien Grenzen überschritten.

Buhrow stellt im Interview mit Lilienström auch heraus: Wichtig sei, dass man die nachrichtlichen Angebote der ARD möglichst klar und eindeutig kennzeichne. Denn so könnten die Menschen einordnen und wissen, das sind Nachrichten von einer unabhängigen Quelle. "Im Journalismus gelten - unabhängig von Ausspielwegen - klare Regeln für Nachrichten und Kommentare. Ein Kommentar gibt eine persönliche Meinung und eine individuelle Sicht auf ein Thema wieder und er ist als solcher gekennzeichnet. Im Netz verschwimmen diese Grenzen oft", so Buhrow. Da sei es oft für Userinnen und User schwer, den Überblick zu behalten.

Den größten Teil des Tages ist Tom Buhrow derzeit mit diesen ARD-Zielen beschäftigt: "zu helfen, dass wir in den nächsten Jahren mit dem Rückhalt der Menschen in Deutschland weiter in der Lage sind, gutes Programm für alle zu machen." Dazwischen sei es wichtig, einfach mal Luft zu holen.

"In Deutschland und auf der gesamten Welt steigt das Bedürfnis sich schnell und verlässlich durch einen vertrauten medialen Begleiter zu informieren. Auch deshalb übernehmen öffentlich-rechtliche Medien in diesen Zeiten eine besonders wichtige Funktion der Versorgung und Verbindung. Wir begleiten die Menschen in dieser schweren Zeit", erklärt Buhrow.

Im Ersten Quartal 2020 schalteten Buhrow zufolge täglich über 12 Millionen Menschen die Tagesschau ein:  "Hinzu kommen viele weitere Nutzerinnen und Nutzer, die die Tagesschau online über Apps und Mediatheken abrufen. Darüber hinaus fragen viele Sondersendungen wie "ARD extra" oder auch Politiksendungen extrem nach." Das zeige, wie groß der Informationshunger sei.

Was den ARD-Chef besonders freut: "Wir sind auch für die Jüngeren ein wichtiger Begleiter während der Krise. Wir tun unser Bestes sie grundsätzlich für uns zu begeistern - zum Beispiel indem wir ihnen unsere Mediathek nahebringen."

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