Kai Diekmann findet taz-Kolumne einfach nur schlecht, aber man müsse sie aushalten

24.06.2020
 

Kai Diekmann erklärt in einem Interview mit Cicero, was er von der umstrittenen taz-Polizisten-Kolumne hält und aus welchem Grund Horst Seehofer mit seiner angekündigten Strafanzeige, die er inzwischen verworfen hat, falsch lag.

Ex-Bild-Chefredakteur Kai Diekmann ist seit vielen Jahren Genosse bei der taz. Das heißt, er hält Anteile an der Zeitung, die seit gut einer Woche mit einer Kolumne Aufmerksamkeit erregt, in der die Autorin vorschlägt, Polizisten als Abfall zu entsorgen.

Diekmann hält die taz-Kolumne unter journalistischen Gesichtspunkten schlichtweg für schlecht und hätte sich gewünscht, sie wäre nicht veröffentlicht worden, wie er im Interview mit Cicero sagt. "Ich schätze die taz ja auch deshalb, weil sie mitunter zwar geschmacklos ist, aber gleichzeitig geschmacklos gut. Geschmacklosigkeit gehöre zum Boulevard dazu, allerdings müsse sie Qualität haben, so Diekmann im Gespräch mit Cicero-Chefredakteur Alexander Marguier.

Für Diekmann ist die Polizisten-Kolumne der taz auch keine Satire: "Wenn das inzwischen der Standard von Satire in der taz sein sollte, dann wäre es mit der Qualität dieser Zeitung in den letzten Jahren jedenfalls erheblich bergab gegangen. Satire muss ja immer auch einen humoristischen Aspekt haben; man muss darüber lachen können. Das habe ich in dem Fall nicht gekonnt." Es sei also erkennbar ein nachgeschobenes Argument, wenn es heißt "Satire darf alles", betont Diekmann gegenüber Cicero. Das Recht auf freie Meinungsäußerung erfahre in Deutschland aus guten Gründen auch Grenzen. "Vielleicht sollte ich bei einer der nächsten Genossenschaftsversammlungen der taz mal wieder auftauchen und das zum Thema machen", schlägt Diekmann vor.

Was bei der taz-Kolumne letztendlich schief gelaufen ist, darüber kann Diekmann "nur mutmaßen": Womöglich habe es daran gelegen, dass die taz unter einem hohen Druck stehe. Dass also weniger Kollegen mehr Inhalte veröffentlichen müssten. "Da versagt dann wohl an der ein oder anderen Stelle die Qualitätskontrolle", wird Diekmann deutlich.

Auf die Frage von Alexander Marguier, ob Innenminister Horst Seehofer ein bisschen voreilig war, als er am Wochenende in Bild ankündigte, er werde Strafanzeige gegen die Autorin der taz-Kolumne stellen, antwortet Diekmann im Cicero-Interview: "Natürlich fällt es mitunter schwer, Dinge unter das Recht auf Meinungsfreiheit zu subsummieren, die nicht nur geschmacklos sind, sondern auch bösartig und vergiftend. Ich habe allerdings meine Zweifel, ob es in diesem Fall sinnvoll ist, mit juristischen Mitteln dagegen vorzugehen." Zumal die taz-Kolumne dadurch auch noch aufgewertet werde und jetzt zu einer Solidarisierung von Meinungsmachern aus Medien und Kultur mit der Autorin führe, findet Diekmann. Und solch eine Aufmerksamkeit "hätte dieses schlechte Stück Journalismus niemals verdient".

Kai Diekmann, Miteigentümer der Agentur Storymachine, die auch auf Krisen-PR spezialisiert ist, sagt in Bezug auf Horst Seehofer: Solchen Provokationen mit dem Strafrecht beikommen zu wollen, sei der falsche Weg. "Mir sind sehr wenige ähnlich gelagerte Fälle in Erinnerung, bei denen Politiker in juristischen Auseinandersetzungen mit Journalisten erfolgreich gewesen wären."

Auch viele Dinge, die etwa Jan Böhmermann so von sich gebe, findet Diekmann weder geistreich, noch witzig oder satirisch. Aber es seien Sachen, die man trotzdem aushalten müsse.

Update: Bundesinnenminister Horst Seehofer geht nun doch nicht mit einer eigenen Strafanzeige gegen die Autorin der taz-Kolumne vor. Das hat der CDU-Politiker am Donnerstag in einer Pressemitteilung mitgeteilt. Nach sorgfältiger Abwägung habe er entschieden, die Chefredaktion der Zeitung in das Bundesinnenministerium einzuladen, um mit ihr den Artikel und seine Wirkung zu besprechen und sich an den Deutschen Presserat zu wenden.

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