taz-Chefredakteurin Junge begrüßt Gespräch mit Seehofer, sagt aber auch: "Dass der Innenminister vier Tage gebraucht hat, ist bezeichnend"

26.06.2020
 

Horst Seehofer will bekanntlich keine Anzeige gegen eine taz-Autorin erstatten. Für taz-Chefredakteurin Barbara Junge kommt die Entscheidung des Bundesinnenministers nicht überraschend. Warum sie ein Gespräch mit Seehofer begrüßt.

Am Donnerstag gab Bundesinnenminister Horst Seehofer bekannt, dass er "nach sorgfältiger Abwägung" von einer Anzeige gegen eine "taz"-Autorin absieht, die die umstrittene Polizisten-Kolumne "All cops are berufsunfähig" geschrieben hatte (kress.de berichtete). 

"Ich finde es bezeichnend, dass der Bundesinnenminister für eine solche Erkenntnis vier Tage gebraucht hat. Unsere Autorin wurde und wird massiv angefeindet, und ich weiß nicht, ob der Rückzug von Horst Seehofer etwas für sie ändert", meint taz-Chefredakteurin Barbara Junge im Interview mit dem Deutschlandfunk. "Wir stehen auf jeden Fall hinter ihr und vertreten sie", betont Junge.

Die Entscheidung von Seehofer im Fall der Polizisten-Kolumne kam für Junge nicht überraschend. Sie habe damit gerechnet. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass es danach aussieht, dass er die Anzeige wirklich umsetzen würde. Es hat ja doch das eine oder andere Gespräch wohl auch hinter den Kulissen gegeben. Was da genau passiert ist, ich mein, da müssen Sie Herrn Seehofer natürlich selbst fragen", sagt Junge im Interview mit Sebastian Wellendorf im Deutschlandfunk.

Seehofer hat angekündigt, dass er ein Gespräch mit dem Deutschen Presserat suchen möchte - und mit der taz-Chefredaktion. Junge selbst hat nach eigener Aussage noch "keinen direkten Brief" bekommen. In Richtung Seehofer sagt sie aber: "Die 'taz' führt ja gerade eine ganz schön leidenschaftliche Diskussion über Rassismus und Polizei und den journalistischen Umgang damit. Und dass sich der Bundesinnenminister daran beteiligen möchte, begrüße ich."

Hintergrund: Bundesinnenminister Seehofer hatte zur taz-Kolumne am Donnerstag erklärt: "Polizistinnen und Polizisten werden dort nicht nur pauschal in engsten Zusammenhang mit Nazis und Terroristen gebracht, die man 'streng genommen [...] nicht einmal in die Nähe von Tieren lassen' würde, sie werden dort als auf 'die Mülldeponie' gehörend beschrieben, wo sie 'von Abfall umgeben sind' und sich 'unter ihresgleichen' 'bestimmt auch selber am wohlsten' fühlten."

Als Verfassungsminister will Seehofer für die Verwirklichung einer Werteordnung einstehen, die die Würde des Menschen an oberste Stelle stellt. Die taz-Kolumne sei in einer verächtlich machenden, entwürdigenden und menschenverachtenden Sprache geschrieben. "Sprache ist verräterisch und die hier gewählte spricht einer ganzen Gruppe von Menschen pauschal ihre Menschenwürde ab. Ich darf und will mich nicht daran gewöhnen, dass dies als zulässige Form der Auseinandersetzung dargestellt wird."

Indes leitet der Deutsche Presserat ein Verfahren gegen die taz ein. 344 Beschwerden seien wegen der Polizisten-Kolumne bereits eingegangen.

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