Zwischen Chefsein und Familienwunsch: Wie weibliche Medienprofis ihren Weg finden

 

Zwischen gut gemeinter Bevormundung und speziellen Herausforderungen, die Männer nicht erleben: Weibliche Medienprofis haben sich etabliert, suchen aber oft noch nach einer Rolle, die wirklich zu ihnen passt, sagt Mediencoach Attila Albert. Tipps, wie SIE leichter ihren Weg findet.

Eine Reporterin stellte fest, dass es ihr auch nach vielen Jahren in ihrer Redaktion nicht gelungen war, eine Führungsposition zu erreichen. Trat sie zu bescheiden auf, waren ihre Themen zu unspektakulär oder lag es daran, dass Männer bevorzugt wurden? Die Leiterin einer Verlagsabteilung musste sich selbst eingestehen, dass sie am liebsten nur noch in Teilzeit und keinesfalls mehr in einer Führungsposition arbeiten wollte. Verschenkte sie damit ihr Potential, verriet sie gar eine Sache, für die andere Frauen gekämpft hatten?

Etwa 60 Prozent meiner Coaching-Klienten sind weiblich: Frauen aus allen Altersgruppen, die sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was für sie erstrebenswert wäre. Manche wollen aufsteigen, andere aussteigen. Einige wünschen sich mehr Zeit für Familie und Kinder, andere sind ohne jedes Interesse daran. Einige halten sich für unterbezahlt und glauben an ein System dahinter ("Gender Pay Gap"), andere haben hervorragende Verträge ausgehandelt. Manche arbeitet am liebsten mit anderen Frauen, andere möglichst nicht.

Frauen sind natürlich weitaus individueller, als es die öffentliche Diskussion oft suggeriert. Das Geschlecht allein ist nur ein Faktor. Viele andere spielen ebenfalls eine Rolle. Darunter Lebensalter und -phase, Familienstand, Karrierephase, persönliche Vorstellungen von Glück und Zufriedenheit, biographischer Werdegang und grundlegende Überzeugungen. Gleichzeitig gibt es Fragen, die viele weibliche Medienprofis ansprechen. Um Empfehlungen dafür soll es in der heutigen Kolumne gehen - interessant sicherlich auch für Männer.

Verwahren Sie sich gegen jede Bevormundung

Eine ganze Bewegung - von Initiativen wie "Pro Quote" bis zu Diversity-Beauftragten in nun fast allen Medienhäusern - hat es sich zum Ziel gesetzt, Frauen von einer empfundenen Benachteiligung zu retten. Gleichzeitig zeigt sich bei "High Potential"-Programmen oder auch Podiumsdiskussionen immer wieder ein Mangel an Interessentinnen. Manches Medienhaus meldet gar rückläufige Frauenquoten: Die Beförderten springen wieder ab.

Sie sind einer Vielzahl von Einflüssen ausgesetzt, sowohl gut gemeinten wie hinderlichen. Bilden Sie sich eine unabhängige Meinung. Wollen Sie eine Führungsposition oder würden Ihnen zwar Einkommen, Prestige und Einfluß gefallen, aber nicht der tatsächliche Job? Ist es Ihnen wichtig, unter einer Chefin zu arbeiten oder wollen Sie das gar nicht? Wie viel Zeit wollen Sie mit Ihrer Familie verbringen? Verwahren Sie sich gegen Bevormundung - von allen Seiten.

Denken Sie über naheliegende Arbeitsfelder hinaus

Es ist kein Zufall, dass in Frauen-, Unterhaltungs- und Lifestyle-Redaktionen mehrheitlich Frauen arbeiten, auch in den Führungspositionen. Klambt meldet für die Chefredaktionen eine Frauenquote von 100 Prozent, Funke 87 Prozent, Bauer 64 Prozent, Gruner + Jahr 57 Prozent, Burda 49 Prozent. Vielen weiblichen Medienprofis liegen Themen wie Mode, Stars, Partnerschaft, Familie und Kinder persönlich nah. So ist die Bewerbung nur logisch.

Gleichzeitig gibt es erfolgreiche Journalistinnen in Themengebieten, die oft als traditionell männlich gelten. Nachrichten, Politik, Wirtschaft, Finanzen, Technologie, B2B. Sie kamen aus persönlichem Interesse oder Pragmatismus. Manche auch, weil sie gern weitgehend unter Männern arbeiten. Denken Sie über das, was naheliegend ist, hinaus. Es gibt ganze Medienhäuser, von denen Sie möglicherweise bisher noch nie gehört haben.

Netzwerken Sie mit Frauen und Männern

Als Medienprofi mit Berufserfahrung wissen Sie, dass die guten Jobs oft intern oder an bereits bekannte Bewerber vergeben werden. Ein Netzwerk an relevanten Kontakten ist daher zwingend. Übrigens auch, wenn Sie bei Ihrem Arbeitgeber bleiben wollen. Schon die theoretische Möglichkeit, woanders hin wechseln zu können, gibt Ihnen das nötige Selbstbewusstsein, um eine Gehaltserhöhungen oder Beförderung zu verhandeln.

Netzwerke oder Stammtische speziell für Frauen können hilfreich sein, um Erfahrungen auszutauschen. Manchmal ergibt sich auch eine Karriere-Chance. Insgesamt sollten Sie aber beim Netzwerken nicht auf das Geschlecht der Personen achten, sondern: Dass Sie professionelle Freundschaften aufbauen, und zwar in vielen verschiedenen Medienhäusern und in allen Hierarchie-Ebenen. Das übt zugleich, gelassen und selbstsicher aufzutreten.

Bedenken Sie, dass Sie weniger Zeit haben

Eine biologische Realität ist es, dass Frauen mit Familienwunsch weniger Zeit haben. Sie müssen sich früher als Männer darüber klar werden, wie wichtig ihnen eigene Kinder sind, und entsprechend entscheiden. Durch den medizinischen Fortschritt ist selbst das erste Kind mit Mitte 40 nicht mehr unüblich. Doch ein Mann kann auch mit über 70 noch Vater werden, auch noch mit der zweiten oder dritten Frau. Prominentes Beispiel: Peter Boenisch.

Für weibliche Medienprofis heißt das: Ewige Unklarheit und langes strategisches Zögern ("Erstmal schauen, wie es mit der Karriere läuft...") können sich später sehr rächen. Ich hatte manche Klientin im mittleren Lebensalter, die unerwartet vom Arbeitgeber abserviert wurde, und sich dann fragte, ob sich der Verzicht auf Familie dafür gelohnt hat. Man kann immer noch gewisse Alternativen finden, etwa ein Pflegekind, dieses Risiko aber senken.

Sprechen Sie früh mit Ihrem Partner

Neben der Kinderfrage erfordern auch weitere Themen, dass Sie früh offen mit einem potentiellen oder aktuellen Partner sprechen: Was stellen Sie sich vor, was sind Ihre Erwartungen? Ein journalistischer Beruf ist anspruchsvoll für jede Beziehung: Oft unter Anspannung, Spät- und Schichtdienste, vielfach auch spontane Dienstreisen (z. B. als Reporter). Bei einer Führungsposition verstärkt sich Stress und zeitliche Belastung.

In einer guten Beziehung werden die Belastungen verteilt - meist nach einer Klärung, wer denn bisher was macht. Sprechen Sie über Ihre Erwartungen und was Sie zu geben bereit sind. All das mit Realitätssinn und Pragmatismus: Wer einen Partner hat, der sich ebenfalls beruflich sehr engagiert, muss Aufgaben auslagern (z. B. Putzfrau, Au Pair). Wenn Ihr Partner etwas übernimmt, lassen Sie ihn auch so machen, wie er es für richtig hält.

Sie dürfen wahrscheinlich mehr fordern

Viele weibliche Medienprofis zweifeln stärker an sich als Männer, ist mein Eindruck aus der Coaching-Praxis. Ihnen haben sich oft erst in jüngerer Vergangenheit neue Chancen eröffnet, vieles muss noch ausprobiert werden und sich einspielen. Häufige Selbstzweifel sind: Könnte ich überhaupt ein Team führen? Ich will mehr Geld, kann ich das verlangen? Kann ich mich durchsetzen, wenn mein Team aus ehrgeizigen Männern besteht?

Bluffen ist wichtig bei Verhandlungen, hat aber - wie bei Männern - auch seine Grenzen. Ich habe auch schon weibliche Medienprofis gesehen, die sich mit überzogenen Forderungen selbst aus dem Rennen um eine Stelle geworfen haben. Weit überwiegend gilt aber: Sie dürfen sich mehr zutrauen und dürfen mehr verlangen (z. B. Gehalt, Flexibilität). Auch hier gilt aber: Alternativen vorbereiten, nur so können Sie konsequent verhandeln.

Suchen Sie sich eine lebenserfahrene Mentorin

Die wenigsten Herausforderungen, die Frauen betreffen, sind völlig neu. Auch wenn man Verantwortung nun "Mental Load" nennt oder Betreuung als "Care Arbeit" etikettiert. Es tut oft gut, sich mit einer lebenserfahrenen Mentorin auszutauschen, die das alles schon erlebt und eigene Lösungen gefunden hat. Idealerweise jemand, der älter als 50 Jahre oder sogar schon pensioniert ist, also Zeit und Ruhe für Sie hat und vieles gelassener sieht.

Dabei geht es nicht darum, den Empfehlungen Ihrer Mentorin immer zu folgen oder ihre Lebensentscheidungen zu imitieren. Sie gehören einer anderen Generation an, haben Ihre eigene Persönlichkeit. Sondern: Reflektieren und schärfen Sie Ihre Ansichten. Was wollen Sie, wie wollen Sie auftreten (z. B. wo liegt die Grenze zwischen Freundlichkeit und Flirten), aber auch ganz praktische Fragen (z. B. wie viel Weiblichkeit in der Bürokleidung).

Finden Sie Ihre Wahrheit zwischen den Extremen

Die Generation der weiblichen Medienprofis zwischen 30 und 40 hat vielfach bereits eigene Antworten gefunden - in Bezug auf das eigene Auftreten, aber auch auf Beziehungs- und Familienfragen. Niemand muss sich zwischen Birgit Kelle ("Muttertier: Eine Ansage") oder Sheryl Sandberg ("Lean In") als Rollenmodell entscheiden. Die Wahrheit liegt meist recht pragmatisch zwischen den Extremen, und die Prioritäten dürfen sich auch verändern. Auch: Wo sehen Sie ausreichend Möglichkeiten, was müsste sich grundsätzlich verändern und wäre deshalb für Sie ein Anlass, sich gesellschaftlich oder politisch zu engagieren?

Viele Klischees sind in der Realität widerlegt worden. Etwa, dass sich Frauen angeblich mit Technik, Management oder Organisation schwerer tun - aber auch vermeintlich bessere "Soft Skills" oder mehr Verständnis von Chefinnen für andere Frauen. Es kommt eben doch auf die individuelle Person an, und das ist Ihre Chance und auch Aufgabe: Sie können einen Weg finden, der zu Ihnen passt - ganz egal, was die anderen anfangs dazu meinen.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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