Alarmstufe Rot: Was hilft noch, wenn die Probleme überhand nehmen?

 

Manche Lebenskrise kommt mit jahrelanger Ansage. Immer mehr Probleme haben sich aufgestaut, bis es irgendwann einfach nicht mehr so weitergeht. Trotzdem gibt es Hoffnung, sagt Mediencoach Attila Albert - wenn man bereit ist, bestimmte Dinge zukünftig anders zu machen.

Eine stellvertretende Chefredakteurin spürte seit langem, dass etwas schief lief, ohne es sich erklären zu können. Der Geschäftsführer lehnte ihre Vorschläge mehrheitlich ab. Ihr Chefredakteur sagte ihr offen, dass er sie längst entlassen hätte, wenn er könnte. Im Team spürte sie mitleidige Blicke. Bei Konflikten übergingen die Mitarbeiter sie ungehemmt und holten sich die Zustimmung einfach direkt vom Chef. Sie fürchtete um ihren Job, der ständige Streit erschöpfte sie. Wie kam sie nur wieder aus diesem Alptraum heraus?

Ein Reporter, zweimal geschieden und unterhaltspflichtig für zwei Kinder, war trotz seines guten Gehaltes inzwischen fünfstellig verschuldet. Er hatte sich nach jeder Krise vorgenommen, es endlich bescheidener anzugehen. Doch auch seine aktuelle Wohnung war wieder zu teuer, und er ertappte sich selbst dabei, dass er erneut Reisen plante, die er sich eigentlich gar nicht leisten konnte. Seine neue Partnerin war ihm keine Hilfe, sondern lebte ähnlich unbedacht wie er. Wieso gelang es ihm nicht, vernünftiger zu sein?

Einfacher Ausweg nicht mehr realistisch

In der Coaching-Praxis treffe ich regelmäßig auf Medienprofis, die sich von einer Vielzahl Problemen gleichzeitig belastet fühlen. Hier geht es nicht mehr um Karriereplanung oder Kommunikationsfragen. Sondern: Das ganze Leben ist in Schieflage. Mehrere ungelöste Schwierigkeiten haben sich im Laufe der Jahre überlagert und verstärkt. Ein einfacher Ausweg ist nicht mehr erkennbar, auch nicht realistisch. Trotzdem gibt es Hoffnung. Ein Neuanfang ist auch bei "Alarmstufe Rot" möglich  - unter gewissen Bedingungen.

Diese Kennzeichen sind typisch für eine echte Notlage:

  • Mehrere gravierende Probleme überlagern sich. Einzeln wären sie gut lösbar, zusammen ist es zu viel. Beispiel: Sie haben schwere Konflikte in der Redaktion, pendeln mehrere Stunden am Tag und versorgen einen kranken Angehörigen.

  • Ihre Lage eskaliert, und Sie haben es kommen sehen. Die Entwicklung geht seit langem in die falsche Richtung. Sie haben es ausgehalten, still gelitten oder sich gestritten, aber nicht gelöst. Beispiel: Sie werden im Team schrittweise entmacht.

  • Sie fühlen sich in ein emotionales Chaos verstrickt. Unzählige Gedanken rattern pausenlos durch Ihren Kopf, oft noch nachts im Bett. Sie fühlen Wut, Angst, Enttäuschung, Trauer. Klares, ruhiges Nachdenken ist kaum noch möglich.

  • Ihnen gelingt es nicht, das Problem allein zu lösen. Sie haben es intellektuell erkannt. Aber Sie finden über längere Zeit (6-12 Monate) keinen wirksamen Weg, sich davon zu befreien. Ihnen gehen die Optionen und die Kraft aus. 

  • Ihr Problem kehrt immer wieder zurück. Obwohl Sie sich immer wieder vornehmen, es diesmal anders zu machen, sind Sie doch schon bald wieder in der gleichen Situation. Beispiel: Jedes Mal wieder ein "schwieriger" Partner.

Für einen Coach sind diese Klienten nicht einfach. Fast immer melden Sie sich viel zu spät, z. B. wenige Tage vor dem Entlassungsgespräch oder wenn sie bereits seit vielen Monaten krankgeschrieben sind. Sie verharmlosen ihre Lage noch immer vor sich selbst. Vermuten etwa, es gäbe da nur ein kommunikatives Missverständnis, dass sich mit einigen Tipps sicher schnell lösen ließe. Gleichzeitig sind sie so verausgabt, dass ihnen die Kraft für ruhiges Nachdenken und gezieltes Handeln weitgehend verloren gegangen ist.

Anerkennen, dass man Hilfe benötigt

Für einen echten Neuanfang ist ein grundlegendes Umdenken die Voraussetzung. Etwas, was dem bedeutsamen ersten Schritt in jedem 12-Schritte-Programm (z. B. gegen Sucht) entspricht: Endlich anerkennen, dass man selbst seinen Problemen gegenüber machtlos ist und seinen Alltag eigentlich nicht mehr bewältigen kann. Umgangssprachlich ausgedrückt: "Ich kann mir hier nichts mehr vormachen. Ich kriege das allein nicht hin, habe es jahrelang vergeblich versucht, und die Lage spitzt sich zu. Ich brauche wirklich Hilfe."

Eine solche Situation bewegt sich im Grenzbereich zwischen Coaching und Therapie. Eine Therapie erlaubt deutlich mehr Sitzungen, damit Reflektion und Ursachensuche (80 bis 300 Stunden über ein bis drei Jahre), Die Krankenkasse kann die Kosten teilweise oder ganz übernehmen. Ein Coaching umfasst meist 6-12 Sitzungen über drei bis sechs Monate und wird selbst bezahlt. Diese Methode ist ziel- und zukunftsorientierter als eine Therapie, setzt aber voraus, dass ein Klient dazu überhaupt in der Lage ist. Ein Vorgespräch klärt das.

Wer im "roten Bereich" lebt, braucht also zuerst völlige Ehrlichkeit zu sich selbst. Der zweite Schritt ist, die Belastungen sofort zu senken. Mehr Ruhe und Erholung, weniger aufgewühlte Emotionalität, um überhaupt wieder einen Gedanken fassen zu können. Im dritten Schritt geht es um neue Klarheit: Wo stehe ich, wo will ich hin? Damit sich die Situation nicht gleich beim nächsten Arbeitgeber, Partner usw. wiederholt, wie es bisher meistens oft war. Das erfordert ein gemeinsames Nachdenken über einen neuen Lebensentwurf.

Eine Lebenskrise ist keine Schande

Der vierte Schritt ist, daraus Pläne und konkrete Entscheidungen abzuleiten. Wollen Sie Ihre Arbeitszeit reduzieren, welche finanziellen Veränderungen wären dafür nötig? Gefällt Ihnen Ihr Arbeits- und Wohnort oder wollten Sie sich sowieso verändern? Was würden Sie als sinnvoll und lohnenswert betrachten? Derartige Fragen sind hier zu klären. Bei Bedarf bietet sich auch die Zusammenarbeit mit einem Schulden- oder Suchtberater an, falls etwa eine Umschuldung oder Ratensenkung zu verhandeln ist oder z. B. Alkoholmissbrauch vorliegt.

Eine echte Lebenskrise ist keine Schande. Sie kann jeden Medienprofi einmal treffen und ist oft nur teilweise selbst verschuldet. Halten Sie sich also nicht lange mit Reue oder Vorwürfen an sich selbst oder andere auf. Aber auch nicht ewig mit weiterer Selbsttäuschung ("Ich krieg das schon allein hin!"), wenn Ihnen die vergangenen Jahre gezeigt haben, dass das nicht der Fall ist. Niemand sieht in dieser akuten Phase eine Krise als Chance. Aber später einmal werden Sie wahrscheinlich zurückblicken und sehen, dass genau diese Situation Sie dazu gezwungen hat, gewisse Dinge endlich anders anzugehen.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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