Exklusiv: Union dominiert die Corona-Berichterstattung in den Leitmedien

 

Auf dem Höhepunkt der Krise erhielt die Union in den Leitmedien mehr Aufmerksamkeit als alle anderen Parteien zusammen. Das spiegelt nicht die wichtige Rolle der SPD, sagt Roland Schatz in seiner exklusiven Analyse.

Alle Polit-Umfragen in Deutschland haben seit der Corona-Krise eines gemein. Die erfolgsverwöhnten Grünen mussten sich plötzlich von Zustimmungswerten über 20 Prozent verabschieden und Unions-Politiker rieben sich die Augen, weil die 40 Prozent-Marke wieder in greifbarer Nähe scheint. Um diese drastische Verschiebung zu erklären, kann man auf eine alte Medien-Weisheit zurückgreifen: In der Krise gilt das Scheinwerferlicht eben den Amtsinhabern - auf Kosten der Opposition.

Doch ein Ergebnis verwundert und passt nicht zu diesem klassischen Erklärungsmuster: Warum profitiert nicht auch die SPD? Auch sie ist Teil der Regierung. Und sie stellt mit dem Finanz-Minister (Olaf Scholz), dem Arbeits-Minister (Hubertus Heil), der Justiz- und Verbraucherschutzministerin (Christine Lambrecht) und der Familien-Ministerin (Franziska Giffey) die Schlüssel-Ressorts der Krise.

Schließlich war Covid-19 nur für wenige Wochen allein eine Frage der Gesundheit - ein Ressort, das die CDU mit Minister Jens Spahn besetzt. Die Regierung traf Entscheidungen, die massive Auswirkungen auf die Finanzen der Bürger, ihr Arbeitsverhältnis sowie die Betreuung der Kinder in Schule und Kindergärten hatte. Es ist mit Blick auf die Tag für Tag ausgewerteten deutschen Leitmedien wie Bild, Spiegel, BamS, FAS, WamS sowie die Hauptnachrichten-Sendungen von ARD und ZDF nicht zu erklären, warum sie in den 15.499 Beiträgen, in denen die Journalisten zwischen dem 1. Oktober 2019 und 31. Mai 2020 über politische Themen informierten, die Arbeit der Sozialdemokraten noch nicht einmal mit der Hälfte der Beiträge würdigte, die sie den Vertretern von CDU und CSU einräumten.

Tipp: Beachten Sie bitte auch die beigefügten Grafiken in der Bildergalerie.

Kanzlerin Angel Merkel und ihre Parteifreunde konnten sich freuen, dass ihre Partei die Sichtbarkeit von rund 25 Prozent (aller untersuchten Beiträge) im Dezember 2019 auf fast 55 Prozent im April mehr als verdoppelte. Die SPD dagegen verlor massiv an Sichtbarkeit. Im Dezember erreichte sie in den Leitmedien noch eine ähnliche Sichtbarkeit wie die CDU und befand sich als Koalitionspartner in der Wahrnehmung der Journalistinnen und Journalisten auf Augenhöhe. Auf dem Höhepunkt der Krise im April erhielt sie dagegen verglichen mit dem Dezember nur noch rund die Hälfte der Aufmerksamkeit in den deutschen Leitmedien, obwohl sie für die Regierungspolitik ebenso verantwortlich ist wie die Union.

Auf einen Nenner gebracht: Die Union konnte im April bei zwei Beiträgen immer sicher sein, dass sich mindestens einer mit ihr befasste - während alle anderen fünf im deutschen Bundestag vertretenen Fraktionen auf Wahrnehmung in einem anderen Beitrag hoffen mussten. Dabei gingen FDP, Linke und AFD nahezu leer aus und selbst die erfolgsverwöhnten Grünen waren auf ein ungewohntes Minimum reduziert. 

Mit journalistischen Kriterien allein ist diese wundersame Verschiebung in der Wahrnehmung der politischen Parteien für den Wähler nicht zu erklären. Auch nicht mit der Krise. In Zeiten zunehmender Unzufriedenheit über die Angebote aus Politik und Medien könnte ein Austausch über diese Frage anhand von Daten hilfreich sein. Vielleicht sogar im Parlament, dem einzigen Ort, den die Verfassungsväter für Fragen zur Repräsentation geschaffen haben.

Zum Autor: Roland Schatz ist seit 1993 Gründer und geschäftsführender Chefredakteur des internationalen Medienforschungsinstitutes Media Tenor.

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